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Sammelte die Bombensplitter vom Fußballplatz auf: Jupp Derwall.
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Sammelte die Bombensplitter vom Fußballplatz auf: Jupp Derwall.

60 JAHRE DANACH

Leben im Schutt

Der ehemalige Fußballtrainer Jupp Derwall erzählt, wie er als 18-jähriger Soldat aus der Kriegsgefangenschaft floh und in seine zerstörte Heimatstadt zurückkehrte.

Ich erkannte meine Heimatstadt nicht wieder. Das ist Würselen in der Nähe von Aachen und nicht St. Ingbert bei Saarbrücken, wo ich heute wohne. Mein Bruder und ich sind in Würselen aufgewachsen, mein Vater arbeitete bei der Reichsbahn und meine Mutter war Hausfrau. Als ich im April 1945 nach zwei Jahren als Soldat bei der Luftwaffe und kurzer Gefangenschaft im Harz zu Fuß in Würselen ankam, war mein Schrecken groß. Unvorstellbar. Die kleine Stadt lag am Boden, es war grausam, sie anzuschauen. Ob Kirche, ob Geschäftsstraßen, ob Privathäuser, alles war zertrümmert. Ich war achtzehn Jahre alt und völlig schockiert.

Würselen war aufgrund seiner Nähe zur niederländischen und belgischen Grenze während des Krieges ein wichtiger Punkt des Westwalls. Es ging ständig hin und her: Mal eroberten die Deutschen und dann wieder die Amerikaner das Städtchen. Das wechselte dreißig Mal und war ein typischer Häuserkampf. Die Minen und Handgranaten hingen quasi an den Türklinken. Dauernd ging eine Mine hoch. Es war furchtbar für mich, das zu sehen. Noch viel schlimmer als die Zerstörungen war allerdings, dass viele Freunde tot oder schwer verletzt waren. Manchen waren zum Beispiel die Beine abgerissen worden.

Weil alles kaputt war, konnte von Aufbau zunächst überhaupt keine Rede sein. Die Leute waren schlichtweg froh, wenn sie sich irgendwie zwei, drei Räume in all dem Schutt zimmern konnten. Die Männer mussten beim Friseur praktisch den Anzug ausziehen, weil so viel gestohlen wurde in der Not damals. Als es wieder losging mit dem Fußballspielen in Würselen, mussten wir erst einmal die vielen Splitter auf dem Sportplatz aufheben. Sport wurde später mein Leben, im Fußball fühlte ich mich nicht nur als Bundestrainer zu Hause, sondern auch in meinen anderen Funktionen.

Aber das war nach dem Krieg. An der Front war ich als Soldat nicht gewesen, zum Glück, ich war lediglich in der Piloten-Ausbildung für die ME 110 beim Jagdgeschwader A 52 in Braunschweig und in Goslar. Wir saßen hinten in den Maschinen und bekamen gesagt, wann was zu tun sei. Nur Schulung, aber kein Einsatz. Als dort immer weniger deutsche Truppen waren, sind wir in den Harz abgezogen worden. Ich geriet in Gefangenschaft der Amerikaner. Wir lagen mit fast 30 000 Männern im Lager in der Nähe von Kassel. Ich habe mich freiwillig gemeldet, um in einem Bergwerk in Frankreich zu arbeiten. Vom Bergwerk verstand ich etwas. Als wir in offenen Güterwaggons dorthin gebracht werden sollten, bin ich mit zwei Freunden in Frankfurt abgesprungen. Wir ließen uns eine Böschung herunterrollen und versteckten uns in einem Schrebergarten. Dort brannte Licht, und die alte Dame in diesem Schrebergarten half uns. Wir wechselten unsere Kleider und sind losmarschiert.

Sechs Wochen lang bin ich in Richtung Oldenburg gelaufen, wohin meine Eltern evakuiert worden waren. Einer meiner Freunde zweigte in Hagen ab, weil er nach Köln wollte, der andere zweigte in Osnabrück ab, weil er nach Hamburg wollte. Dann bin ich alleine weiter. Es dauerte so lange, weil wir immer nur nachts gehen konnten und möglichst durch Wälder gelaufen sind, um uns zu verstecken. Wir waren schließlich aus der Gefangenschaft entflohene Soldaten.

In Oldenburg holte ich meinen Bruder aus dem Lazarett und meine Eltern ab, dann sind wir zusammen nach Würselen zurückgekehrt. Ich kann wirklich nicht sagen, dass das Leben einfach weiterging. Es hat nach meiner Heimkehr sehr lange gedauert, bis die Stadt, die meine Heimat war, wieder stand.

Jupp Derwall, St. Ingbert

Aufgezeichnet von Petra Mies

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten von den letzten Wochen des Krieges im Dossier 60 Jahre Kriegsende

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