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Laura Cazés:„Als Vertreterin der jungen, jüdischen Community wünsche ich mir eine lebendige Auseinandersetzungskultur“

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Kette mit verschiedenen religiösen Anhängern.
Wie kann die Politik religiösen Glaubensgemeinschaften helfen? © Imago Images

Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gibt es viele vulnerable Gruppen. Wie sich die Politik besser um sie kümmern müsste erzählt Laura Cazés von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

Das Kernthema der Zentralwohlfahrtsstelle sind die vulnerablen Gruppen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Sie werden öffentlich zu wenig wahrgenommen. Viele ältere Menschen leben in prekären Verhältnissen. Das liegt an der Migration aus der früheren Sowjetunion: 200 000 Menschen sind seit 1989 gekommen, sie wurden damals eingeladen, denn man wollte jüdisches Leben hier stärken. Allerdings hatten sie kaum Chancen, sich hier zu etablieren, vor allem in ihren erlernten Berufen weiterzuarbeiten. Deshalb leiden viele von ihnen heute unter Altersarmut. Ihnen jetzt zu helfen, ist die Aufgabe der Politik.

Aber das Problem ist größer, wir erleben ja auch bei geflüchteten Menschen, dass ihre Bildungsabschlüsse oft nicht anerkannt werden. Integrationspolitik muss sich deshalb generell ändern, sie muss als Langzeitaufgabe verstanden werden, nicht als Kurzeitprojekt. Es reicht auch nicht zu sagen „Jetzt lernt Deutsch und dann integriert euch“. Die Menschen müssen abgeholt werden bei ihren Biografien, und gefördert werden in dem, was sie mitbringen.

Zur Person

Laura Cazés arbeitet für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Die junge Jüdin diskutiert über und engagiert sich für jüdisches Leben in Deutschland.

Noch etwas treibt mich als Vertreterin der jungen, jüdischen Community um: Wir erleben in Deutschland einerseits eine ritualisierte Erinnerungskultur. Auch im Wahlkampf haben sich fast alle demokratischen Parteien zu jüdischem Leben bekannt, das ist auch gut so. Aber gleichzeitig gibt es viel zu wenig Wissen über aktuelles jüdischen Leben hier. Auch viele Politiker:innen haben da eine Leerstelle. Die ritualisierte Erinnerungskultur muss sich deshalb weiterentwickeln zu einer lebendigen Auseinandersetzungskultur. Die Kontinuitäten zwischen damals und heute müssen besser vermittelt werden, im Austausch miteinander.

Angst macht jüdischen Menschen, dass verschiedene Formen des Antisemitismus nicht erkannt werden. Verschwörungsideologien wie bei der Querdenken-Bewegung haben immer einen antisemitischen Unterbau. Dann der israelbezogene Antisemitismus, den wir zuletzt im Mai und Juni bei Demos erleben mussten.

Jedes gesellschaftliche Milieu hat seinen Antisemitismus. Oft dient er als Welterklärungsmuster, dafür braucht es gar keine Juden. Das greift die freiheitliche Demokratie als ganze an. Das muss gesellschaftlich stärker bewusst werden. Dafür brauchen wir eine andere politische Bildung und ein Demokratiefördergesetz, damit entsprechende Projekte dauerhaft finanziert werden können. Das sollte ja schon längst beschlossen sein. Außerdem muss Rechtsextremismus endlich strukturell aufgearbeitet werden, das ist bisher nicht geschehen, weder in den Sicherheitsbehörden, noch in der Breite der Gesellschaft.

Menschen und Gruppen, die nichts Fremdes in der Gesellschaft wollen, geht es nie nur um eine Minderheit. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen marginalisierten Gruppen absolut notwendig. Deshalb nehmen wir als jüdische Community auch Stellung, wenn etwa ein Schächtverbot und Kopftuchverbote gefordert werden. Denn das richtet sich nicht nur gegen Muslim:innen, sondern mittelbar gegen Diversität und Religionsfreiheit insgesamt.

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