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Frankreich-Wahl 2022: Le Pen profitiert von der Ukraine-Krise

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Von: Stefan Brändle

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Die Rechtspopulistin Le Pen legt in Umfragen vor der Frankreich-Wahl zu. Steigende Preise für Energie und Lebensmittel bereiten vielen Menschen Sorgen.

Paris – Es sei eine „seltsame Kampagne“, urteilt Brice Teinturier vom Umfrageinstitut Ipsos. Die Wählerschaft sei erschöpft von der Pandemie, besorgt wegen der Folgen des Ukraine-Krieges. Die Menschen dächten eher an den Benzinpreis als an die Frage, wer ihr Land in den nächsten fünf Jahren lenken sollte. Alle Demoskopie-Institute erwarten eine rekordhohe Stimmenthaltung.

Frankreich steht vor seiner Königswahl – hat aber den Kopf ganz woanders. Dabei könnte das Land je nach Wahlausgang einen völlig neuen Kurs einschlagen. Der zur Wiederwahl antretende Präsident Emmanuel Macron, der Favorit mit 27 Prozent Umfragestimmen, steht für Kontinuität. Doch hinter ihm streiten zwei radikalpopulistische Kandidat:innen um den Einzug in die Stichwahl vom 24. April: Marine Le Pen (22 Prozent) auf der Rechten und Jean-Luc Mélenchon auf der Linken (17 Prozent). Und beide legen derzeit stark zu.

Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin der rechtsextremen Partei Rassemblement National, schüttelt einem Verkäufer die Hand, während sie einen Lebensmittelmarkt besucht. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich finden in zwei Runden am 10. und 24. April 2022 statt.
Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin der rechtsextremen Partei Rassemblement National, schüttelt einem Verkäufer die Hand, während sie einen Lebensmittelmarkt besucht. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich finden in zwei Runden am 10. und 24. April 2022 statt. © Joan Mateu Parra/dpa

Frankreich-Wahl 2022: Le Pen und Mélenchon wollen sich aus Struktur der Nato zurückziehen

Auch das ist erstaunlich: Das an sich sehr ungleiche Duo gilt als russlandfreundlich und muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, allzu lange auf der Seite heutiger Kriegsverbrecher gestanden zu haben. Eingebrochen ist in den Umfragen aber der rechte Putin-Versteher Eric Zemmour (9 Prozent).

Le Pen und Mélenchon, die sich aus der Kommandostruktur der Nato zurückziehen wollen, schadete ihre Russland-Affinität nicht. Zöge sie oder er ins Elysée ein, hätte dies weitreichende Folgen für die europäische Haltung im Ukraine-Krieg. Mit Frankreich im Westen und Ungarn im Osten der EU stünden zwei Mitgliedstaaten auf der Seite Moskaus.

Frankreich-Wahl 2022: Ukraine-Krise nützt der Populistin Le Pen

Der Grund für die Nachsicht der französischen Wähler:innen gegenüber der „Putinistin“ Le Pen kann nur vermutet werden. Seit dem Massaker von Butscha hat sich Le Pen klar von Putin distanziert: Sie spricht von „Kriegsverbrechen“ und ist – anders als Zemmour – für die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge.

Vor allem aber profitiert sie davon, dass der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 ganz im Zeichen steigender Energie- und Nahrungsmittelpreise steht. Sie machen vor allem Menschen mit geringem Einkommen zu schaffen, und das sind in erster Linie Le-Pen-Wähler:innen. Dieser Umstand erklärt wohl, dass Le Pen nicht zurückgefallen ist, sondern im Endspurt noch zulegt. Und zwar stärker als Macron, Mélenchon und alle anderen Widersacher:innen.

Die Amtszeit von Emmanuel Macron geht zu Ende. Kann er sich als Präsident Frankreichs halten – oder gelingt Marine Le Pen die Überraschung? Alle Entwicklungen der Frankreich-Wahl 2022 im News-Ticker.

Frankreich-Wahl 2022: Le Pen „belügt die Leute“

Im Unterschied zu 2017, als sie in der Endrunde mit 34 Prozent klar gegen Macron verlor, werden der Rechtsaußen jetzt 47 Prozent gutgeschrieben. Und das Erstaunlichste: Die meisten Französ:innen zucken darüber nur mit den Schultern.

Spät, aber dramatisch schlagen die Macronist:innen Alarm. „Natürlich kann sie gewinnen!“, rief der frühere Premierminister Edouard Philippe aus. Macron, der Gentleman-Kandidat, zeigt Nerven und greift seine Gegnerin direkt an, indem er sie als „Clan-Erbin“ bezeichnet und behauptet: „Sie belügt die Leute“. Der Präsident folgt damit auch seiner erprobten Strategie, ein Duell zwischen Le Pen und ihm zu konstruieren – auf der Überzeugung beruhend, dass sie nie auch nur in die Nähe der 50-Prozent-Schwelle kommen kann. Dieses Kalkül datiert allerdings von 2017. Die fehlenden drei Prozent sind in den kommenden zwei Wochen auch noch drin. Denn wie Laure Salvaing vom Umfrageinstitut Kantar Public sagt, reitet Le Pen auf einer „sehr klaren und soliden Dynamik“. (Stefan Brändle)

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