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Lawrow kann nicht teleportieren

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Von: Thomas Roser

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Der russische Außenminister Lawrow kann nicht nach Belgrad reisen. Während Moskau grollt, macht sich bei den verhinderten Gastgebern klammheimliche bis offene Erleichterung breit.
Der russische Außenminister Lawrow kann nicht nach Belgrad reisen. Während Moskau grollt, macht sich bei den verhinderten Gastgebern klammheimliche bis offene Erleichterung breit. © dpa

Weil die Balkanländer Bulgarien, Montenegro und Nordmazedonien ein Überflugverbot erteilen, kann Russlands Außenminister Lawrow nicht in Serbiens Hauptstadt Belgrad reisen.

Vergeblich hatten die fleißigen Helfer in Serbiens Hauptstadt Belgrad einen Wald russischer Fahnen zu Ehren des erwarteten Gasts aus Moskau gehisst. Die Ankunft von Außenminister Sergej Lawrow stehe „unter einem Fragezeichen“, titelte zu Wochenbeginn aufgeregt die regierungsnahe Zeitung „Politika“. Die Schlagzeile war bereits bei Erscheinen veraltet: Die Sperrung des Luftraums durch Serbiens Nato-Nachbarn Bulgarien, Montenegro und Nordmazedonien hat Lawrows Dienstreise vorläufig verhindert.

„Unsere Diplomatie hat sich noch nicht die Fähigkeit der Teleportation angeeignet“, bestätigte eine anonyme Quelle des russischen Außenministeriums bereits in der Nacht zu Montag gegenüber Reuters die Absage der Belgrad-Visite. Es sei nicht Russland, sondern die EU und Nato, die in Europa einen „Eisernen Vorhang“ errichten würden, kommentierte aufgebracht Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa.

Der Vielflieger Lawrow kann nach Belgrad weder düsen noch beamen. Während Moskau grollt, macht sich bei den verhinderten Gastgebern klammheimliche bis offene Erleichterung breit. „Die Luftblockade ist die Rettung für Serbien“, titelte am Montag der „Blic“. Lawrow habe seinen Besuch nur dazu nutzen wollen, „den Westmächten den Finger ins Auge zu drücken, was die Position Serbiens zusätzlich erschwert hätte“: „Serbien wäre dabei nur als Mittel für die russischen Ziele ausgenutzt worden.“

Tatsächlich haben ausgerechnet die Nato-Nachbarn den zwischen West und Ost lavierenden EU-Anwärter aus einer diplomatischen Patsche geholfen, in die Präsident Aleksandar Vucic sein Land manövriert hat. Denn statt sich wie vom Westen gefordert den EU-Sanktionen anzuschließen, verständigte sich das Politchamäleon Ende Mai telefonisch mit Kremlchef Wladimir Putin auf ein neues Gas-Abkommen zum Sonderpreis. Im Gegenzug drückte Putin ihm den Lawrow-Besuch aufs Auge – wenige Tage vor der geplanten Serbien-Visite von Bundeskanzler Olaf Scholz.

Die sofortige Aussetzung der EU-Beitrittsverhandlungen mit Serbien forderte daraufhin die deutsche Bundestagsabgeordnete Renata Alt (FDP). In Belgrad spekulierten die Medien bereits über eine Absage des Scholz-Besuchs. Das Überflugverbot für Lawrow hat Vucic vorläufig aus der Verlegenheit geholfen. Doch ein Ende seines Drahtseilakts zwischen Ost und West ist nicht in Sicht. „Lawrow kommt nicht, das serbische Gefeilsche geht weiter“, umschreibt die Zeitung „Danas“ die Lage: Dass der EU-Anwärter sich auf den Lawrow-Besuch überhaupt eingelassen habe, zeuge davon, dass dessen Beziehungen zu Moskau „viel tiefer sind, als sie von außen scheinen“.

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