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"Lass uns feiern, dass wir noch am Leben sind"

Zeitzeugin erinnert sich an den Durchmarsch der Russen vor den Toren Berlins"Für mich war der Krieg am 26. April zu Ende", erinnert sich die heute 86-jährige Gabriele Leech-Anspach. Damals ratterten am frühen Morgen russische Panzer durch das eher verschlafene Steinstücken vor den Toren Berlins.

Von SUSANN KREUTZMANN (BERLIN, AP)

"Für mich war der Krieg am 26. April zu Ende", erinnert sich die heute 86-jährige Gabriele Leech-Anspach. Damals ratterten am frühen Morgen russische Panzer durch das eher verschlafene Steinstücken vor den Toren Berlins. Mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn auf dem Arm ging die junge Frau auf die Straße. "Ein Soldat kam aus dem Panzer, lächelte mich und das Kind an und gab mir ein Brot." So beschreibt Anspach ihre erste Begegnung mit russischen Soldaten, die ihr heute noch gegenwärtig ist, als sei es gestern geschehen.

Während des Krieges studierte Gabriele Anspach Slawistik an der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Sie konnte nicht nur Russisch und Polnisch sprechen, sondern war auch mit Kultur und Lebensweise vertraut. Das war ein unschätzbarer Vorteil, der, wie sich später herausstellte, ihr das Überleben sicherte.

Knapp zwei Stunden nach dem Einmarsch der sowjetischen Soldaten in Steinstücken wurde Gabriele Anspach für ihren ersten Dolmetschereinsatz in ein Auto gesetzt und zur Kommandostelle gefahren. "Dort wurden mir sofort Aufträge gegeben." So musste sie von Haus zu Haus laufen und Anweisungen der Offiziere an die deutsche Bevölkerung weitergeben. Das Telefonnetz war durchtrennt, Radio gab es nicht.

"Trotz all der schrecklichen Erlebnisse wurde ich immer korrekt behandelt", fasst Gabriele Anspach ihre damalige Situation zusammen. "Ein Offizier kam am ersten Tag sofort auf mich zu und sagte, wenn es Übergriffe gibt, melden Sie das bitte sofort. Wir wollen das nicht." Schnell entwickelte sich das Haus von Anspach, in dem sie mit ihren Eltern und dem Kind wohnte, zu einer Anlaufstelle für die russischen Soldaten. Hier gab es russische Bücher und Schallplatten, es wurde gesungen und bis spät in die Nacht erzählt.

Manchmal brachten die Soldaten Lebensmittel mit, die das Überleben der Familie sicherten. In den ersten sechs Wochen nach Einzug der Panzer, so erinnert sich Anspach, war der Ort vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Es gab nicht einmal Brot zu kaufen.

Der 8. Mai, der Tag des eigentlichen Kriegsendes in Deutschland, war deshalb von einem reinen Überlebenskampf überschattet. "Ein ganz junger Soldat aus der Ukraine kam am Abend mit einer Flasche Wodka zu mir", erinnert sich Gabriele Anspach. "Es ist Frieden, lass uns feiern, dass wir noch am Leben sind", sagte er. Auch dieser Moment prägte sich für immer in das Gedächtnis der damals 26-jährigen Frau ein.

"Das Wichtigste war, dass man noch lebte"

Die kommenden Woche waren für Gabriele Anspach von Arbeit für die sowjetischen Soldaten bestimmt. Daneben gab sie Russisch-Kurse für Deutsche, die ein paar Worte zur Verständigung lernen wollten. Auch in ihrem Haus wohnten russische Offiziere. Die Familie war in den Keller gezogen. "Es war eine Ausnahmezeit, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen", sagt Anspach. "Das Wichtigste war, dass man noch lebte." Durch Zufall lernte Anspach auf einem Bahnsteig eine Gruppe von russischen Offizieren kennen. Durch den Lautsprecher wurde etwas auf Deutsch angesagt und Anspach bot sich an zu übersetzen. Als Dolmetscherin war sie dann weitere Monate für die Offiziere tätig.

Sie übersetzte bei Interviews in Unternehmen und half, technische Daten aufzunehmen. Für ihre Dienste gab es Lebensmittelkarten. Davon überlebte die ganze Familie. Noch heute ist Anspach froh, dass sie während des Krieges nicht zu Dolmetschereinsätzen gerufen wurde und für die SS arbeiten musste. "Mein Professor hat uns Studenten immer beschützt", sagt sie. "Entweder sagte er, 'sie weiß noch nicht genug' oder 'sie weiß zu viel'."

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