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A pedestrian walks past the Agora building and the Azud D'or bridge at the City of Arts and Sciences, designed by architect Santiago Calatrava, in Valencia April 25, 2012. The cost of both structures escalated up to 150 million euros, according to local media. REUTERS/Heino Kalis (SPAIN - Tags: SOCIETY BUSINESS) - RTR317LK n

Spanien

Die Last vergangener Ausschweifungen

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In Valencia sind milliardenschwere Bausünden und jahrelange Korruption besonders sichtbar. Wie die Wähler sie quittieren, ist offen.

Hier in Valencia, sagt Laura Ferris mit einem spöttischen Lächeln, sei „alles sehr groß“. Die gutgelaunte 25-Jährige, die gerade ihr Lehramtsstudium beendet hat, macht heute die Reiseführerin auf der Ruta del Despilfarro, der „Route der Verschwendung“. Das ist eine Tour durch Valencia, die Einheimischen und Besuchern zeigt, „wo unser Geld geblieben ist“ – und wofür keines da war. Es geht um Milliarden, fröhlich ausgegeben in den Zeiten des Booms. Für die Oper zum Beispiel, einen Zauberbau des Valencianer Architekten Santiago Calatrava, einem gewaltigen Helm gleich, eröffnet 2006. „Sehr schön anzuschauen“, findet Ferris, während sie die weißschimmernde Fassade hinaufblickt. „Du fährst mit dem Touristenbus dran vorbei und brauchst gar nicht reinzugehen, um festzustellen, wie schön sie ist.“ Eine prächtige Hülle. Eine von vielen.

Valencia, mit 786 000 Einwohnern drittgrößte Stadt Spaniens, wurde 24 Jahre von der konservativen Volkspartei (PP) regiert, der Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Die umliegende Region Valencia 20 Jahre lang. Stadt- und Regionalregierung waren sich einig, dass aus Valencia was werden solle. Dass die Stadt am Mittelmeer aus dem Schatten Madrids und Barcelonas treten müsse. Dass sie endlich auf der europäischen Landkarte erscheine. Nichts war ihnen zu teuer, um diesen Traum in Erfüllung gehen zu lassen.

Und sie taten, was spanische Politiker jahrzehntelang am liebsten taten: Sie bauten. Das Wunderding, das sie in einem trockengelegten Flussbett am Rand der Innenstadt errichteten, heißt Ciudad de las Artes y las Ciencias, Stadt der Künste und der Wissenschaften: sieben strahlende Gebäude, darunter die Oper, ein Wissenschaftsmuseum und ein Aquarium, „das größte Europas“, berichtet Laura Ferris, „zumindest sagen sie uns das, denn in Valencia ist immer alles das größte“. Und ja, die Gebäude hätten ihren Zweck erfüllt, zumindest den einen: Valencia ist heute im Rest Spaniens für seine Kunst- und Wissenschaftsstadt bekannt. Touristen kommen und staunen und lassen sich von der Calatrava-Architektur berauschen. Vom äußeren Schein.

Ferris hat zwei Mal das Wissenschaftsmuseum besucht und war enttäuscht. „Bei allem Geld, das sie für das Gebäude ausgegeben haben, blieb keines mehr für interessante Austellungen“, glaubt sie.

1,3 Milliarden Euro hat der gesamte Komplex gekostet. Als letztes Gebäude wurde 2009 das Àgora eröffnet, Ferris zeigt es ihren Besuchern mit Fassungslosigkeit. „Es hat keinen Nutzen“, sagt sie, während sie durch die großen Fensterfronten ins leere Innere zeigt. Ein Bau wie ein Riesenei, 70 Meter hoch, eine Stadthalle der Superlative, die meistens leer steht. „Hier habt ihr sie“, sagt Ferris. „Aber warum? Aus welchem Grund? Sie wurde gebaut, ohne sich Gedanken über ihren Nutzen zu machen. Sie haben nur gesagt: Ah! Uns fehlt noch ein Gebäude!“

Das Àgora steht symbolisch für das, was in Spaniens Boomjahren – zwischen 1994 und 2007 – schief lief. Die Steuereinnahmen sprudelten, weil die Wirtschaft brummte, befeuert von einem Immobilienboom, den die Politiker mit öffentlichen Bauprojekten noch anheizten. Nicht überall verschleuderten sie das Geld so lustvoll wie in Valencia. Aber fast überall vernachlässigten sie die Zukunftsinvestitionen in Bildung und Forschung. Laura Ferris führt die Besucher ein paar Straßen fort von der Ciudad de las Artes y las Ciencias zu einer Schule, dem Colegio 103. „Sie hat noch nicht mal einen Namen, nur eine Nummer“, empört sich Ferris. Aber schlimmer ist, dass die Schule aus Containerbaracken besteht. Den Schülern scheint das nichts auszumachen, sie spielen fröhlich auf dem Hof unter Valencias erbarmungsloser Sommersonne. „Aber welche Eltern wollen, dass ihre Kinder in Schiffscontainern lernen?“, fragt sich Ferris.

Für ein ordentliches Schulgebäude fehlte hier, in Blickweite des spektakulären Wissenschaftsmuseums, das Geld. Kein Einzelfall in der Region Valencia. Zwischen 2008 und 2012 ließ die Regionalregierung für 29 Millionen Euro überall im Land Schulcontainer aufstellen. Zu mutmaßlich überhöhten Preisen.
Denn das kommt zu allem Unglück noch hinzu: Während Prachtbauten erstrahlten und Schulen verkümmerten, blühte in Valencia die Korruption. In der Region laufen mindestens 15 große Ermittlungsverfahren, in denen es immer wieder um das Selbe geht: Politiker der Volkspartei nutzten ihren Einfluss bei öffentlichen Aufträgen, um sich und ihre Partei illegal auf Kosten des Steuerzahlers zu bereichern. „Die Projekte der PP waren unternehmerische Projekte“, sagt mit ironischem Blick Emérito Bono, 76-jähriger ehemaliger Professor für politische Ökonomie an der Uni von Valencia und ein paar Jahre lang kommunistischer Parlamentsabgeordneter. „Ihr Zweck war es, Kommissionen einzustreichen. Das ist glasklar.“

Die PP stand bei vielen Spaniern lange Zeit im Ruf, die Partei des wirtschaftlichen Sachverstandes zu sein. Deswegen wählten sie Ende 2011 mit überwältigender Mehrheit Mariano Rajoy ins Amt, der den Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero ablöste. Doch in den vergangenen viereinhalb Jahren hat das Bild gelitten. „Die Rechte versteht was von der Wirtschaft“, sagt Valencias Bürgermeister Joan Ribó. „Von ihrer eigenen Wirtschaft. Aber nicht von der der Allgemeinheit. Da ist sie sehr schlecht.“ Der 68-jährige Ribó, seit einem Jahr im Amt, ist ein Politiker der Regionalpartei Compromís, die auf nationaler Ebene mit der linken Podemos zusammenarbeitet. Valencia sei endlich nicht mehr die Hauptstadt der Korruption, sondern „die Hauptstadt der neuen Art, Politik zu machen“. Transparent und ökonomisch nachhaltig. 2014, unter seiner konservativen Vorgängerin, habe der Haushalt Valencias noch ein Loch von 12 Millionen Euro aufgewiesen. 2015 gab es einen Überschuss von 20 Millionen Euro. Dank besserem Einnahmen- und Ausgabenmanagement, sagt Ribó.

Eva Ortiz, Generalsekretärin des Valencianer Regionalverbandes der PP, glaubt den Rechnungen des Bürgermeisters nicht. Ausgaben und Einnahmen der Kommunen müssten in Spanien immer ausgeglichen sein. Die „radikale Linke“, die jetzt in Stadt und Region Valencia regiere, mache den Bürgern nur das Leben schwer, erhöhe Steuern und verschrecke Investoren. „Die Regierung a la valenciana, von der jetzt so viel geredet wird, ist sektiererisch, ausgrenzend und linksradikalisiert.“

Sie kann die Spanier nur warnen. Am Sonntag wird gewählt, zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten, weil sich die Parteien nach den Wahlen im Dezember auf kein Regierungsbündnis einigen konnten. Podemos-Chef Pablo Iglesias hofft nach diesem Wahlgang auf eine linke Mehrheit, angeführt von ihm selbst, unterstützt von den Sozialisten – eben ganz ähnlich wie in Valencia.

Doch noch ist es nicht so weit. Die PP ist trotz Misswirtschaft und Korruption noch lange nicht am Ende. „Es haben sich Situationen ergeben, die uns beschämen“, sagt Eva Ortiz etwas gestelzt. „Aber wir Politiker sind nicht alle gleich. Die Korruption ist eine Frage einzelner Personen, nicht von Parteien.“ Auch wenn sich in keiner anderen Partei so viele Korruptionsfälle angehäuft haben wie in der PP, bei den eigenen Anhängern hat der Diskurs von den schwarzen Schafen und der „Beschämung“ über sie verfangen. Die PP ist im Dezember auf unter 30 Prozent abgestürzt, wird sich nach den Umfragen am Sonntag aber wieder leicht berappeln und stärkste Kraft im Lande bleiben.

Auf ihrer Route der Verschwendung führt Laura Ferris ihre Besucher in die Nähe des Hafens. Dort zieht sich über ein paar Hundert Meter eine eingezäunte Betonpiste durch die Stadt, über die 2008 bis 2012 der Formel-1-Zirkus raste. „Wozu ist das gut?“, fragt Ferris. „Zu nichts. Die Valencianer waren stolz auf ihre Formel 1. Aber geblieben sind ihnen nur die Schulden.“ Und ein eingezäuntes Stück Betonpiste. In Valencia ist alles sehr groß, auch die Ruinen vergangener Ausschweifungen.

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