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Die Traumata überwinden und ein Einkommen ermöglichen seien die wichtigsten Voraussetzungen zur Resozialisierung von Kindersoldaten, betont Ralf Willinger.

Kindersoldaten

Für das Leben gebrandmarkt

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250 000 Kinder kämpfen nach Schätzungen als Soldaten vor allem in Afrika, in Asien und im Nahen Osten. In Uganda gibt es Eingliederungsprojekte ? und erschreckende Schicksale.

Die Mittagssonne brennt gewaltig. Für die Farmer von Lalogi im Norden Ugandas ist es Zeit, Pause zu machen. Seit Stunden schon haben sie mit der Hacke geschuftet. Rund 30 Frauen und Männer, manche in Stiefeln und manche in Flipflops, schieben sich schweigend durch üppige Kohlreihen an den Feldrand. Hier finden sie Schutz im Schatten der Bäume. Ein mit Wasser gefüllter Kanister steht schon da, in einer Kiste finden sich Maisfladen, Gemüse und Obst.

Als alle Essen und Trinken in der Hand halten, melden sich die ersten Kinder, die einige Frauen in ein Tuch gewickelt auf dem Rücken tragen. Erst fangen die Frauen an zu lachen, dann stimmen die Männer ein. Die Kinder werden lauter. Die Mütter nehmen sie vom Rücken, setzen sich und legen die Babys an die Brust. Jetzt geben die Kleinen Ruhe und die Bauern schwatzen kauend.

Die 32-jährige Filda nimmt ihrer Nachbarin das Kind ab, damit die mal durchatmen kann. Ihre vier hat sie im Dorf gelassen. Drei sind in der Schule, die Jüngste betreut eine Nachbarin. Filda, die laut lachen kann und mit ihrem blau-orangefarbenen Kleid Lebenslust ausstrahlt, hat vom Hacken auf dem Feld ganz schwielige Hände. Narben an Armen und an der Schulter erzählen vom Ende ihrer Kindheit.

Tägliche Versöhnungsarbeit neben dem Ackerbau

Hinter ihr hockt Samuel bei den Männern. Trotz der Hitze trägt der 44-Jährige schwere, hohe Schuhe und eine Weste über dem Hemd. Er ist so etwas wie ein Vorarbeiter der Truppe. Die anderen haben Respekt vor ihm. Er nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche, dann erklärt er den Männern geduldig, was als nächstes zu tun ist. Samuel hinkt, als er zur nächsten Männergruppe geht. Die Verletzung hat er sich vor etwas mehr als 30 Jahren zugezogen, bei einem Gefecht im Busch an der Grenze zum Kongo.

Filda, Samuel und andere hier unter den Bäumen eint ein ähnliches Schicksal. Filda ist als 13-Jährige nicht weit von Lalogi entfernt von Milizen gekidnappt worden. Vier Jahre musste sie einem Kommandanten als Sexsklavin dienen. Samuel war als 11-Jähriger entführt und zum Soldaten gedrillt worden. Gewalt und Tod bestimmten auch bei ihm die nächsten Jahre. Er gehörte 2014 zu den Gründern der Farmergruppe, in der inzwischen 54 ehemalige Kindersoldaten und Zwangsprostituierte gemeinsam mit normalen Bauern den Weg in eine gewaltfreie Zukunft gehen. Die Hilfsorganisation World Vision unterstützt das Projekt mit Geld und Fachleuten zur Traumabewältigung. Hier, auf dem Feld, wird neben Ackerbau täglich Versöhnungsarbeit verrichtet. Die jüngere Geschichte Ugandas ist nach dem Schreckensregime von Idi Amin in den 1970er Jahren auch untrennbar mit dem als Kriegsverbrecher gesuchten Joseph Kony verbunden. Es ist eine Geschichte unbeschreiblicher Gewalt, mit der Konys „Widerstandsarmee des Herrn“ (Lord’s Resistance Army LRA) seit den 1980er Jahren den Norden Ugandas überzog. Zehntausende wurden gequält und getötet. Hunderttausende flüchteten in den angrenzenden Südsudan. Kony entführte rund 30.000 Jungen und Mädchen, die als Soldaten oder Sklaven dienen mussten.

2006 ließ der Milizenführer auf der Flucht vor der ugandischen Armee in den Südsudan eine traumatisierte Region zurück. Angst, Terror und Misstrauen haben sich tief in die Köpfe der Menschen eingenistet. Die verschleppten Kinder, denen es nach Jahren gelang zu entkommen, werden bis heute als Rebellen, Rebellenbräute, Rebellenbastarde gebrandmarkt. Sie sollen eigentlich wieder verschwinden. So ist es weltweit. 250 000 Jungen und Mädchen sind aktuell nach Schätzungen der Vereinten Nationen als Soldaten vor allem in Afrika, in Asien und im Nahen Osten eingesetzt. Überleben sie, stehen sie häufig allein. 

Die Schwiegereltern vertrieben Filda, die „Rebellenbraut“

Die zierliche Filda hat überlebt. Als Konys Miliz das Mädchen 1999 aus der Hütte ihrer Mutter zerrten, war dies der letzte Augenblick, in dem sie sich sahen. Der einbeinige Milizenanführer quälte sie mit glühenden Messern, vergewaltigte sie oder überließ sie seinen Männern zur Belohnung nach einem Kampf. „Er kannte keine Gnade“, erzählt Filda leise am Feldrand. Sie hoffte auf den Tod. Mit 15 brachte sie ihr erstes Kind zur Welt, ein Mädchen.

Zwei Jahre später gelang ihr mit Hilfe eines Milizionärs die Flucht. Was aus ihm wurde, weiß sie nicht. „Die Männer waren nicht alle schlecht. Sie wurden gezwungen, Schlechtes zu tun, um zu überleben.“ Die junge Frau fand einen Mann, mit dem sie noch drei Kinder bekam. Doch als er krank wurde und schließlich starb, vertrieb seine Familie die Schwiegertochter. Rebellenbraut, so nannten sie sie. Ein Trauma reiht sich nun an das andere. Ihr Glück war die zwei Tagesmärsche entfernte Farmergruppe, von der sie gehört hatte. Die nahm sie auf.

Samuel schickt die Frauen zurück ins Dorf, weil bald Schulschluss ist. Der gedrungene Mann mit dem kantigen Kopf war einer von Konys Leuten, sie hatten ihn vom Feld seiner Eltern entführt. Erst zehn Jahre später konnte er während eines Gefechts fliehen. Er verdingte sich als Hilfsarbeiter, aber seine Vergangenheit war ihm wie auf die Stirn gebrannt, erzählt Samuel. Nirgends konnte er lange bleiben. „Die Leute hatten entweder Angst vor mir oder sie verabscheuten mich.“ Was er selbst gemacht hat? „Es war schlimm“, sagt er nur.

Samuel schweigt lieber als er redet. „Lalogi“, hebt er mit heiserer Stimme an, „hat mich und viele hier gerettet.“ Samuel sagt, es sei unmöglich zu vergessen, was geschehen ist. „Wir bemühen uns jedoch, damit umzugehen, reden miteinander. Es gelingt immer besser, weil wir uns Zeit lassen.“

Der Staat hat sich aus der Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten zurückgezogen. Nach einem 2000 verabschiedeten Amnestiegesetz erhielten sie 100 Dollar und ein Startpaket mit Vorräten für den Haushalt. Das ist jedoch schon lange vorbei. Ugandas Norden hat die nächste Krise zu bewältigen. Mehr als eine Million Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Südsudan, wo Kony inzwischen wütet, haben inzwischen in den Grenzprovinzen Zuflucht gesucht. Täglich kommen 1500 Menschen hinzu, 65 Prozent sind Kinder.

So geht es auch tausende Kilometer von Europa entfernt um die Bewältigung von Migration und den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft. Eine Antwort, ob und wie diese Aufgabe in Uganda bewältigt werden kann, liegt vielleicht 170 Kilometer nordöstlich. Der Weg führt durch den Busch über eine staubige Schotterpiste. Sie führt länger als vier Stunden über wackelige Brücken, vorbei an Dörfern mit fensterlosen, runden Lehmhütten mit Strohdach in die Kleinstadt Kalongo.

Hier regnet es ohne Unterlass, und ein in Deutschland bekanntes Gesicht steht im Regen. Wolfgang Niedecken, 67-jähriger Frontmann der Kölner Band BAP, scheint das nichts auszumachen. Er schaut ein bisschen fassungslos auf ein nagelneues, zweistöckiges Schulgebäude. Davor erwartet ihn ein alter Bekannter, Okoda W. Booker. der Direktor des Kalongo Technical Instituts, eines Berufsausbildungszentrums. Die Männer umarmen sich.

Niedecken war 2007 das erste Mal in Kalongo. Da gab es hier genau vier baufällige Baracken, in denen Booker begonnen hatte, 98 junge Männer, die meisten ehemalige, heimatlose Kindersoldaten, auszubilden – zu Maurern, Metallbauern oder Landwirten. 2009 startete der Kölner mit World Vision das Gemeinschaftsprojekt „Rebound“. Das Resozialisierungsprojekt ist ein Erfolg: 800 frühere Kindersoldaten und Zwangsprostituierte fanden bislang darüber ihren Weg in ein neues Leben.

Im nächsten Jahr werden im Technical Institut 500 Jugendliche einen Beruf lernen. Direktor Booker erzählt, dass das Engagement der Deutschen seine Regierung in der Hauptstadt Kampala von der Zukunft dieser Ausbildungsstätte überzeugt hätte. Sie leitete kuwaitische Hilfsgelder nach Kalongo, Chinesen bauten dann die Schule. In Kalongos Schreinerei von Terensio Labongo sind die Absolventen gern gesehen. Labongo sagt, sie hätten ein Ziel vor Augen und seien sehr motiviert. Und Imus Okello, ein Metallbauer, meint: „Es sind gute Leute. Wir sollten vergeben.“

Ob das geht? Ja, sagt Ralf Willinger vom Deutschen Bündnis Kindersoldaten, das von Nichtregierungsorganisationen getragen wird. „Jugendliche, die das überlebt haben, sind besonders motiviert, etwas auf die Beine zu stellen.“ Sie seien jedoch seelisch geschädigt. „Sie empfinden Scham, schlechtes Gewissen und haben Angst vor Strafverfolgung.“ Die Traumata überwinden und ein Einkommen ermöglichen seien die wichtigsten Voraussetzungen zur Resozialisierung. Willinger warnt aber davor, ehemalige Kindersoldaten isoliert zu betrachten und zu fördern. „Für uns sind sie Opfer, aus Sicht vieler Einheimischer vor allem aber auch Täter.“

Die Farmer von Lalogi wissen das. Filda will ihre Kinder allein durchbringen, auch wenn der eine oder andere Mann in der Gruppe ein Auge auf sie geworfen hätte, erzählt sie lächelnd. Und Samuel, der ebenfalls allein lebt, kümmert sich darum, dass die Kinder der Farmer täglich in die Schule gehen. Wenn sie mehr wissen als die Alten, werden sie deren Fehler nicht wiederholen, glaubt er. „Wir haben Zukunft“, sagt Samuel, „weil wir uns vertrauen. Wir haben auch keine andere Wahl, wenn wir nicht weglaufen wollen.“

Dieser Text kam dank der Unterstützung von World Vision Deutschland zustande.

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