1. Startseite
  2. Politik

Die Last der Geschichte

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

David Ben Gurion (li), der erste Ministerpräsident Israels, nach der Unterzeichnung der Unabhängigkeits-Deklaration im Jahre 1948.
David Ben Gurion (li), der erste Ministerpräsident Israels, nach der Unterzeichnung der Unabhängigkeits-Deklaration im Jahre 1948. © dpa

Zum Debatte um das Manifest der 25 über die Beziehung Deutschland-Israel. Unser Autor untersucht anhand historischer Fakten, ob die Ermordung der europäischen Juden tatsächlich für die Gründung des Staates Israel konstitutiv war.

Von Gert Krell

Im so genannten Manifest zu den deutschisraelischen Beziehungen (FR vom 15. 11. 2006) wird der Genozid an den europäischen Juden als zentrale Ursache für die israelische Staatsgründung und den israelisch-palästinensischen Konflikt herausgestellt und daraus auf eine besondere deutsche Verantwortung nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber den Palästinensern geschlossen. Diesen Zusammenhang möchte ich in einer vorläufigen Bilanz der Debatte differenzieren. Möglicherweise war die Zuwanderung in den dreißiger Jahren weniger relevant als die Dringlichkeit der Staatsgründung in den Augen der Zionisten und die Rolle der "Displaced Persons (DPs)", die nach dem Holocaust eingewandert sind.

Gewiss spielt der Holocaust auch in der weiteren Geschichte des Konflikts eine wichtige Rolle für das israelische Selbstverständnis. Ob es ohne den Holocaust kein Israel gegeben hätte, erscheint mir jedoch durchaus fraglich. Der Holocaust-Forscher Yehuda Bauer z. B. vertritt die Gegenthese: Israel gibt es trotz des Holocaust, schließlich haben die Nazis den größten Teil der potenziellen Staatsgründer ermordet. Hätte der Krieg nur ein Jahr länger gedauert, dann hätte es kaum noch Überlebende und damit DPs mehr gegeben. Gerade deren (illegale) Zuwanderung sei mit entscheidend dafür gewesen, dass Israel den Unabhängigkeitskrieg 1948/49 gewonnen hat.

Ob das Votum der Vereinten Nationen von 1947 für die Teilung Palästinas auf den Holocaust zurückzuführen ist, wird ebenfalls kontrovers diskutiert. Das einzige Land, das meines Wissens offen mit dem Holocaust argumentiert hat, war die Sowjetunion. Ihr überraschendes Votum für Israel war von besonderer politischer und völkerrechtlicher Bedeutung, aber es scheint allen klar gewesen zu sein, dass diese Entscheidung primär machtpolitisch motiviert war: Stalin glaubte, über Israel den englischen Imperialismus schwächen zu können. Auch bei den USA haben außenpolitische Probleme den Ausschlag zu Gunsten des Teilungsvotums gegeben: der Bürgerkrieg in Palästina vor dem Hintergrund des langsam heraufziehenden Ost-West-Konflikts und die Frage der DPs in den amerikanischen Lagern. Hätte Großbritannien akzeptiert, wie von der amerikanischen Regierung gefordert, 100 000 DPs in Palästina aufzunehmen, wäre die Entscheidung möglicherweise anders ausgefallen.

Das Vereinigte Königreich hatte mit der Balfour-Erklärung 1917 ein Fundament für die spätere israelische Staatlichkeit gelegt; besondere Bedeutung kommt aber auch seiner Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 1936-39 zu. Aus strategischen Gründen nahm Großbritannien im Zweiten Weltkrieg jedoch mehr Rücksicht auf die Interessen der arabischen Seite und verfügte strikte Begrenzungen für die jüdische Einwanderung. Unter dem Druck der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen und terroristischer Aktivitäten der Zionisten gegen seine Herrschaft übergab es den Konflikt an die Vereinten Nationen und zog sich schließlich ganz aus Palästina zurück. Bei der entscheidenden Abstimmung in den UN enthielt es sich der Stimme.

Die Rolle der USA

Dass es zu einem israelischen Staat kam, ist nicht zwangsläufig, die Geschichte hätte trotz des Holocaust einen anderen Verlauf nehmen können. Was hätte es z. B. bedeutet, wenn die amerikanische Einwanderungspolitik in den dreißiger und vierziger Jahren weniger rigide gewesen wäre, so wie es arabische Organisationen in den USA vielfach gefordert haben - u. a. mit dem Argument, eine solche Einwanderung sei weit weniger konfliktträchtig als in Palästina? Wenn man aber mit historischen Ursachen argumentiert, dann müssen auch andere Voraussetzungen erwähnt werden; an erster Stelle der europäische Nationalismus und Antisemitismus, aber auch Kolonialismus und Imperialismus. Das Projekt einer systematischen jüdischen Besiedlung Palästinas mit dem Ziel einer "Heimstätte" und damit letztendlich eines eigenen Nationalstaats war nur mit finanzieller, organisatorischer und militärischer Unterstützung von außen und durch am Ende auch gewaltsame Majorisierung zu haben. Einen binationalen Staat wollten - von Minderheiten abgesehen - weder Juden noch Araber. Einen jüdisch dominierten Staat aber würden die Araber niemals freiwillig akzeptieren, was kein Geringerer als Zeev Jabotinsky, Präsident der "Revisionisten" (in etwa die Vorläufer des Likud), früh offen ausgesprochen hat; er setzte deshalb auf eine Politik der (militärischen) Stärke, die den Arabern keine Alternative lassen würde. Da sich auch die Option eines freiwilligen Transfers der eingesessenen arabischen Bevölkerung als unrealistisch erwies, würde der Konflikt um Herrschaft und Territorium in Palästina aller Voraussicht nach gewaltsam entschieden werden.

Im ersten israelisch-arabischen Krieg ging es um Fragen der politischen, partiell sogar der physischen Existenz, zumindest in dem Sinne, wer wo leben und bleiben durfte. Und so wurde Israel zu einem weit überwiegend jüdischen Staat nicht nur durch die Flucht palästinensischer Araber aus ihrer Heimat, sondern auch durch gezielte Vertreibungen, die es durch die Zerstörung hunderter arabischer Dörfer, die Übernahme arabischen Wohnraums in den Städten und das bis heute geltende Rückkehrverbot auf Dauer unumkehrbar machte.

Ohne den Hintergrund des europäischen Imperialismus hätte es die jüdische Siedlungsbewegung in Palästina trotz ihrer Pionierleistungen vermutlich nicht bis zur Staatsgründung geschafft. Bei Mitbestimmung der Araber wäre das Unternehmen einer jüdischen Heimstätte in Palästina von Anfang an aussichtslos gewesen, was einen kräftigen Schatten auf westliche Verheißungen für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wirft. Selbstbestimmung galt eben seinerzeit nicht für weite Teile der damals noch nicht so genannten Dritten Welt. Der Widerspruch war der westlichen Diplomatie im Prinzip durchaus bekannt. Die King/Crane- Kommission, die Woodrow Wilson selbst einberufen hatte, stellte in ihrem Bericht vom 28. 8. 1919 fest, neun Zehntel der Gesamtbevölkerung Palästinas mit einer unbegrenzten jüdischen Einwanderung zu konfrontieren und damit anhaltendem Druck, ihr Land aufzugeben, bedeute eine massive Verletzung ihrer Rechte und zugleich der Prinzipien, die der amerikanische Präsident selbst verkündet habe. Die Friedenskonferenz in Paris dürfe nicht darüber hinwegsehen, dass die Stimmungslage in Syrien wie in Palästina dezidiert antizionistisch sei. Keiner der konsultierten britischen Offiziere sei der Meinung gewesen, die zionistische Programmatik lasse sich ohne Waffengewalt durchsetzen. Weiter heißt es, die oft von zionistischen Vertretern vorgebrachte Behauptung, sie hätten ein Recht auf Palästina auf der Grundlage eines Besitzes, der zweitausend Jahre zurückliege, könne wohl kaum in Betracht gezogen werden:

"Im Lichte all dieser Überlegungen und bei tiefen Sympathien für das jüdische Anliegen fühlt sich die Kommission verpflichtet zu empfehlen, dass sich die Friedenskonferenz nur auf ein drastisch reduziertes zionistisches Programm einlässt, und auch dies sollte nur sehr langsam angegangen werden. Das würde bedeuten, die jüdische Einwanderung deutlich einzuschränken und das Projekt, Palästina in ein ausgeprägt jüdisches Gemeinwesen umzuwandeln, aufzugeben."

Die Schuld "des Westens"

Noch 1947 formulierte ein Mitarbeiter aus dem Stab der Abteilung für Nahost-Angelegenheiten im State Department Folgendes zur Frage einer Teilung Palästinas:

"Amerikanische Unterstützung für eine Teilung Palästinas als Lösung für dieses Problem lässt sich nur auf der Grundlage arabischer und jüdischer Zustimmung rechtfertigen. Andernfalls würden wir das Prinzip der Selbstbestimmung verletzen (?) - ein Prinzip, das zum Kern unserer außenpolitischen Programmatik gehört. Selbst eine Entscheidung der Vereinten Nationen zu Gunsten der Teilung käme, wenn diese Zustimmung nicht erfolgt, einer Lähmung und Verletzung der eigenen UN-Charta gleich."

In diesem ganzen Komplex sehe ich gegenüber den Palästinensern die Hauptschuld "des Westens" (hier im Sinne von Okzident; ich rechne also Zionismus und Israel, auch Russland dazu), der seine Unfähigkeit zu einer friedlichen und dauerhaften Integration aller seiner jüdischen Mitbürger an "den Süden" (hier: den Orient) delegiert hat. Auch diese (gesamtwestliche) Schuld bedarf der Bearbeitung. Und zwar in Form der Durchsetzung pragmatischer Kompromisse der Konfliktparteien, wie sie schon in vielen Papieren (z. B. der Genfer Initiative) vorgesehen sind. Zuallererst verlangt sie ein definitives Ende der anhaltenden Landnahme und der damit verbundenen Drangsalierung der palästinensischen Bevölkerung in der West Bank.

Alles das ändert nichts an der weitaus größeren Schuld des (nicht-jüdischen) "Westens", hier in Gestalt Nazi-Deutschlands und seiner Helfershelfer, gegenüber den Juden. Vertreibung oder Ermordung sind ein Unterschied ums Ganze, nämlich um das Leben. Und es ändert nichts, ich betone das mit Nachdruck, an der Legitimität Israels, die heute auch postzionistisch begründet werden kann; und zwar keineswegs nur machtpolitisch, sondern natürlich auch völkerrechtlich und moralisch. Nicht nur mit den historischen Verfolgungen, sondern auch mit den inzwischen mehreren Generationen von Menschen, die in Israel (nicht aber in den besetzten Gebieten) Heimatrechte erworben haben, oder mit der starken Zuwanderung von Juden aus arabischen Ländern, auch hier in vielen Fällen keineswegs freiwillig; eine Dimension, die von der arabischen Seite gerne unterschlagen wird.

Abschließend stelle ich zur Diskussion, ob nicht auch eine Haltung gegenüber dem Nahost-Konflikt tragfähig sein könnte, die das historische Erbe ausklammert und sich auf die Verantwortung beider Seiten für die aktuellen Konflikte konzentriert. Ich glaube zwar, dass eine dauerhafte Befriedung nicht ohne eine Anerkennung der Leidensgeschichten beider Völker möglich sein wird. Aber warum reicht nicht die Sorge um Israels Sicherheit, die Sorge um alle Menschen in der Region, insbesondere auch die extrem schwierige, teilweise verzweifelte Lage der Palästinenser, die Sorge über die mittelfristige Entwicklung des Verhältnisses zwischen "dem Westen" und den arabisch bzw. islamisch geprägten Ländern und die Sorge um die Glaubwürdigkeit der demokratischen Ansprüche des Westens als Grund für Anfragen an ein befreundetes Land, dem sich Deutschland aus verschiedenen Gründen besonders verbunden fühlt, dessen Politik im Konflikt aber viele, und zwar politische Laien ebenso wie ausgesprochene Kenner der Materie, in mancher Hinsicht für schädlich halten? Wobei gerade wir Deutsche Verständnis zeigen sollten dafür, dass viele Israelis dem Frieden nicht trauen. Dafür gibt es schließlich mehr als genug historische und aktuelle Gründe.

Auch interessant

Kommentare