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Le Pen könnte Macron in der Stichwahl gefährlich werden

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Von: Stefan Brändle

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Kein netter Empfang für Emmanuel Macron im nordfranzösischen Denain am Montag: „Wir vergessen nicht“, versichert dieser „Gelbwesten“-Demonstrant.
Kein netter Empfang für Emmanuel Macron im nordfranzösischen Denain am Montag: „Wir vergessen nicht“, versichert dieser „Gelbwesten“-Demonstrant. © AFP

Rechnerisch spricht einiges dafür, dass Macron wie 2017 die Stichwahl gegen Le Pen gewinnt. Doch so einfach ist das nicht: Le Pen hat ihr Wahlpotenzial noch nicht ausgeschöpft.

Diesmal macht es wirklich Angst“, titelte die linke Pariser „Libération“ am Montag mit Blick auf das politische Schreckgespenst Frankreichs. Gemeint war: Nachdem Marine Le Pen 2017 gegen Emmanuel Macron noch klar verloren habe, könne sie bei der Stichwahl in zwei Wochen wirklich gewinnen.

Auf den ersten Blick erscheint das unwahrscheinlich. Emmanuel Macron hat am Sonntag im ersten Wahlgang 27,8 Prozent der Stimmen erhalten. Zudem rufen die Konservativen, Grünen, Sozialisten und Kommunisten, die zusammen auf rund 13,5 Prozent kamen, zu seiner Wiederwahl auf. Macht gut 40 Prozent. Marine Le Pen erhielt 23,2 Prozent der Stimmen. Nur Eric Zemmour (7,1 Prozent) und Nicolas Dupont-Aignan (2,1 Prozent) rufen zu ihrer Wahl auf. Macht rund 33 Prozent.

Eine wichtige Frage ist, wie sich die 7,5 Millionen Wählerinnen und Wähler von Jean-Luc Mélenchon (22 Prozent) verhalten werden. Der Linkspopulist erklärte am Sonntagabend zwar: „Keine Stimme darf zu Le Pen gehen.“ Doch die Basis der „Unbeugsamen“ ist kaum geneigt, dem amtierenden Staatschef zu einem zweiten Mandat zu verhelfen. „Es ist erlaubt, seine Wut über die Wahlstrategie von Emmanuel Macron zu äußern“, kommentiert etwa das linke Newsportal Mediapart. Es wirft dem Präsidenten vor, das Duell mit Le Pen gesucht und geschürt zu haben; jetzt soll er ausbaden, was er angerichtet habe. In der Nacht zu Montag demonstrierten Linksradikale in mehreren Städten wie Rennes, Lyon und Paris sehr rabiat gegen Le Pen – aber auch gegen Macron.

Stichwahl in Frankreich: Le Pen hat an sich gearbeitet

Stimmempfehlungen ausgeschiedener Kandidierender sind in Frankreich verbreitet, aber wenig wirksam. Aussagekräftiger sind die soziologischen Analysen der Umfrageinstitute. Ihnen zufolge haben Arbeiter:innen am Sonntag überdurchschnittlich für Mélenchon und Le Pen gestimmt, weshalb eine Übertragung durchaus möglich scheint. Macron hat hingegen sein Potenzial an höheren Angestellten bereits weitgehend ausgeschöpft.

Auch diese Analysen sind aber letztlich mit Vorsicht zu genießen. Sie sind außerstande, moralische oder menschliche Faktoren zu berücksichtigen. Diesbezüglich hat sich in Frankreich aber viel verändert. Beim letzten Präsidentschaftsduell von 2017 hatte die „republikanische Front“ gegen die Rechtsextremen noch knapp funktioniert. Für den Vater Jean-Marie Le Pen, dann auch für seine Tochter Marine zu stimmen, galt als schändlich. Ein „cordon sanitaire“ (Sperrgürtel) grenzte die Nationalisten in die Schmuddelecke der stolzen weltoffenen Republik aus.

Doch Marine Le Pen hat seit ihrer ersten Präsidentschaftskandidatur 2012, als sie nur 17,9 Prozent Stimmen erhalten hatte, hart an sich gearbeitet. Sie vermeidet heute die Reizthemen Einwanderung oder Islam und gibt sich rundum moderat. Nachdem sie beim TV-Duell 2017 gegen Macron mit ihrer Aggressivität gescheitert war, gibt sie sich nun aufgeschlossen, gut gelaunt und geläutert. Am liebsten spricht sie in Talkshows über ihre Hauskatzen oder das Versprechen, die Sozialhilfe für arme Menschen zu erhöhen. Dass diese Zuschüsse finanziert werden, indem Menschen aus dem Ausland Leistungen gekürzt oder vorenthalten werden, verschweigt Le Pen gerne. In ihrem Programm steht es trotzdem.

Stichwahl in Frankreich: Macron und Le Pen liegen in Umfragen dicht beieinander

Den Gipfel erreichte die 53-Jährige vergangene Woche, als sie, die für ihre Schimpftiraden bekannt ist, Macron vorwarf, er spreche „fieberhaft und aggressiv“. Am Sonntagabend lächelte sie sich minutenlang durch ihren Wahlauftritt und sprach von ihrem „Glück“. Die Darbietung wirkt.

Im trauten Gespräch räumen Französ:innen gerne ein, Le Pen sei „ja eigentlich ganz sympathisch“. Der konservative Ex-Minister Luc Ferry sagte am Wahlabend, er habe „persönlich nichts gegen Frau Le Pen“ – wenn nur ihr Wirtschaftsprogramm nicht so mies wäre. Ob es das geglättete Image der Kandidatin ist oder das „trumpisierte“ Ambiente der sozialen Medien: Für das „Rassemblement National“ (RN) von Marine Le Pen zu sein, ist heute fast banal. Der linke Politologe Gérard Le Gall offenbarte dies unfreiwillig, als er am Montag meinte, die Wähler stünden nun vor einer „schwierigen Wahl“ zwischen Macron und Le Pen. Mit soviel Mitgefühl hatte das Le-Pen-Lager 2017 nicht rechnen können.

Der Wandel in der Wahrnehmung Le Pens ist subtil, aber er genügt, um auch den gedanklichen Sperrgürtel um ihre Partei RN zu sprengen. Konservative Politiker:innen wahren zwar pro forma noch die „republikanische Front“. Doch im Volk ist der Damm des schlechten Gewissens längst gebrochen: Auch unpolitische Menschen sind anfällig für die Erzählungen aus der rechten Ecke. Immer wieder hört man den Spruch: „Rechte, Linke, Grüne, Macron – wir haben schon alles versucht. Jetzt testen wir mal die Marine.“ Sogar ihr Vater, den die sympathische „Marine“ 2015 eigenhändig aus der vom ihm gegründeten Partei geworfen hatte, war am Montag überzeugt: „Meine Tochter ist die zukünftige Präsidentin der Republik.“

In ersten Umfragen für die Stichwahl erhält Macron 51 bis 54 Prozent der Stimmen, Le Pen 46 bis 49 Prozent.

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