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Frauke Petry, Bundesvorsitzende der AfD, verlässt am Tag nach der Bundestagswahl die Bundespressekonferenz.

Menschen der Schlagzeilen 2017

Das Leben danach

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Sie lösten eine Krise bei der Bundeswehr aus oder sorgten für Empörung nach dem G20-Gipfel ? 2017 standen neun Menschen besonders im Fokus der Medien. Die FR hakt nach, was aus ihnen wurde.

Der Kurzzeit-Politiker: Andrej Holm
Gut möglich, dass die letzte große Stasigeschichte der Nach-1989er-Zeit mit dem Namen Andrej Holm verbunden bleibt. Seine Schuld ist sicherlich begrenzt – wenn man von Schuld überhaupt sprechen will. „Ich habe damals unglücklich agiert, manchmal auch einfach blöd“, sagte Holm dem „Tagesspiegel“.

Der Berliner Senat berief den anerkannten Stadtentwicklungsexperten im Dezember 2016 zum Staatssekretär für Wohnen. Allerdings verwickelte sich der heute 47-Jährige in Widersprüche, was seine Vergangenheit als Offiziersschüler beim Ministerium für Staatssicherheit betrifft. Er hatte nämlich 2005 – als er nicht mehr jugendlich war – gegenüber seinem bisherigen Arbeitgeber, der Berliner Humboldt-Universität, falsche Angaben zu dieser hauptamtlichen Tätigkeit gemacht. Und das, obwohl er sich sogar verpflichtet hatte, im Auftrag des MfS Journalismus an der Universität Leipzig zu studieren. Nach wochenlangen erregten Debatten trat Holm am 16. Januar zurück.

Der rechte Soldat: Franco A.
Es klang wie die Geschichte aus einem schlechten Drehbuch: Ein Bundeswehrsoldat mit rechtsextremer Gesinnung lässt sich als syrischer Flüchtling registrieren. Er spricht kein Arabisch, aber sein Betrug fällt nicht auf. Er führt ein Doppelleben, pendelt zwischen Asylunterkunft und Kaserne. Seine Studienarbeiten mit rechtsextremen Inhalten werden in der Truppe durchgewunken. Erst als er in Österreich eine Waffe in ein Flugzeug schmuggeln will, fliegt er auf. In seinem Umfeld werden Anschlagspläne gefunden. Der 28-jährige Oberleutnant Franco A. wird im April festgenommen.

Sein Fall zeigt dramatische Fehler der Asylbehörden auf. Er bringt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ins Wanken, die von einem Haltungsproblem und Führungsversagen in der Truppe spricht. Im November hebt der Bundesgerichtshof den Haftbefehl gegen Franco A. auf. Es bestehe kein konkreter Tatverdacht. Franco A. wird aus der Untersuchungshaft entlassen. Im Dezember erhebt die Bundesanwaltschaft Anklage wegen der Vorbereitung eines Terroranschlags.

Der Freigelassene: Peter Steudtner
Zuletzt übte sich Peter Steudtner in Solidarität mit einem, dem es ähnlich geht. In einem Brief schrieb der Berliner Menschenrechtsaktivist an den unverändert in der Türkei inhaftierten „Welt“-Journalisten Deniz Yücel: „Ich rufe Dir zu: Du schaffst das!“ Beide gerieten in diesem Jahr zwischen die Speichen der Geschichte. Steudtner und andere Aktivisten, von denen einige Amnesty International angehören, waren im Juli während eines Menschenrechts-Seminars festgenommen worden. Ihnen wurde unter anderem die Unterstützung von Terrororganisationen vorgeworfen.

Zum Prozessauftakt hatte Steudtner alle Vorwürfe zurückgewiesen. Trotz wochenlanger Proteste der Bundesregierung tat sich aber wochenlang nichts. Ende Oktober kam der 46-Jährige dann plötzlich frei. Andere politische Gefangene hatten ähnliches Glück. Yücel jedoch sitzt weiter ein. Da das Regime des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wirtschaftlich und politisch zunehmend unter Druck gerät, stehen die Chancen nicht schlecht, dass auch er 2018 rauskommt.

Die Wahlverliererin: Hannelore Kraft
Anorak und Freizeitschuhe, einladendes Lächeln und zupackende Worte: Wer Hannelore Kraft Ende April im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf gesehen hat, der hätte sich eines nur schwer vorstellen können: Dass ihre Karriere als Ministerpräsidentin rasch vorbei sein sollte. Doch dann nahm die CDU-Kampagne Fahrt auf, die Kraft vorwarf, sie sei verantwortlich dafür, dass NRW in Sachen Bildung, Infrastruktur und Sicherheit schlechter dastehe als andere Länder. Kraft verlor die Wahl am 14. Mai 2017, übernahm die Verantwortung und trat sofort als SPD-Landeschefin und Vize-Vorsitzende der Bundespartei zurück.

Die Frau, der viele einmal zutrauten, Kanzlerin zu werden, verschwand aus der ersten Reihe der Politik. Die 56-Jährige aus Mülheim an der Ruhr ist jetzt wieder ganz normale Landtagsabgeordnete. Sie sitzt im Sportausschuss. Vor kurzem wurde sie als Nachfolgerin von SPD-Fraktionschef Norbert Römer in den Aufsichtsrat des Steinkohlekonzerns RAG gewählt.

Der Szene-Anwalt: Andreas Beuth
Unter Linksautonomen war der Szene-Veteran Andreas Beuth lange vor der Anti-G20-Randale, die in diesem Juli Hamburg erschütterte, bekannt – sogar einen Dokumentarfilm gibt es über den langjährigen Anwalt von linken Aktivisten. Dass er nach den Ausschreitungen als Mitorganisator und Sprecher der linken Großdemo im NDR beklagt hatte, dass die Autonomen den eigenen Szenekiez im Schanzenviertel zerlegt hatten, statt die Nobelquartiere Pöseldorf oder Blankenese – wofür er grundsätzlich Sympathien hege – machte den 64-Jährigen zum zweiten Verlierer des Krawallwochenendes, nach Hamburgs Regierungschef Olaf Scholz.

Beuth löste bundesweit Empörung aus, wurde angezeigt, inzwischen ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft gegen ihn. Seine Anwaltszulassung hatte Beuth schon lange vor dem G20-Gipfel ruhen lassen, sein Name taucht auf der Homepage seiner früheren Kanzlei daher nicht mehr auf, öffentlich hält er sich seit dem Sommer zurück.

Die Abtrünnige: Frauke Petry
Bis vor kurzem galt sie als das weibliche Gesicht der Alternative für Deutschland. Seit 2013 war Frauke Petry Mitglied der Parteispitze, seit 2015 führte sie mit Jörg Meuthen die rechtspopulistische Partei, nachdem sie maßgeblich dazu beigetragen hatte, die Gründergeneration um Bernd Lucke hinauszuputschen. Auf dem Parteitag in Köln im April aber musste die ehrgeizige Petry erleben, was es heißt, wenn man die Partei nicht mehr hinter sich hat. Sie war im Vorstand vollkommen isoliert. Mit ihrem Ansinnen, die Partei auf mehr Realpolitik einzuschwören, scheiterte Petry furios.

Allerdings gelang es der 42-Jährigen, in Sachsen ein Direktmandat bei der Bundestagswahl zu erringen. Tags darauf allerdings ließ sie eine Bombe hochgehen. Vor der Hauptstadtpresse teilte sie ihren Kollegen aus der Parteispitze mit, dass sie der neuen Fraktion nicht angehören werde. Aber nur ein Abgeordneter folgte ihr. Einige ihrer Getreuen haben unterdessen eine neue Partei gegründet, die Blaue Partei, die Petry und ihr Ehemann Marcus Pretzell zu einer bundesweiten CSU machen wollen.

Der Gescheiterte: Hubertus Heil
In der Fußball-Bundesliga werden manchmal Trainer für ein paar Spiele geholt. In der Hoffnung, sie könnten helfen, aus einem Negativsog herauszukommen, weil sie mit solchen Situationen Erfahrung haben. Als SPD-Chef Martin Schulz den Niedersachsen Hubertus Heil Ende Mai als SPD-Generalsekretär ins Willy-Brandt-Haus holte, war der Kanzlerkandidat mit seiner Wahlkampagne bereits in größten Schwierigkeiten: drei verlorene Landtagswahlen und keine Aussicht auf die Wende. Heil – bereits von 2005 bis 2009 Generalsekretär – war trotzdem spontan bereit zu kommen.

Und er machte seine Sache gut, brachte viel Ordnung in den Wahlkampf. Genutzt hat es nichts, die SPD stürzte mit Schulz auf ihr historisch schlechtestes Ergebnis mit 20,5 Prozent. Und Heil? Eigentlich wollte Martin Schulz ihn mit dem Posten des Parlamentarischen Geschäftsführers in der Bundestagsfraktion belohnen. Doch der Seeheimer Kreis, der rechte Flügel der Partei, drückte einen anderen Kandidaten durch. So ist der 45-Jährige heute wieder, was er vor dem Mai 2017 war: Vize-Fraktionschef, zuständig für Wirtschaft und Bildung.

Die Kanzler-Witwe: Maike Kohl-Richter
Ihr Ehemann starb und sie übernahm die Regie. Maike Kohl-Richter bestimmte die Gäste und die Art der Trauerfeier. Weil ihr Ehemann Helmut Kohl hieß und 16 Jahre Bundeskanzler war und damit eine der bestimmenden Figuren der jüngeren deutschen Geschichte, war das nicht ganz selbstverständlich. Ein Staatsakt in Deutschland wäre üblich gewesen, Kohl-Richter verfügte einen Trauerakt im Europäischen Parlament, dem ersten in der Geschichte der EU.

Auf ihren Wunsch wurde Kohls Sarg wie einst der des ersten Nachkriegs-Kanzlers Konrad Adenauer auf einem Boot über den Rhein gefahren. Beim Trauergottesdienst fehlte nicht nur der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble, der so lange Kohls engster Vertrauter gewesen war, bis es über die Spendenaffäre zum Bruch kam. Es fehlten auch Kohls Söhne. Die zurückgezogen lebende Kohl-Richter stand einmal mehr als diejenige da, die eine hohe Mauer um den Altkanzler zog. Sie ließ Kohl nicht neben seiner ersten Ehefrau Hannelore beisetzen, sondern in einem Ehrengrab neben dem Speyrer Dom.

Der Profiteur: Thomas Winkelmann
Thomas Winkelmann, Jahrgang 1959, war fast ein Jahrzehnt lang der Experte für Billigfliegerei bei der Lufthansa. Carsten Spohr, LH-Chef und Duzfreund, schickte ihn Anfang des Jahres auf seine schwierigste Mission: Winkelmann sollte eine Art Stück-für-Stück-Fusion mit dem Rivalen Air Berlin auf den Weg bringen und das mehr oder weniger in Kooperation mit dem Air-Berlin-Großaktionär Etihad. Das ist bestenfalls nur halb gelungen. Die EU-Kommission hat verhindert, dass die Lufthansa mit der Tochter Niki den profitabelsten Teil von Air Berlin schluckt und damit Monopolist auf vielen Strecken wird.

Dieser Tage wird sich entscheiden, wer Niki übernehmen darf – beste Chancen haben Ferienflieger großer Urlaubskonzerne. Und: Air Berlin wurde insolvent und abgewickelt. Um Winkelmann gab es viel Wirbel wegen seines Arbeitsvertrages, der ihm für mehrere Jahre ein millionenschweres Gehalt garantiert, das vor dem Zugriff von Gläubigern geschützt ist. Dieses Jahr sind es 1,35 Millionen Euro brutto.

Zusammengestellt von Markus Decker, Daniela Vates, Tobias Peter, Steven Geyer, Kordula Doerfler und Frank-Thomas Wenzel.

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