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Arabische Israelis suchen Hilfe nach einem Raketenangriff in Haifa.
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Arabische Israelis suchen Hilfe nach einem Raketenangriff in Haifa.

Auf Leben und Tod

Israel verteidigt sich gegen jene, die ein judenfreies Palästina herbeibomben wollen.

Von JERZY MONTAG

Vor genau einer Woche habe ich Israel besucht. Besonders die Gespräche in Haifa, einer multikulturellen und multiethnischen Stadt im Norden Israels, haben mir deutlich gemacht: Selten war die Zustimmung in der israelischen, jüdischen wie nichtjüdischen Bevölkerung so eindeutig auf Seiten der Regierung und der Armee wie jetzt.

Sechs Jahre ist es her, dass Israels Armee den Libanon verlassen hat. Seit dieser Zeit wird Israel immer wieder mit Raketen aus dem Süden Libanons beschossen. Die Menschen im Norden Israels sind dieses Dauerterrors überdrüssig. Insofern war der Angriff der Hisbollah auf eine israelische Militärstreife auf israelischem Territorium und die Entführung von zwei Soldaten tatsächlich der Funke, der den Flächenbrand der Bombardierung Libanons entzündet hat. Die Hisbollah musste mit dieser Reaktion Israels rechnen. Schon zwei Wochen vorher, als die Hamas einen israelischen Soldaten nach Gaza über die Grenze verschleppte, hat Israel mit militärischer Wucht geantwortet.

Der Hisbollah sind die Opfer auf israelischer Seite egal, sei es ein 91-jähriger Jude oder ein 15-jähriges arabisches Mädchen, das waren zwei der Toten an dem Tag, an dem ich Haifa besuchte. Sie rechnet aber auch die viel zu vielen unschuldigen Opfer im Südlibanon und in Beirut in ihr Kalkül mit ein. Deshalb stehen die Stalinorgeln der Hisbollah nicht auf freiem Feld, sondern mitten in Dörfern, und ihre Kommandostrukturen sind unter Wohnhäusern eingegraben. Die Schriftstellerin Iman Humaidan aus dem Libanon sagt: Die gesamte Ideologie der Hisbollah basiert auf dem Märtyrertum. Sie lieben es zu sterben (taz 28.7.).

Aber wozu? Die Hisbollah kämpft nicht für einen freien und demokratischen Libanon. Der Libanon ist frei, nachdem Israel 2000 und Syrien 2005 das Land verlassen haben. Sie versucht zu verwirklichen, womit Ahmadinedschad, der iranische Staatpräsident, die westlichen Demokratien herausfordert. Das Ziel ist ein judenfreies Palästina. Deshalb ist der Kampf so erbittert. Er ist ein Kampf auf Leben und Tod. Noch einmal Iman Humaidan: Die ganze Strategie Israels (aber) zielt darauf, ihre Staatsbürger am Leben zu halten. Das sind die beiden Ideologien, die heute aufeinander prallen.

Der Kampf der Hisbollah hat mit den Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israel wenig zu tun. Selbst die radikale Hamas hat es sich verbeten, dass Hisbollah ihre Angriffe auf Israel als Unterstützung für die Palästinenser darstellt. Deshalb kann ein heute so notwendiges Konfliktmanagement nicht beide Probleme gleichzeitig lösen wollen. Die Menschen im Libanon wie in Israel brauchen zuerst einen Waffenstillstand. Der Beschuss Israels mit Raketen muss gestoppt werden. Wenn dies gelingt, dann wäre auch Israel zu einem Einlenken und einem Stopp der Angriffe auf libanesisches Territorium zu bewegen.

Jede Feuerpause jedoch, die der Hisbollah nur Gelegenheit zur Reorganisation bietet, in der Waffentransporte aus dem Iran über Syrien in den Libanon und gegen Israel auf den Weg geschickt werden können, ist ein Atemholen zum nächsten Schlag gegen Israel. Dieser Verantwortung müssen sich diejenigen bewusst sein, die heute einen bedingungslosen und sofortigen Waffenstillstand fordern. Der Libanon und Israel brauchen einen Waffenstillstand auf dem Weg zu Verhandlungen und nicht als Zwischenstation vor dem nächsten Waffengang.

In der arabischen Welt spielt dabei Syrien als unmittelbarer Nachbar Libanons wie Israels eine wichtige Rolle. Syrien ist von der Seite Irans ablösbar. Noch ist Syrien kein islamischer Gottesstaat. Das Regime ist in der Lage, zweckrational und im eigenen Interesse zu handeln. Die Differenzen mit Israel betreffen Landforderungen im Golan. Diese können bei entsprechenden Sicherheitsgarantien für beide Seiten, die sogar in einen Friedensvertrag wie mit Jordanien münden können, erfüllt werden. Verliert aber die Hisbollah die strategische Unterstützung Syriens, wird ihre Kampffähigkeit entscheidend geschwächt.

Auch die Hisbollah ist kein völlig monolithischer Block. Die Bewegung ist auch politische Partei im Libanon. Sie vertritt eine starke unterprivilegierte schiitische Minderheit. Das Angebot zu einer Besinnung auf diese politische Aufgabe, verbunden mit belastbaren Zusagen einer humanitären und wirtschaftlichen Unterstützung der Menschen im Südlibanon, kann die Hisbollah verändern. Eine solche Vision dessen, was Diplomatie zu vollbringen in der Lage sein müsste, will ich mir nicht nehmen lassen.

Trotz alledem wird eine starke internationale, völkerrechtlich einwandfrei legitimierte, eingreiffähige militärische Truppe an der Grenze zu Israel im Südlibanon und an der Grenze zu Syrien im Osten auf Jahre notwendig sein, um die Sicherheitsbedürfnisse Israels zu befriedigen und die Umwandlung der Hisbollah in eine politische Partei der libanesischen Schiiten wenn es sein muss ganz tatkräftig zu begleiten.

Deutschland kann und wird, wenn es nach Erfüllung der vielen Wenns zu einem solchen Einsatz unter dem Dach der UN und in den Händen einer einsatzfähigen Organisation wie z.B. EU oder Nato kommen würde, eine wichtige Rolle spielen müssen. Wir sind ein Fürsprecher Israels, wir sind aber auch in der arabischen Welt ein vertrauenswürdiger Partner. Zuerst ist deutsche Diplomatie gefordert. Später vielleicht auch deutsche Organisation und Logistik. Wir müssen uns nicht als geeignet für Frontaufgaben anbieten. Dazu ist die Zeit an den Grenzen Israels noch nicht reif. Eine andere Beurteilung kann nur aus Israel selbst kommen.

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