Ein Spiel und Versuch passende Worte zu finden.
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Ein Spiel und Versuch, passende Worte zu finden.

Gendergerechte Sprache

Lasst uns spielen!

Wie können wir Sprache gerechter machen? Ein Spiel und Versuch, passende Worte zu finden.

Beim Scrabble können wir oft beobachten, was das Schöne an der Sprache ist: Sie kann ein Spiel sein, ein Versuch, passende Worte zu finden und dabei neue Wörter zu erfinden. Nicht komplett neu, sondern so, dass die Welt uns noch versteht. Und warum sollte das, was bei Scrabble funktioniert, im Alltag nicht funktionieren?

Genderleicht.de zeigt in vielen Beispielen, wie das geht. Wir stellen einige hier vor. Das Projekt, das vom Journalistinnenbund betreut wird, will zeigen, wie besonders die Medienschaffenden die Welt stärker so abbilden können, wie sie ist, und nicht, wie sie sich jemand vorstellt - also Frauen genauso in der Sprache sichtbar machen, wie es Männer seit jeher sind.

Das heißt nicht, dass jetzt alle Texte länger werden müssen, weil wir (mindestens) die zwei Geschlechter nennen müssen. Statt Arbeiter und Arbeiterin, statt Forscherin und Forscher lesen Sie in der FR künftig vielleicht öfter Beschäftigte; Forschende. In vielen Fällen ist das möglich: Lehrende, Studierende. Oder auch: Sicherheitspersonal, Abgeordnete, Fachleute und, und, und.

Gleichzeitig soll die Sprache präzise sein. Und wenn das möglich ist, wenn die Rede vom bestimmten Arzt XY ist oder von der bestimmten Politikerin YZ, dann wird das entsprechende Substantiv eindeutig geschrieben. Wenn nicht klar ist, wer gemeint ist, oder es unzweideutig Menschen verschiedenen Geschlechts betrifft, dann kann auch eine Umschreibung helfen. Ein Beispiel von Genderleicht.de: „Radfahrer sollten einen Helm tragen – Wer Rad fährt, sollte einen Helm tragen.“

In der Konsequenz wird es für uns von der schreibenden Zunft heißen, dass wir unsere Schreibgewohnheiten ändern und über neue Formulierungen nachdenken müssen. Es kann nach Anstrengung klingen – oder nach einem Spiel. Aus „Sie trat an das Rednerpult“ wird „Sie trat an das Redepult“. „Wählerumfragen“ werden zu „Wahlumfragen“, denn es wählen nicht nur Männer.

Warum diese ganze Mühe? Weil wir, wenn wir nicht präzise sind, die Geschichte verfälschen. Jahrzehnte lang wurden in öffentlichen Reden, wenn es um das Grundgesetz ging, fast immer nur die „Väter des Grundgesetzes“ gewürdigt. Damit wurden nicht nur vier Frauen aus der Geschichte gestrichen. Mit dieser Ignoranz wurde auch ihre Rolle für die sich neu erfindende deutsche Gesellschaft entwertet.

Neben Genderleicht.de hilft auch „Gendern – Ganz einfach!“ von der Duden-Redaktion. Vieles muss also nicht mehr neu erfunden werden, aber die Debatte über das Gendern zeigt zugleich auch, dass viele Begriffe sich noch wandeln könnten und werden. (Von Viktor Funk)

Gerechte Sprache: Lob und Bedenken der Leserinnen und Leser zum Gendern in der FR.

Gunda Norwig, Oberzent

Sie können sich gar nicht vorstellen,wie sehr ich mich über Ihr Vorhaben freue,die FR in gendergerechter Sprache zu lesen. In den vergangenen Jahren, zuletzt 2014, habe ich wiederholt an Sie geschrieben. Jetzt endlich ändert sich was. Wunderbar, dass ich das noch erlebe, seit 20 Jahren setze ich mich für gendergerechte Sprache ein. Eine zivilisierte Gesellschaft kann es sich nicht leisten, diese Art von Diskriminierung fortzuführen. Da kann ich als Frau noch so selbstbewusst sein. Definitiv bin ich z.B. mit der Bezeichnung „Rentner“ nicht mitgemeint. Kaum ein Mann in dieser Gesellschaft kann dies nachempfinden, weil sie eh schon weniger Diskriminierung erfahren. 

Marc Schneider, Karben

Ja, Sprache ist mächtig – aber nicht allmächtig. Es herrscht ein naiver Irrglaube, man könne Probleme lösen, wenn sich nur alle sprachlich „korrekt“ verhalten. Leider führt „gendergerechte“ Sprache nicht dazu, dass Frauen weniger benachteiligt werden. Genauso wenig führt die Tatsache, dass wir uns laufend neue Begriffe für schwarze Mitbürger ausdenken und die alten als „rassistisch“ ächten, zu einem Verschwinden der Diskriminierung. Mittlerweile führen wir einen absurden Krieg gegen Wörter und übersehen, dass die Sprache nur Symptom des eigentlichen Problems ist – der mangelnden Toleranz gegenüber allen, die irgendwie anders sind.

Das „Gendern“ funktioniert einfach nicht. Egal ob Satzzeichen im Wort oder Binnen-I – es scheitert oft an der Grammatik (z.B. bei Polizisten/Polizistinnen), und selbst wo es möglich ist (Leser*innen), wird der absolute Grundsatz verletzt, dass man das Geschriebene auch genauso aussprechen kann. Alle Varianten des „Genderns“ kaschieren das nur und bürden es dem Leser auf, diesen Code in Sprache zu übersetzen.

Birgit Kindler, Oberursel

Ich finde Ihre Artikelserie und auch die sehr diversen Meinungen der Leser*innen und Journalist*innen zum Thema sehr spannend. Wie man leicht sieht, bin ich eine Befürworterin einer gendersensiblen Sprache, ohne dass man sich verbiegen muss.

Als ich in der Schule im Französischunterricht lernte, dass eine Gruppe von Menschen immer männlich ist, wenn nur ein männliches Exemplar dabei ist, fand ich das merkwürdig und ungerecht. Erst später ist mir bewusst geworden, dass das in meiner deutschen Muttersprache genauso ist. Seitdem fallen mir unausgewogene Gruppenbezeichnungen extrem negativ auf.

Als meine beiden Söhne im Kindergarten waren, habe ich sie einmal gefragt, wie denn ein Professor aussieht. „Ein weißhaariger alter Mann“ war die klare Antwort! Und das, obwohl ich eine promovierte Physikerin bin.

Mein Fazit: Sprache prägt Bilder im Kopf, Bilder im Kopf schaffen Wirklichkeit und beeinflussen – oft im Unterbewussten – Handeln.

Hildegard Weidemann, Rodgau

Liebe Rundschaumachende,

ich bin hocherfreut, dass endlich über die geschlechtsneutrale Sprache in der Rundschau geschrieben wird bzw. Sie sich damit auseinandersetzen, wie Sie es in Zukunft halten wollen. Ich ärgere mich ständig wenn nur die männliche Form benutzt wird, was erstaunlicherweise immer noch viel zu häufig in der FR vorkommt. Ich bemühe mich neutrale Bezeichnungen anzuwenden oder die, wie Sie schreiben, Partizipialform. Das ist ein Umgewöhnungsprozess aber wenn man mal damit angefangen hat stellt man fest, dass es viele geschlechtsneutrale Begriffe gibt. Manchmal passt im Text auch nur der

Doppelpunkt oder das Sternchen, da nutze ich das Sternchen.

Rainer Jaxt, Rödermark

Spreche ich von einer Personengruppe, die durch bestimmte Kriterien definiert ist (z.B. Berufsausbildung, notwendige Qualifikationen, Funktion), die nichts mit ihrem Geschlecht zu tun haben, verwende ich das generische – zwei (oder noch mehr) Geschlechter umfassende – Maskulinum, also ‚Ärzte werden nach der GOÄ entlohnt.‘

Sowie der Geschlechterunterschied eine Rolle spielt, kann ich dies durch entsprechende Adjektive verdeutlichen: ‚Männliche Ärzte haben immer noch bessere Aufstiegschancen als weibliche Ärzte (oder kürzer: Ärztinnen). Diverse Ärzte sind noch stärker benachteiligt.‘

Vorteil dieser Sprachregelung: Sie kommt nur dann zur Anwendung, wenn es wirklich von der Sache her notwendig ist. Dann kann man sich den „Luxus“, durch Gebrauch beider Formen den Satz zu verlängern, ruhig leisten. Auch erlaubt es das qualifizierte generische Maskulinum dem dritten Geschlecht, als selbständige Gruppe erwähnt zu werden, was bei den gendergerechten Wortneuschöpfungen (‚Journalist:innen‘) unter den Tisch fällt oder sich bestenfalls im Doppelpunkt repräsentiert sehen kann. Eine stärkere Form von Diskriminierung ist wohl kaum vorstellbar.

Sabine Görlitz, Saarburg

So ein Mist! Jetzt wollte ich, zuvor erleichtert oder gar ein klein wenig euphorisiert, die von Herrn Kaspar vorgeschlagene neue Gender-Schreibform bereits höchstpersönlich einsetzen, da stoße ich auf die erste Problematik. Schreiber:innen, Sachbearbeiter:innen, ja, das ginge! Aber: Redakteure und Redakteurinnen! Diese zwei Brocken sind unvereinbar! Und nun? Wie könnte man die ewige Zwietracht der beiden bloß lösen? Eventuell ist hier die Mathematik wieder einmal die Lösung. Alles lässt sich mathematisch erklären. Ich will es mal versuchen: Redakteure minus e gleich Redakteur. Doch wo ist das e hin? Und jetzt sind mehrere Redakteure beleidigt. Dann vielleicht eine Gleichung: Redakteur mal e gleich

innen. Und dividiert man, so nimmt man das e auf die andere Seite und erhält „eRedakteur:innen“ oder so ähnlich. Da fällt mir ein, was ist mit der nicht-binären Geschlechtsidentität? Benötigt diese nicht auch eine eigene Bezeichnung? Also Redakteur plus e plus innen gleich Redakteur+e+innen durch drei (weil es ja drei Geschlechter sind) macht Redakteur:e:innen. Und so hätten wir das Wort verdreigendert und alle wären erwähnt, sogar die vielen Redakteure im Büro. Viel Spaß beim Gendern!

Samuel Ernst, Frankfurt

Ich finde es gut, dass Sie dieses Thema so offen diskutieren. Ich bin für eine Gleichstellung der Geschlechter, die sich auch in der Sprache ausdrückt. Ich habe nichts dagegen, dass die bisherige Dominanz des Männlichen in der Sprache durch eine sprachliche Gleichbehandlung abgelöst wird. Ich finde diesbezüglich jedoch Bezeichnungen wie KollegInnen schwierig, da in diesem Fall der männliche Kollege sprachlich hinten runter fällt und nicht mehr vorkommt. Was spricht denn gegen die konsequente Nennung der weiblichen und männlichen Form? Also einfach immer zu schreiben: Leserinnen und

Leser, Bäckerinnen und Bäcker, Lehrerinnen und Lehrer etc.? Ich fände das tausendmal besser als Gendersternchen, Binnen-I etc., da es optisch und ästhetisch für mich deutlich unproblematischer und flüssiger ist, so einen Text dann zu lesen (oder auch vorzulesen).

Sigita Urdze, Darmstadt

Ich habe lange das Gendern abgelehnt. Tief im Innersten fand ich es gut, aber es war mir peinlich, mich dazu zu bekennen. Ich habe dazugelernt. Wahrgenommene Realität formt unsere Sprache. „Der Arzthelfer assistiert der Ärztin“ ist ein Satz, über den ich stolpere. Wenn ich ihn in allgemeiner Form sage, erscheint er mir unpassend angesichts dessen, was ich kenne. Sprache formt umgekehrt aber auch Realität. Der Satz löst bei mir Nachdenken aus. Ich frage mich, wieso ist das eigentlich so, dass ich darüber stolpere?

Ja, Sprache soll schön sein. Aber Schönheit ist auch Gewohnheit. Wer entscheidet, dass Ärzt*innen nicht schön aussieht?

Eine meiner Töchter will DFB-Präsidentin werden – nicht DFB-Präsident, das würde sich wirklich merkwürdig anhören.

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