+
Unterstützung für Julien Assange vor dem Gerichtsgebäude in London. 

Julian Assange

Lautstarke Unterstützung

  • schließen

Zum Auftakt der Anhörung über das Auslieferungsverfahren von Julian Assange fordern Aktivisten aus aller Welt die Freilassung des Whistleblowers.

Die grauen Wolken hängen bedrohlich tief über Woolwich. Hier im Südosten Londons vor dem Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh versammeln sich bereits am Morgen Dutzende Aktivisten, einige haben die Nacht in Zelten verbracht, nun rufen sie seit 6 Uhr im Chor immer wieder „Free Julian Assange“. Die Demonstranten, einige sind aus Frankreich oder Deutschland angereist, halten Plakate in den Nieselregen, auf denen „Keine Auslieferung an die USA“ geschrieben steht oder: „Die Wahrheit wird siegen“.

Sie kämpfen für die sofortige Freilassung des Wikileaks-Gründers Assange, der seit April vergangenen Jahres wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen im Belmarsh Prison in Untersuchungshaft sitzt. Und dessen Schicksal sich in den nächsten Monaten entscheiden wird. Gestern hat im Woolwich Crown Court die Anhörung im Auslieferungsverfahren begonnen. Durch den unterirdischen Tunnel, der das Gefängnis mit dem Gericht verbindet, kam auch Julian Assange. Er verfolgte zunächst teilnahmslos von seinem Platz im hinteren Teil des Gerichts aus, was die US-Justiz ihm vorwarf.

Journalismus sei keine Entschuldigung dafür, das Gesetz zu brechen, sagte James Lewis im Eröffnungs-Statement für die US-Kläger. Assange habe bewusst das Leben von Menschen in Gefahr gebracht. Namen von Informanten, Menschenrechtsaktivisten, Dissidenten, Journalisten und ihren Familien, die unter anderen im Irak und Afghanistan den USA und deren Verbündeten geholfen hätten, seien an die Öffentlichkeit gelangt, das Material nicht einmal in Teilen unkenntlich gemacht worden. Geheime Quellen, die die Regierung in Washington mit Informationen beliefert hatten, seien „verschwunden“, nachdem die klassifizierten Dokumente durch Wikileaks bekannt gemacht wurden, so Lewis.

Gleichwohl gab er zu, die US-Ermittler könnten zu diesem Zeitpunkt nicht beweisen, dass deren Verschwinden eine Folge des Entlarvens ihrer Identität sei. Das Verfahren hatten die USA gegen den Australier angestrengt, der 48-Jährige ist wegen Spionage und Hacking angeklagt. Ihm drohen 175 Jahre Gefängnis und damit lebenslange Haft, sollte er in allen 18 Punkten schuldig gesprochen werden. Das wiederum wies Anwalt Lewis gestern als Übertreibung zurück. Doch laut den US-Ermittlern sei Assange in Zusammenarbeit mit der Whistleblowerin Chelsea Manning – damals Bradley Manning – auf illegale Weise in den Besitz militärischer und diplomatischer Geheimdokumente gekommen, die er 2010 publiziert hat. Es geht um hunderttausende brisante Videos und Papiere zu US-Einsätzen im Afghanistan- und Irakkrieg, die auf der Internetplattform Wikileaks veröffentlicht und durch die von US-Soldaten begangene Kriegsverbrechen bekannt wurden. Die Enthüllungen hatten eine weltweite diplomatische Krise ausgelöst.

Nun, ein Jahrzehnt später und nachdem die konservative britische Regierung das Auslieferungsersuchen förmlich zugelassen hat, soll das Gericht in London entscheiden, was aus Julian Assange wird. Ist er Held oder Verräter? Die Anwälte des Wikileaks-Gründers argumentieren, der Australier habe als Journalist gehandelt, der mit der Publikation von Beweisen für US-Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen im öffentlichen Interesse gehandelt habe. Der Chefredakteur der Enthüllungsplattform, Kristinn Hrafnsson, sprach im Vorfeld des Verfahrens von einem „politischen Fall“. Assange sei deshalb ein „politischer Gefangener“.

Hrafnsson war gestern ebenfalls vor Ort und prangerte danach vor der Weltpresse die Strafverfolgung von Assange an. „Warum reden wir hier vor Gericht nicht über die Kriegsverbrechen, über die Ermordung von unschuldigen Zivilisten durch das Militär? Darüber sollten wir im Gerichtssaal sprechen.“

Der lautstarke Beistand der Unterstützer, die unaufhörlich pfiffen, sangen und trommelten, klang bis ins Innere des Gerichts. Es wurde sogar Julian Assange zu viel. Inmitten der Anhörung stand der Australier plötzlich auf und sagte, dass er für die Unterstützung zwar dankbar sei, er sich angesichts des Lärms jedoch nicht konzentrieren könne.

Bereits am Sonntag pilgerten Anhänger des Wikileaks-Gründers hierher, darunter auch der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis und australische Abgeordnete, die ihren Landsmann in die Heimat holen wollen. John Shipton, Assanges Vater, besuchte am Sonntag seinen Sohn zwei Stunden lang im Gefängnis und verfolgte gestern mit Assanges Bruder Gabriel Shipton die Anhörung.

In der vergangenen Woche war das Familienoberhaupt durch Europa getourt und hatte für die Freilassung seines berühmten Sohnes geworben. „Er hat doch kein Verbrechen begangen“, sagte der hagere Mann. Trotz der vielen Jahre, die der Fall bereits für Schlagzeilen sorgt, wirkte Shipton noch immer ungläubig angesichts des Ausmaßes der Anklage. Mittlerweile reden Vater und Sohn während der Visiten kaum noch über die aktuellen Entwicklungen, sondern vielmehr über Privates, über „die Frauen in unserem Leben“, über ihre Kinder und ihr großes Ziel, eines Tages gemeinsam den Jakobsweg in Spanien entlang zu wandern.

Davon erzählte Shipton dieser Zeitung am Rande einer Pressekonferenz in London vergangene Woche. Dafür trainiere Assange täglich in seiner Zelle, gehe unzählige Male auf und ab. Der Aktivist versucht, fit zu bleiben. Dennoch gehe es dem wohl berühmtesten Häftling der Welt sehr schlecht nach „zehn Jahren konstant zunehmender psychologischer Folter“, wie es der Vater nennt. Erst vor drei Wochen wurde Assange auf Druck der Öffentlichkeit sowie einiger Mitgefangenen aus der Einzelhaft entlassen. Seitdem habe sich seine Verfassung immerhin etwas verbessert, wie Shipton berichtete. Gleichzeitig verwies er auf den UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, der den Gesundheitszustand des Inhaftierten nach einem Besuch als lebensbedrohlich bezeichnet hatte. Dem Experten zufolge werde an Assange ein Exempel statuiert, um Journalisten einzuschüchtern.

Auch Vertreter der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) postierten sich gestern vor dem Gericht. Sie setzen sich ebenfalls für die sofortige Freilassung des Australiers ein und warnen davor, einen „gefährlichen Präzedenzfall“ zu schaffen für Whistleblower, kritische Journalisten und ihre Quellen – sowohl im Königreich und in den USA als auch international, wie die ROG-Leiterin des Londoner Büros, Rebecca Vincent, sagte. Assange sei wegen seines „journalistischen Beitrags“ zum Ziel geworden. „Der Fall ist nicht nur bezüglich des Angriffs gegen die Pressefreiheit besorgniserregend, sondern auch alarmierend in einem umfassenderen Kontext, was Menschenrechte angeht“, so Vincent. So viel stünde auf dem Spiel.

Die Anhörungen sind zunächst für diese Woche angesetzt. Das Verfahren soll dann Mitte Mai für weitere drei Wochen fortgeführt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion