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Ihre Lebensqualität bewerten mehr als 90 Prozent der Befragten mit „gut bis sehr gut“.

Allensbach-Umfrage Lebensgefühl

Gut leben in Deutschland

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Ein Jahrzehnt der wirtschaftlichen Stärke hat das Lebensgefühl der Deutschen zwischen 30 und 59 Jahren zum Positiven gewandelt. Eine Allensbach-Umfrage deckt aber große Unterschiede zwischen den Schichten auf.

Unzufrieden, pessimistisch, frustriert – dieser schlechte Ruf eilte den Deutschen lange voraus. Ein Jahrzehnt Aufschwung hat aber nicht nur den Arbeitsmarkt und den Staatshaushalt grundlegend verändert, sondern auch das Lebensgefühl. Die neue wirtschaftliche Stärke Deutschlands ist in den Köpfen angekommen und sorgt für eine zunehmend positive Grundhaltung, wie eine Allensbach-Umfrage im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigt. 91 Prozent der 30- bis 59-Jährigen bewerten ihre Lebensqualität als gut oder sehr gut. Sie kenne kaum ein Land, in dem die Zufriedenheit so hoch sei, sagte Allensbach-Chefin Renate Köcher bei der Vorstellung der Ergebnisse. Und sie erinnerte an die noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeiten, als die Bürger unter dem Druck von Rekordarbeitslosigkeit und ökonomischer Dauerstagnation glaubten, sie und ihr Land hätten das Beste hinter sich. Wenn überhaupt hofften die Menschen, ihren Wohlstand halten zu können. In der Rückschau stellt jedoch jeder Dritte fest, dass sich sein Lebensstandard in den vergangenen Jahren verbessert habe. Nur jeder Fünfte beklagt eine Verschlechterung.

Und so ergibt sich das Bild einer überraschend zufriedenen Gesellschaft. Selbstzufrieden ist die Generation Mitte der 30- bis 59-Jährigen nicht. Denn zu meckern hat sie auch im allgemeinen Wohlgefühl genug. Sie wünscht sich mehr finanziellen Spielraum durch niedrigere Steuern und Abgaben. Ein dringendes Anliegen ist ihr das aber nicht. Schon bei der letzten Bundestagswahl hatte sich ja gezeigt, dass Versprechen auf Entlastungen den Parteien keinen Zulauf einbrachten. Es gebe den allgemeinen Wunsch nach Steuersenkungen, aber keinen echten politischen Druck, meinte Köcher.

Dagegen bleiben die Ansprüche an den Staat hoch. Nicht nur beim Bildungssystem sehen die Befragten Defizite. Auch ist nur jeder Vierte der Überzeugung, dass sich Familie und Beruf in Köln, Leipzig oder München gut vereinbaren ließen. Da müssen die Unternehmen mehr tun, aber auch die Politik muss die Betreuungsangebote weiter ausbauen, wenn sie die Bedürfnisse der Bürger ernst nimmt.

Ungewöhnliche hohe Bedeutung messen die Deutschen auch der Kluft zwischen Arm und Reich bei. Bei allen Befragungen zeige sich, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft hier zu Lande ein viel wichtigeres Thema sei als in den meisten anderen Nationen, betonte Köcher. Auch diese Studie belegt die enormen sozialen Unterschiede. Mit sich und der Welt im Reinen sind vor allem die oberen Schichten, die sich durch höhere Bildungsabschlüsse und höhere Einkommen und Vermögen auszeichnen. Von denen mit niedrigem Status ist nicht einmal jeder Zweite mit seiner Lebensqualität zufrieden. Zwei Drittel machen sich Sorgen, dass ihre Vorsorge für die Rentenphase nicht ausreicht, und fürchten Armut in ihrem Alter.

Von „krassen Unterschiede zwischen den Schichten“ spricht Köcher. Wenig überraschend offenbaren sich diese auch und besonders deutlich bei den Erbschaften. Viel ist die Rede von den gigantischen Vermögenswerten, die nach 70 Jahren Frieden von einer Generation an die nächste weitergereicht werden. Doch von dem gewaltigen Reichtum, den Häusern, Eigentumswohnungen, Aktienpaketen und Sparkonten, kommt bei der Mehrheit nichts an. Gerade 41 Prozent erwarten überhaupt eine Erbschaft. Lediglich jeder Zwanzigste rechnet mit einem Nachlass von mehr als 300 000 Euro. „Erbschaften werden die Sorgen der Mehrheit der Generation Mitte um ihren Lebensstandard im Alter nicht beseitigen“, sagte GDV-Präsident Erdland.

Also müssen die Leute selbst vorsorgen. Hier aber tritt das bekannte Dilemma auf. Geld zurücklegen können jene, die es am wenigsten nötig haben. Denen mit niedrigen Einkommen fehlen laut Köcher die finanziellen Ressourcen. Inzwischen haben 22 Prozent die finanzielle Zukunftsplanung ganz aufgegeben, fast ein Viertel mehr als noch 2013. Besonders kritisch sieht die Situation für Frauen aus. Noch immer fühlen sie sich nur sicher, wenn sie ihre Partnerschaft als stabil einschätzen. Nur jede Vierte mit fester Beziehung geht davon aus, dass die Altersvorsorge auch im Fall einer Trennung reichen würde. Bei den Männern vertrauen 41 Prozent darauf.

Zu der Generation der 30- bis 59-Jährigen zählen mehr als 35 Millionen Männer und Frauen. Sie stehen mitten im Berufsleben, erziehen Kinder, kümmern sich um die Alten und finanzieren die sozialen Sicherungssysteme. Sie stellen 71 Prozent der Erwerbstätigen und erwirtschaften 82 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte. Für die Untersuchung hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Juni insgesamt 1020 Männer und Frauen befragt. Das Thema Flüchtlinge beherrschte zu dem Zeitpunkt die öffentlichen Debatten noch nicht ganz so wie heute. Allerdings zeigt die Studie, dass sich die Angehörigen der Generation Mitte in Deutschland ganz überwiegend stark genug fühlen, um Menschen in Not aufnehmen und ihnen helfen zu können.

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