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Regionalwahlen in Frankreich

Marine Le Pen: Der Triumphzug einer Rechtspopulistin

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Warmlaufen für den Kampf ums Elysée: Rechtspopulistin tourt vor den Regionalwahlen siegessicher durchs Land.

Paris - Wähnt sich Marine Le Pen bereits im Präsidentenpalast? „Nicht berühren“, herrscht sie einen Begleiter an. Dann zu einem Journalisten: „Schließen Sie die Tür hinter sich!“

Allerdings sind wir nicht in Paris, und schon gar nicht im gold- und plüschverzierten Elysée. Hier ist tiefste Normandie, und in dem Nest namens Nesle-Hodeng riecht es leicht säuerlich nach Rohmilch im Kühlraum einer Käserei. Marine Le Pen nimmt an einer Laborführung teil und hätte eigentlich nichts zu bestimmen. Der Käser Eric Alleaume führt durch seine Produktion von Neufchâtel, einem der vier Normandie-Käsesorten neben Camembert, Livarot und Pont-L’Évêque.

Marine Le Pen.

Marine Le Pen: Eine Kuh schreckt vor der Populistin zurück

Und doch sagt die blonde Politikerin mit einer tiefen Stimme, wo’s lang geht. „Allez les filles“ (los, ihr Mädchen), sagt sie im Stall zur Milchkuh 1395. Die schreckt vor der Populistin zurück. Zum Glück schleckt 1392 doch noch ihre Hand. Aufatmen in Le Pens Gefolge – schließlich filmen die Lokalmedien die Szene.

Am kommenden Sonntag (20.06.2021) ist in Frankreich der erste Durchgang der Regional- und Departementswahlen. Die Anführerin des „Rassemblement National“ (RN) ist gekommen, um den Listenführer ihrer Partei zu unterstützen. Nicolas Bay liegt in den Umfragen bei 30 Prozent und will eine Woche später zum Vorsteher der Region Normandie gewählt werden.

Andernorts ist es ähnlich. Vor allem in der Region der Côte d’Azur und Provence, aber auch im industriellen Norden könnten die RN-Vertreter erstmals überhaupt einen Regionalrat erobern. Das würde Le Pen für ihre Präsidentschaftspläne im nächsten Jahr Schwung verleihen. Ihr Gegenspieler Emmanuel Macron muss mangels lokaler Verwurzelung seiner Partei „La République en marche“ (LRM) mit einer Schlappe bei den Regionalwahlen rechnen.

Marine Le Pen mit dem Käsehersteller Eric Alleaume. Sie erreicht aktuell hohe Zustimmungwerte.

Marine Le Pen: Die einzige Opposition zu Macron?

Die moderate, bukolische Normandie (3,3 Millionen Einwohner) im Griff der Rechten? Marine Le Pen erklärt das so: „Wir sind die einzige wirkliche Opposition zum amtierenden Präsidenten, denn die Konservativen und Sozialisten gehen ortsweise sogar Listenverbindungen mit seiner Partei ein“, sagt die 52-Jährige nach dem Käsereibesuch zur Frankfurter Rundschau. „Und es gehört nun einmal zum Spiel der Demokratie, dass sich Regierung und Opposition an der Macht ablösen, nicht wahr?“

Sie meint damit vor allem die Präsidentschaftswahlen von 2022. In den Umfragen dafür liegt Le Pen heute nahezu gleichauf mit Macron, nachdem sie im ersten Duell von 2017 noch klar mit 33,9 Prozent unterlegen war.

Seither hat sich ihr Diskurs geändert: Hier auf dem Bauernhof verliert sie kein Wort über ihre Hauptthemen Immigration und Kriminalität. Lieber kritisiert sie die Windparks entlang der schönen Küste. Vom „Frexit“, dem Austritt ihres Landes aus der EU oder zumindest dem Euro, ist sie abgekommen. Dafür will sie die Agrarpolitik der EU nach Frankreich zurückholen, also „renationalisieren“, wie sie sagt.

Doch würde Frankreichs Landwirtschaft dadurch nicht verlieren? Schließlich ist Frankreich heute der mit Abstand größte Nettoempfänger europäischer Agrarsubventionen. Darauf hat die RN-Chefin keine klare Antwort: Dann müsse eben Frankreich in die Lücke springen, sagt sie ausweichend.

Marine Le Pen
Geboren5. August 1968 Neuilly-sur-Seine, Frankreich
ParteiRassemblement National
EhepartnerÉric Iorio (verh. 2002–2006), Franck Chauffroy (verh. 1997–2000)
KinderJehanne Chauffroy, Mathilde Chauffroy, Louis Chauffroy

Kandidat der Le-Pen-Partei RN lacht über Suizide

Bei der anschließenden Pressekonferenz wollen die Lokalmedien aber etwas anderes wissen: Wie kann sich der RN als Verteidiger der französischen Landwirte aufspielen, wenn sich sein Listenführer in der ländlichen Region Jura-Burgund, ein gewisser Julien Odoul, zugleich über die Suizide überschuldeter Kleinbauern lustig macht? Laut einem zufällig laufenden Tondokument scherzte der umstrittene RN-Mann: „War wenigstens der Strick französisch?“ Le Pen versucht sich herauszuwinden: Der Spruch habe nicht verzweifelten Landwirten gegolten, sondern radikalen Tierschützern.

Eine andere Journalistin erkundigt sich nach den diversen Rassisten und Rassistinnen auf den RN-Regionallisten. Eine bezeichnete die Juden als Diebe, einer fabulierte über „Hitlers angebliche Gaskammern“. Le Pen deklamiert kategorisch, Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie hätten bei ihr nichts zu suchen; die entsprechenden Personen seien sofort aus der Partei ausgeschlossen worden.

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Beliebtheit von Marine Le Pen wächst

Das trifft zu. Die Präsidentschaftsanwärterin duldet keine Verbalexzesse mehr. Sie gibt sich betont staatstragend, persönlich geläutert. In Interviews spricht sie am liebsten über ihre zwei Katzen und drei Kinder, die sie alleine großziehe.

Überzeugt Le Pen damit? Nicht einmal Gastgeber Alleaume lässt sich in die Karten blicken: Er sei angefragt worden, ob er Le Pen durch seinen Betrieb führen könne, und habe Ja gesagt, das sei alles, sagt er lapidar, um anzufügen: „Ich habe nichts gegen niemanden.“ Diesen Satz hört man in Frankreich neuerdings häufiger. Meist von Leuten, die bereit sind, erstmals Marine Le Pen zu wählen. Bereit zur großen Wachablösung im Elysée.

Und noch etwas fällt in Nesle-Hodeng auf, als die Veranstaltung zu Ende geht. Vor wenigen Jahren hätte Le Pens Anwesenheit in der Normandie zu Protest- und Gegendemonstrationen geführt. Jetzt lümmeln die RN-Bodyguards gelangweilt vor der Zufahrt zum Bauernhof herum. Kein Feind in Sicht? Einer mit Sonnenbrille und Bizeps, aber ohne Schutzmaske schüttelt den Kopf: „Sehen Sie nicht? Marine hat hier nur noch Freunde.“ (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © SEBASTIEN SALOM-GOMIS

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