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Leben nach dem Töten

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Phillip war Kindersoldat in Norduganda. Er kann nicht vergessen, was er getan hat, was ihm selbst angetan wurde.

Von CAMPINO

Ob man ihn zum Töten zwang, frage ich ihn. Der Junge starrt auf den Boden, presst seine Hände gegeneinander, die leicht zittern. Er sieht sich vorsichtig um, als schwebte er in Gefahr. Phillip Kidega ist erst 16, aber er sieht älter aus, viel älter, wegen der Falten um seine Augen. Ein Teenager mit schmalen Schultern, die in einem verschlissenen Trikot von Manchester United stecken, "Rooney" steht auf seinem Rücken, die Nummer 10. Ich zeige ihm die Tätowierung auf meinem Unterarm, das Wappentier des FC Liverpool, meines Vereins, und reiße einen kleinen Witz über Manchester United und Rooney. Als Phillip lächelt, kann das Gespräch beginnen.

Wir sitzen im Schatten eines Baums vor dem Krankenhaus von Kitgum, einer Kleinstadt im Norden Ugandas. Vor zwei Tagen bin ich in einer Propellermaschine auf einer Wiese von Kitgum gelandet. Der Landweg von Kampala, der Hauptstadt, gilt trotz der Friedensgespräche zwischen Regierung und Rebellen der "Lord Resistance Army" (LRA) als zu gefährlich. Bob Geldof hatte mich aufgefordert, nach Afrika zu reisen, um auf Probleme hinzuweisen vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm. Vorbereitet wurde die Reise von der Hilfsorganisation Oxfam.

Auf dem Heimweg entführt

Mehr als 1,4 Millionen Menschen leben im Norden Ugandas auf der Flucht vor dem Terror der LRA. Dass sie in den Schutzlagern tatsächlich Schutz finden, ist nicht garantiert. Vor drei Jahren massakrierten LRA-Kämpfer in einer Flüchtlingssiedlung mehr als 250 wehrlose Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Sie töteten mit Macheten oder trieben ihre Opfer ins Feuer.

"Widerstandsarmee Gottes", bedeutet der Name der LRA übersetzt. Ihr Anführer ist ein Psychopath namens Joseph Kony, der vorgibt, mit Engeln zu reden und die Zehn Gebote auszuführen. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat Kony und einige seiner Kommandanten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Es gibt Berichte von abgetrennten Körperteilen, die verspeist werden mussten. In einem Schutzlager nahe Kitgum haben mir Kinder Zeichnungen geschenkt. Ein Bild zeigt, wie ein Baby in einem Topf mit kochendem Wasser liegt. Seit Friedensverhandlungen mit der Regierung begannen und ein Waffenstillstand gilt, strömen abends nicht mehr Tausende Kinder nach Kitgum, als so genannte "Night Commuter" (Nachtpendler), um vor Entführungen sicher zu sein. Mehr als 20 000 Minderjährige, schätzen Menschenrechtsorganisationen wie "terre des hommes", wurden in den vergangenen Jahren verschleppt. Die Mädchen werden von den Rebellen als Sexsklavinnen gehalten, die Jungen trainieren sie zum Töten.

Phillip Kidega, der Teenager mit dem ManU-Trikot, war ein Kindersoldat der LRA. Sie entführten ihn auf dem Heimweg von der Schule, drei Jahren ist das her. Er erzählt mir, dass sie ihn schlugen, als er sich weigerte, ihre Ausrüstung zu tragen. Sie erniedrigten ihn, quälten ihn, drohten ihm. Seine Stimme wird immer leiser, wenn er das erzählt. Das Lager bestand aus einigen Baracken, in denen Hunderte Kämpfer lebten. Es lag jenseits der Grenze, wo die Regierungstruppen Ugandas nicht angreifen können. Die meisten Soldaten waren Kinder, die meisten noch jünger als Phillip, jünger als 10. Phillip war einige Tage dort, als sich alle Bewohner auf einem Platz versammeln mussten.

Es geschah, was zur furchtbaren Strategie der Rebellen gehört: Sie machen die Minderjährigen hörig, indem sie diese zwingen, ein Verbrechen zu begehen, so abscheulich, dass es ihr Schamgefühl verbietet, zu ihrer Familie zurückkehren zu wollen. Sie zwingen die Kinder, ihre Tötungshemmung zu überwinden. Manche Kindersoldaten berichten, dass sie auf ihre eigenen Eltern und Geschwister gehetzt wurden. Ich frage nicht noch einmal nach, was weiter geschah. Aus dem Krankenhaus hört man das Wimmern eines Patienten. Phillip sieht mich an. "Ein Anführer gab mir einen Stock. Er zeigte auf einen jungen Mann und sagte: Töte ihn! Ich wollte nicht, natürlich wollte ich nicht. Der Anführer schrie: Wenn du es nicht tust, bringen wir dich um, und dann gehen wir in dein Dorf und bringen alle um, deine Eltern und deine Geschwister!" Eine Pause entsteht, der Junge schweigt vor Scham.

Er sagte mir: "Töte ihn!"

"Ich hatte keine Wahl, verstehst du?". "Denkst du oft daran?", frage ich ihn. "Ja, jeden Tag, und ich träume davon." Kindersoldaten sind für ihre Kriegsherren meist weniger Wert als die Patronen, die sie verschießen. Oft werden sie als menschliche Schutzschilde eingesetzt, in Minenfelder geschickt, an besonders umkämpfte Straßen, um Sperren zu errichten. Als im Jahr 2000 Äthiopien und Eritrea wegen vierhundert Quadratkilometern verdorrten Landes einen Krieg führten, starben Tausende Kinder in Uniform. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen kämpfen in Afrika etwa 120 000 Kinder unter Waffen, weltweit sollen es 300 000 sein, in 36 Ländern.

Von seiner Angst erzählt Phillip, von der Angst, getötet zu werden. Von den eigenen Leuten oder den Soldaten der Regierungstruppen. Von der Einsamkeit. Niemandem konnte er sich anvertrauen. Nach seiner Familie zu fragen? War lebensgefährlich. "Wie viele Gefechte mit Regierungstruppen hast du erlebt?", frage ich ihn. "Nur drei. Während der letzten Kämpfe gelang mir die Flucht."

Er kehrte in sein Dorf zurück, fand aber seine Familie nicht mehr. LRA-Kämpfer hatten seine Eltern und drei Brüder ermordet. Was er durchlitt, hat den Teenager traumatisiert, wie Tausende andere auch, aber psychologische Hilfe gibt es nicht. Das hier ist Kitgum. Man hört ihm zu und fragt sich, wie viel Leid eine junge Seele aushalten kann.

Zuflucht in der Bibliothek

"Wo wohnst du momentan?", frage ich ihn. "In einem Lager nicht weit von Kitgum. Ich musste das Dorf verlassen, weil die anderen mir übel nahmen, dass ich bei den LRA-Truppen war." "Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre das?" "Dass man mich wieder mit Respekt behandelt. Dass sie mich nicht mehr ,Boy from the bushes' nennen und mit anderen Worten beleidigen."

Phillip spricht immer stockender, es ist nun genug. Wir reichen uns zum Abschied die Hände. Ich sehe ihm nach, wie er zur Bibliothek geht, wo wir uns anfangs begegnet sind. Darin stehen ein paar Regale, drei Tische, an denen junge Männer sitzen und Bücher abschreiben, weil es keine Kopierer gibt. Phillip kommt oft hierher, weil er den Raum mag. Wegen der Ruhe. Es ist der einzige Ort, an dem er ein paar Minuten Frieden findet.

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