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Gregor Gysi, ein Mann des schwebenden Verfahrens.

Gregor Gysi zum 70ten

Ein Leben in der Schwebe

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Gregor Gysi, der viele DDR-Bürger in die bundesdeutsche Demokratie geführt hat, wird 70 Jahre alt.

Nicht Personen machen Geschichte, sondern gesellschaftliche und ökonomische Strukturen bestimmen den Lauf der Welt: So lautete lange Zeit das Credo der Linken. Heute wird niemand bestreiten, dass auch Personen im historischen Prozess ihre Bedeutung haben. Aber noch immer hat es eine gewisse Ironie, wenn ausgerechnet ein Linker als Beweis für diese Erkenntnis dienen kann: Gregor Gysi, der heute 70 Jahre alt wird. 

Wer die Rolle des Berliner Anwalts ermessen will, muss sich zunächst nur den aktuellen Zustand der Linkspartei anschauen. Seit er im Herbst 2015 die Fraktionsführung im Bundestag aufgegeben hat, ist der Streit über ihre Rolle im gesamtdeutschen Parteiensystem endgültig eingefroren. Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht, die jetzt die Doppelspitze bilden, gehen sozusagen den koreanischen Weg: Man bekriegt einander nicht offen, aber man findet auch nicht zur Gemeinsamkeit. Es gibt keinen Sieger, und alle verlieren gemeinsam.

Symbolisch ausgetragen wird der Konflikt an der Frage möglicher Regierungsbeteiligungen (die in der Linken wie bei SPD und Grünen so lange ungeklärt blieb, bis sie sich gar nicht mehr stellte). Wo Gregor Gysi in diesem Streit steht, hat er zuletzt in seiner im Herbst erschienenen Autobiografie klargemacht: „In Fragen einer Koalition nur immer darauf zu bestehen, der andere müsse sich entschieden ändern, führt zurück in eine sektenhafte Verhärtung.“ Und: „Für die Linkspartei bleibt wichtig, den nächsten Akzeptanzschub zu erreichen, indem sie Mitglied der Bundesregierung werden will – ihr neuer Horizont ist dann der einer Gestaltungspartei.“

Wer diese Aussage an der aktuellen Wirklichkeit der Linkspartei misst, stößt rasch auf Gysis eigene politische Tragödie: Ihm ist es nie gelungen, seine Vision einer linkssozialdemokratischen und regierungsfähigen Partei durchzusetzen. Und das hat, wenn nicht alles täuscht, eine Menge mit seinen persönlichen Eigenschaften zu tun. Man kann sagen: Gregor Gysi, der Jurist, ist auch politisch ein Mann des „schwebenden Verfahrens“.

Was ist damit gemeint? Gysi selbst betont in seiner Autobiografie immer wieder sein Bestreben, die Gegenseite dürfe in Gesprächen „ihr Gesicht nicht verlieren“. Schon als DDR-Bürger versuchte er, die Funktionäre der SED-Diktatur mit ihrem eigenen Interesse zu ködern. Um nur ein frühes Beispiel aus der Schulzeit zu nennen: Eine Wandzeitung, die der Schulleitung missfiel, sollte abgehängt werden. Gysi, damals FDJ-Vertreter, schreibt über sein Gespräch mit dem Direktor: „Die Wandzeitung abzuhängen, so argumentierte ich, trage nur zu noch größerem Wirbel bei. (…) Wenn sie aber – es war Montag – bis Freitag hängen bleibe, sei sie noch eine gewisse Zeit Blickfang, dann beruhige sich die Aufmerksamkeit. (…) Ich versprach ihm, dafür zu sorgen, dass am Freitag die Wandzeitung abgenommen werde.“

Diese Art, sich auch den Kopf des Regimes zu zerbrechen, findet sich in unzähligen Versionen wieder, auch in den Verfahren, in denen Gysi als Anwalt prominente Bürgerrechtler vertrat. Der Sohn kommunistischer Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime lebte sein Leben in der Schwebe zwischen Loyalität und Widerstand. 

Dass es einen Moment geben könnte, in dem Loyalität nicht mehr zählen darf, hat er in der DDR nie wirklich verstanden. Das ist übrigens der Kern dessen, was man ihm vorwerfen kann – und nicht die angebliche inoffizielle Stasi-Tätigkeit, auf die angesichts gegenseitiger Nähe weder die SED noch er angewiesen waren.

Nach der Wende wurde Gysi zunächst Vorsitzender der SED-Nachfolgepartei PDS. Und was tat er? Er versuchte, auch seine Partei in den Schwebezustand zwischen Loyalität und Widerstand zu führen. Das ist zwar im demokratischen System viel überzeugender als das Lavieren in der DDR-Diktatur. Aber gerade wegen seines persönlichen Verharrens in einer gewissen Unentschiedenheit hat er es nie vermocht, sich radikal gegen die Fraktion der „Verhärteten“ zu stellen, notfalls bis zum Bruch mit Teilen der eigenen Partei. Gysi steht für den Versuch, die Linke zur systemkritischen, aber regierungsfähigen Kraft innerhalb des Systems zu machen – und für das weitgehende Scheitern dieses Versuchs.

Das schmälert allerdings nicht die großen Verdienste des begnadeten Redners und großen Ironikers. Sein wichtigster Erfolg: In den Jahren nach der Wende hat er einen großen Teil der DDR-Bürger in die bundesdeutsche Demokratie geführt. Er war es, der die damals längst gedeihende Wut und Verachtung der „Abgehängten“ gegenüber dem etablierten System aufnahm und seine Partei zum Sammelbecken machte, ohne der Demokratie-Verachtung das Wort zu reden. Wer das erlebt hat, kann nur den Hut davor ziehen. 

Aber zurück zur Tragödie: Sie hat auch ihre persönliche Seite. Gysi beschreibt sie in der Autobiografie in für ihn ungewohnter Offenheit: „Du nimmst dich zu wichtig. Du hast einen allzeit gefüllten Kalender, verwechselst schon das mit Fülle und Erfüllung – und bemerkst die Leere nicht, die dir wie ein Schatten folgt. Und plötzlich bist du in all dem Gebrauchtwerden, in all der Geschäftigkeit, in all dem Begegnungstrubel doch auch einsam. (…) Du hörst deinen Kindern und Partnern nur noch in Notfällen ernsthaft zu.“

Das ist, nebenbei bemerkt, einer der wenigen großen Momente des umfangreichen Buches „Ein Leben ist zu wenig“. Über weite Strecken erfährt man zwar Interessantes – Altbekanntes, teils Neues. Aber es kommt großenteils in einer erstaunlich abstrakten Sprache daher. Es ist, als verliere der Jurist im Moment des Festhaltens auf Papier sein Vertrauen in das geschliffene und zugespitzte Wort, das er sonst so großartig beherrscht. Aber zuhören wird man ihm auch weiter mit Vergnügen. 

Unser Autor hat 2015 ein Gespräch mit Gysi in Buchform veröffentlicht:„Ausstieg links? Eine Bilanz“, erschienen im Westend Verlag.

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