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Ein Fischereihafen in Neufundland.

Neufundland

Leben lernen ohne den Kabeljau

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Vor 20 Jahren verloren 40?000 Fischer auf Neufundland von heute auf morgen ihre Arbeit. Langsam erholt sich die Region von der Krise.

Frank Hutchings erinnert sich noch gut an jenen Tag im Sommer 1992, an dem die Welt zu Ende gehen schien – seine Welt jedenfalls, die seiner Freunde, seiner Familie. Hutchings war mit seinem Kutter „Miss Jacqueline“ irgendwo auf dem Atlantik unterwegs, als sich in der Hafenstadt St. John's gewalttätige Szenen abspielten. Dutzende Fischer stürmten die Pressekonferenz, auf der Kanadas Fischereiminister gerade bekannt gegeben hatte, dass ihnen fortan verboten sei, wovon sie seit vielen Generationen gelebt hatten: der Fang von Kabeljau. Nur mit äußerster Not konnte der Minister der meuternden Menge entkommen.

„Niemand, wirklich niemand auf Neufundland wird diesen Tag je vergessen“, schwört Hutchings. 40?000 Menschen hatten von heute auf morgen ihre Arbeit verloren, die ganze Region ihre Lebensgrundlage. „Die Krise hat jede Familie hier auf die eine oder andere Weise getroffen“, berichtet der 70-Jährige.

Einen Korb über die Reling

Zwanzig Jahre später sitzt Hutchings auf einem Faß in seiner Schiffswerkstatt hoch über der Altstadt von St. John's und flickt ein paar Taue. Er trägt einen blauen Overall und eine Baseballmütze, seine faltige Haut ist von der harten Arbeit auf See gegerbt. Nur noch selten fährt er selbst hinaus aufs Meer, meist überlässt er den Fang jetzt seinen jüngeren Mitarbeitern. Doch sein Wort hat Gewicht, wenn er mit rauer Stimme über die Zukunft seines Berufsstandes sinniert: „Ich glaube nicht, dass die alten Zeiten je zurückkommen.“

Es waren Zeiten des Überflusses. Seit baskische Fischer vor 500 Jahren erstmals an den felsigen Küsten der Atlantikinsel landeten, hatten die Menschen hier vom Kabeljau gelebt. Der britisch-italienische Entdecker John Cabot, der Neufundland 1497 auf die europäischen Seekarten brachte, schrieb in sein Logbuch: „Zum Fischen muss man hier nur einen Korb über die Reling halten, und er ist randvoll.“

Und auf einmal war Schluss. Nach Jahrzehnten der Überfischung durch nordamerikanische und europäische Fangflotten waren die Gewässer vor Neufundland so gut wie leer. Viel zu lange hatte die Regierung Warnungen der Biologen in den Wind geschlagen. Erst als nichts mehr ging, handelte sie.

Das Fangmoratorium von 1992 sollte ursprünglich zwei Jahre lang gelten. Doch es ist noch immer in Kraft. Die geplünderten Bestände erholen sich nur langsam. Schuld daran sind auch ausländische Fangflotten, die außerhalb der kanadischen 200-Meilen-Zone den Fischnachwuchs sofort wieder wegfischen. Auch der Klimawandel hinterlässt Spuren. Die Meeresströmungen haben sich verändert, lange war der Ozean hier kühler als normal. Niedrige Fortpflanzungsraten waren die Folge. Der kanadischen Fischereibehörde zufolge gibt es vor Neufundland heute 90?Prozent weniger Kabeljau als noch in den achtziger Jahren.

Viele Kabeljau-Fischer haben ihrem Beruf den Rücken gekehrt oder sind auf andere Fischarten ausgewichen. Auch Hutchings hat umgesattelt. Heute fängt er vor allem Krabben, er hat eine Fangquote von 400?000 Pfund im Jahr, pro Pfund macht er zwei Dollar Erlös. Damit kann er seine sechs Mitarbeiter bezahlen und seinen 64-Fuß-Kutter unterhalten. „In guten Jahren verdiene ich Geld, in schlechten zahle ich drauf“, sagt er. Wie früher also.

Auf den Tourismus angewiesen

Ansonsten aber haben sich die Zeiten radikal geändert. Auch in Twillingate, einer 2?500-Einwohner-Gemeinde im Norden Neufundlands. Früher lebten die Menschen hier fast ausschließlich vom Fisch. Auch Barry Rogers hat als Jugendlicher noch geholfen, den Kabeljau vom Hafen in die Verarbeitungsfabriken zu bringen. Er weiß noch, wie man Fisch trocknet, salzt und so für den Winter haltbar macht. „Meine Kinder haben davon keine Ahnung mehr“, sagt Rogers.

Heute setzt er ganz auf den Fremdenverkehr. Das pittoreske Örtchen mit seinen bunten Holzhäuschen, malerischen Bootsstegen und schroffen Felsen nennt sich selbst die „Eisberghauptstadt der Welt“, weil der Labradorstrom hier im Sommer riesige Eisberge von Grönland bis direkt vor die Hafeneinfahrt trägt. Rogers hat sich ein kleines Ausflugsboot gekauft. Damit fährt er jeden Tag hinaus zu den Eisbergen, den Papageitaucherkolonien oder den vorbeiziehenden Buckelwalen. „Ohne den Tourismus wären wir in Neufundland aufgeschmissen“, sagt Rogers.

Auf Fogo Island, einer vorgelagerten kleinen Insel ein Autostunde weiter östlich, sind die Folgen der Kabeljau-Krise ebenfalls unübersehbar. In den Dörfern stehen windschiefe Holzhäuschen und leere Kirchen. Die Docks verwittern, viele der Fischerhütten an den alten Hafenanlagen verfallen. Vor dem Moratorium lebten hier mehr als tausend Menschen, heute sind es nur etwas mehr als 700.

„Immer mehr Küstendörfer bluten aus oder sterben ganz. Viele junge Leute sind fortgezogen“, berichtet Rogers. Sie arbeiten jetzt in den Eisen- oder Kupferminen auf Labrador oder auf den Ölfeldern im Westen Kanadas. Auch drei Bohrinseln weit draußen im Atlantik bieten eine Zukunft. Die Vorkommen dort erwirtschaften mittlerweile 15?Prozent des Bruttosozialprodukts der Provinz.

Auch an Land sind nach 20 Jahren erste Zeichen der Besserung zu erkennen. Seit kurzem ziehen wieder Menschen auf „den Felsen“, wie die Neufundländer ihre Insel liebevoll nennen. Auf Fogo Island siedeln sich immer mehr Künstler an. Dort gibt es Galerien, ein kleines Kino, zwei Museen. Auf einigen Klippen hat Star-Architekt Todd Saunders sechs futuristische Ateliers bauen lassen. Auch in Twillingate sprießen immer mehr Souvenirshops aus dem Boden. Jährlich besuchen mittlerweile genauso viele Touristen Neufundland, wie die Insel selbst Einwohner hat: eine halbe Million.

Selbst auf hoher See gibt es neue Hoffnung. „Ich habe in meinen Netzen doppelt so viel Kabeljau-Beifang wie noch letztes Jahr“, berichtet Frank Hutchings. Einen kleinen Teil der versehentlich mitgefangenen Fische darf er für den persönlichen Bedarf behalten. Den Rest wirft er – wie vom Gesetz gefordert – zurück ins Meer. Experten bestätigen, dass sich die Bestände in den letzten beiden Jahren erstmals wieder geringfügig erholt haben. Für eine kommerzielle Fischerei reicht das noch lange nicht. Der Seele von Frank Hutchings aber tut es gut. Der Kabeljau gehört eben zu seiner Identität – bis heute.

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