Die Bewohner von Osch fragen sich, wo die Polizei war, als die Unruhen begannen.
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Die Bewohner von Osch fragen sich, wo die Polizei war, als die Unruhen begannen.

Kirgistan

Leben mit Misstrauen

  • Christian Esch
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In Osch läuft der Bürgermeister mit einer Pistole herum und die Usbeken wollen auswandern. Flugblätter sollen jetzt beide Völker zur Versöhnung animieren. Von Christian Esch

Osch. Ein Hubschrauber surrt durch den blauen Juni-Himmel. Hinter sich zieht er eine glitzernde Spur im Sonnenlicht. Flugblätter. Sie schneien auf die Landstraße von Osch nach Karasuu, Kinder rennen hin und sammeln sie ein, als wären es Fußballbilder. "Brüder und Schwestern!", steht drauf. Die Flugblättern verkünden, dass das Blut von Usbeken und Kirgisen dieselbe Farbe hat, dass gedungene Mörder die beiden Ethnien aufeinander gehetzt haben. "Stoppen wir das Blutvergießen!" Gezeichnet: Rosa Otunbajewa, Vorsitzende der Provisorischen Regierung Kirgistans.

Die Menschen im Süden Kirgistans finden nach dem Blutvergießen langsam in den Alltag zurück. Das Vorgehen der Bischkeker Regierung wirkt dabei hilflos. Anstatt die Gewalt im Keim zu ersticken, hat sie abgewartet. Erst jetzt, da ganze Straßenzüge in Osch keine Dächer mehr haben und die Flugblätter in ausgebrannten Wohnzimmer segeln - erst jetzt zeigen sich die Behörden entschlossen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Sicherheitskräfte räumen Barrikaden weg, hinter denen sich Usbeken verschanzt haben, sie sammeln Waffen ein.

Der Bürgermeister von Osch, Melis Myrsakmatow, sitzt in seinem Kabinett, neben ihn der stellvertretende Finanzminister Kirgistans. Sie haben den Wiederaufbau der Stadt gesprochen. Osch soll ein Steuerparadies werden für Investoren, und Vizeminister Arsybek Kodschoschew hat vorgeschlagen, dass auch die Stadt auf ihre Land- und Immobiliensteuer verzichtet. Der Bürgermeister fürchtet um seine Unabhängigkeit.

Myrsakmatow ist Kirgise, ein bulliger Mann vom Dorf, ein Aufsteiger. Die Stadt, die er regiert, ist stolz darauf, älter als Rom zu sein. Lange siedelten vor allem Usbeken hier. So war es, als Stalin das Fergana-Tal aufteilte und Osch den Kirgisen zuschlug, und so war es vor zwanzig Jahren, als mit dem Zerfall der Sowjetunion die Grenzen plötzlich Bedeutung gewannen.

Bis heute leben im Stadtzentrum zum großen Teil Usbeken. Sie wohnen in niedrigen Häusern mit verwinkelten Höfen. In den höheren Mehrfamilienhäusern wohnen Kirgisen, Russen, Tataren, chinesische Dunganen.Was immer ein Bürgermeister in so einer Stadt tut, es wird national gedeutet. Myrsakmatow hat nach seinem Amtsantritt vor einem Jahr begonnen, einen neuen Bebauungsplan durchzusetzen und illegale Bauten abzureißen. Es trifft fast immer usbekische Läden und Cafés, denn sie beherrschen die Wirtschaft in Osch.

Das Programm zur Stadtentwicklung wird durchgezogen, sagt Vizeminister Kodschoschew mit Begeisterung. Wenn Hochhäuser gebaut würden, werde das die ethnischen Spannungen mindern, weil sich die Nationalitäten mischen. Die Stadt soll moderner werden. Für viele Usbeken heißt das: Sie soll weniger usbekisch werden. Aber das ist sie jetzt schon, denn verbrannt sind usbekische Stadtteile.

Myrsakmatow ist Hassfigur der Usbeken

Seit den Unruhen ist Myrsakmatow zur Hassfigur der Usbeken geworden. Sehr viele halten ihn für mitschuldig am Blutbad, er streitet das ab: Die Führer der usbekischen Gemeinde hätten es verursacht mit ihren "chauvinistisch-separatistischen" Äußerungen. An jenem 10. Juni, als alles begann mit einer Schlägerei zwischen Jugendlichen, seien ja tausend Usbeken durchs Stadtzentrum gezogen und hätten mit "Allahu Akbar"-Rufen Läden zerstört und Autos angezündet. Das zeige, dass Islamisten dahintersteckten, behauptet Myrsakmatow und verlässt mit einer Pistole am Gürtel seine Kabinett.

Die "Allahu Akbar"-Rufe, von denen der Bürgermeister erzählt, haben auch andere gehört an jenem Donnerstagabend, als zunächst eine usbekische Menge durch die Straßen zog. Und "Allahu Akbar" war auch das letzte, was Guldschygit Mamykow hörte, der jetzt in der Klinik liegt. Sein Hals ist bandagiert, der 31-Jährige hat zwei Operationen hinter sich. Mamykow war am Sonntag auf dem Basar, um einen Brand zu löschen, sagt er, da kamen Usbeken auf ihn zu und schnitten ihm links und rechts in den Hals. Ein wenig tiefer, und er wäre verblutet. Wie ein Hammel.

Zwar sind viele Usbeken religiöser als die - ebenfalls sunnitischen - Kirgisen. Aber ein hoher Polizeioffizier aus Bischkek, der sich namentlich nicht zitieren lassen will, hält sehr wenig von Myrsakmatows Anschuldigung gegen die Islamisten. Zwei andere Kräfte kamen zusammen, sagt er.

Zum einen war da der Kampf um Einfluss in der Unterwelt - usbekische Bosse gegen kirgisische Rivalen. Und zum anderen sorgte der Clan des gestürzten Präsidenten Kurmanbek Bakijew dafür, dass diese Einschüchterung besonders grausam gerieten und die örtlichen Sicherheitsbehörden sich zurückhielten. Schließlich verfügt Bakijews Sohn Maxim über viel Geld, und viele hohe Beamten im Süden verdanken Bakijew ihr Amt - Myrsakmatow eingeschlossen. "Hätte die Polizei am Donnerstag schnell eingegriffen, wäre alles unter Kontrolle geblieben. Wie kann das überhaupt sein, dass solche Unruhen in einer Stadt passieren , und es gibt gar keine Festnahmen?"

Erst so sei der Rachedurst der Kirgisen geweckt worden, und die seien hart im Austeilen. Der Mob brachte Armeewaffen, ja Schützenpanzer in seine Gewalt und stürmte die Viertel der Usbeken. "Alles keine höhere Mathematik", schließt der Offizier. Im Zeitalter von Mobiltelefon und Internet genügt wenig Gewalt, um Menschen aufeinanderhetzen. 1990, als schon mal Usbeken und Kirgisen im Süden Kirgistans aufeinanderprallten, ging das nicht so schnell.

Nun aber ist der Graben zwischen den Volksgruppen gezogen worden. Die offiziellen Opferzahlen seien wohl nur ein Zehntel der tatsächlichen, hat Rosa Otunbajewa jüngst zugegeben. Das hieße, dass 2000 Menschen umgekommen sind - doppelt so viele wie 1990. Die meisten sind Usbeken.

In Nariman, einem usbekisch besiedelten Ort auf der Straße nach Karasuu, haben die Einwohner Unterschriften gesammelt für eine Petition an den Kreml. Sie wollen russische Untertanen werden, Tausende hätten unterschrieben, erzählt der Automechaniker Hikmat. Dem kirgisischen Staat trauen sie nicht. Und in die usbekische Diktatur zieht es sie nicht, auch wenn er das so nicht sagt.

Die Frauen von Nariman sind nach Usbekistan geflohen, erklärt Hikmat. Die Grenze ist nah, zwei Siedlungen entfernt. Sie heißen "Stalin" und "WLKSM", das steht für den Komsomol, die sowjetische Jugendorganisation.

Die Übergangsregierung braucht Legitimation

Am Montag früh wurde der gespannte Frieden in Nariman unterbrochen. Uniformierte stürmten den Ort, entfernten die verbliebenen Barrikaden und suchten nach Waffen. Zwei Menschen starben, mindestens zwanzig wurden verletzt. Die Einwohner berichten von Prügel, Raub, Demütigung und davon, dass ihre Pässe zerrissen wurden. Nariman liegt am Weg zum Flughafen, es beherbergt ein Treibstofflager, es ist ein strategisch wichtiger Ort.

Vielleicht war der Grund für die Brutalität aber auch, dass in Nariman während der Unruhen ein Polizeichef getötet und enthauptet wurde, als dieser vermitteln wollte. Wie aber sollen nun die Zehntausenden usbekischen Flüchtlinge zurückkehren, die immer noch diesseits und jenseits der Grenze warten? Die Behörden haben ihnen vorgeführt, dass sie nicht sicher sind. Am 27. Juni soll auch im Süden Kirgistans abgestimmt werden. Die Übergangsregierung in Bischkek braucht dringend eine Legitimation. Den Einwohnern von Nariman ist nicht nach Wählen.

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