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Neuer Parteichef Bardella – Le Pens extremer Joker

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Von: Stefan Brändle

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Führungswechsel beim Rassemblement National: Frankreichs Rechte hat nun mit Jordan Bardella einen Parteichef der harten Bandagen.

Frankfurt – Er trägt nur Maßanzüge und die Haare sauber frisiert. Er betreibt Kampfsport und hat ein rasantes Mundwerk, mit dem er in Talkshows die erfahrensten Politiker:innen an die Wand redet. Er stammt aus einer Familie von Eingewanderten und führt nun eine Anti-Ausländer-Partei an: Jordan Bardella, Sohn armer Eltern aus Italien, ist am Samstag von 30 000 Parteimitgliedern mit 84,8 Prozent der Stimmen zum neuen Parteichef des „Rassemblement National“ (RN) gewählt worden. Der weniger kantige Gegenkandidat Louis Aliot, Bürgermeister von Perpignan, unterlag klar mit 15 Prozent.

„Ein Machtwechsel tut dringend Not. Das ist unser Ehrgeiz, unsere Mission“, rief Bardella zu begeisterten Parteifans im Pariser Mutualité-Saal, einem Traditionsort der Linken beim Quartier Latin. Der Shootingstar der französischen Politik machte damit klar, dass er seine Aufgabe einem einzigen Ziel unterordnet: seine bisherige Chefin Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2027 in den Elysée-Palast zu bringen. Der Jungstar, der mit einer Nichte Le Pens liiert ist, gilt als loyaler, linientreuer „Marinist“, wie man in Paris sagt. In einer Sozialwohnung eines Pariser Vorortes, umgeben von Drogenkriminalität aufgewachsen, gibt er sich wie die bisherige RN-Anführerin wirtschaftspolitisch links; statt von Migration spricht er lieber von den sozialen Nöten, die die Inflation bewirkt.

Le Pen Nachfolger Bardella: Rassemblement National zusammenhalten

Das ist genau der Diskurs, mit dem sich Marine Le Pen in ihren drei bisherigen Präsidentschaftskandidaturen von 17,9 auf 41,5 Prozent Stimmanteil zu steigern vermochte. Sie verzichtet auf den Parteivorsitz, den ihre Familie seit Parteigründung 1972 innehatte, um zu signalisieren, dass sie höhere Weihen anstrebt als die Leitung einer schnöden Partei: 2027 will sie endlich Staatspräsidentin werden.

Man hat sich lieb, weil man weiß, dass man einander im Machtkampf vertrauen kann. Alain JOCARD/AFP
Man hat sich lieb, weil man weiß, dass man einander im Machtkampf vertrauen kann. © Alain Jocard/afp

Bardellas Mission ist es auch, die Partei zusammenzuhalten. Als erstes musste er allerdings am Wochenende zwei prominente Vertreter aus dem Exekutivbüro des RN schassen. Einer davon, Steeve Briois, ein landesweit bekannter Bürgermeister der nordfranzösischen Kleinstadt Hénin-Beaumont, schimpfte Bardella einen „Autokraten“, der die Partei wieder „radikalisieren“ wolle. In Wahrheit sei er nicht sozial eingestellt, sondern „identitär“ wie die Rechtsextremen. Das konnte Bardella nicht dulden.

Dabei bestehen keine Zweifel, dass er nun auch das Gefolge des rechtsextremen Ex-Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour abwerben soll. „Die Wähler von Eric Zemmour sind aufrechte Patrioten, mit denen wir das Wesentliche teilen“, hatte Bardella bereits vor seinem Aufstieg verkündet. „Wir mögen kurzfristig uneins ein, aber wir teilen die allgemeine Auffassung, dass unser Land in Lebensgefahr ist.“ Die These, dass Frankreich durch Migration bedroht sei, wird normalerweise von den Extremisten um den Autor Renaud Camus vertreten.

Bardella folgt auf Le Pen: Arbeitsteilung zwischen Partei und Fraktion

Dass Le Pen die Parteileitung einem Heißsporn wie Bardella überlässt, lässt auf Arbeitsteilung schließen: Während sich die eigentliche Nummer eins so seicht und sozial wie möglich gibt, soll der schneidige RN-Boss die stramm Rechten bei der Stange halten – oder anziehen. Während er die Radio- und TV-Studios abklappert, dirigiert sie die RN-Fraktion in der Nationalversammlung, dem neuen Machtzentrum Frankreichs, seitdem Präsident Emmanuel Macron im Elysée sehr geschwächt ist.

Überschattet wurde der 18. Kongress der französischen Rechtsnationalen von einer Polemik um ihren eigenen Abgeordneten Grégoire de Fournas: In einer Parlamentsdebatte hatte er sich Ende vergangener Woche während des Auftritts des Linksabgeordneten Carlos Martens Bilongo mit dem Zwischenruf „Zurück nach Afrika!“ bemerkbar gemacht. Der Spruch sorgt in den Medien teilweise für mehr Schlagzeilen als der RN-Parteitag. De Fournas wurde für zwei Wochen aus dem Parlament ausgeschlossen. Bardella tat diese Sanktion bei seiner Antrittsrede als „Menschenjagd“ ab. (Stefan Brändle)

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