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In Passau wollte man aber nicht auf die gesellschaftspolitischen Richtungsentscheidungen aus Frankfurt oder Berlin warten und erlaubte per städtischer Badeordnung im Frühjahr 1968 das Tragen eines Bikinis.

50 Jahre '68er

Langhaarige riskieren was

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Eine Gesellschaft in Aufruhr: Noch immer schwankt der Blick auf 1968 zwischen Verklärung und Aufklärung.

Es gibt ein Foto, das eine Demonstrationsszene vor einem Berliner Bilka-Kaufhaus aus dem Jahr 1968 zeigt. Rote Fahnen werden geschwenkt, einige Teilnehmer haben sich untergehakt. In vorderer Reihe ist der spätere RAF-Protagonist Horst Mahler zu sehen, er trägt einen Sommermantel, ein weißes Hemd mit Krawatte, von seinem Arm hängt ein Stockschirm herab. Ebenfalls in vorderster Linie befindet sich Klaus Feske, Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin (SEW). Er ist fein gescheitelt und trägt einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte. Man ging, so scheint die Botschaft des Bildes uns heute zu vermitteln, sorgsam gewandet zum Straßenkampf.

Dabei hatte die „Bild“-Zeitung, der erklärte Feind der Generation, die auf die Straße ging, zuvor bereits deutlich eine Lockerung der Sitten signalisiert. „Männer, laßt die Haare wachsen“ ist ein Artikel überschrieben, in dem eine Umfrage zitiert wird, der zufolge Männer mit langen Haaren mehr Chancen bei Frauen und Chefs haben. Viele Frauen jedenfalls sind der Meinung, dass Haare ein Zeichen von Freiheit und Unabhängigkeit seien. „Sie glauben, daß langhaarige Männer im Beruf etwas riskieren und nicht ständig Angst um ihre Pöstchen haben und zu Hause nicht dauernd den Herrn und Gebieter herauskehren.“ 

Anderseits warnt „Bild“ davor, sich bedingungslos den Illusionen hinzugeben, die eine offene Haarpracht suggeriert: „Nachgemachte Beatles sind genauso tolerant oder spießig, so mutig oder ängstlich wie ein spiegelblanker Glatzkopf.“

Zwei Blicke auf 1968, die in den kommenden Monaten, wenn ein Rückblick auf das Jahr der Kulturrevolution dem anderen folgen wird, gewiss eine untergeordnete Rolle spielen. Prager Frühling, Pariser Mai, die Bedeutung des Vietnamkriegs und die Springer-Blockade sind die Themen, auf die die Chronisten mit ganz besonderem Augenmerk schauen werden. Wie kritisch der heutige Blick auf das Geschehen auch sein mag, so herrscht bei der Auseinandersetzung mit dem historischen Jahr 1968 doch gemeinhin die Annahme vor, dass in der versuchten Revolte und durch sie das gesellschaftliche Leben so rasant verändert worden ist wie selten zuvor.

In der niederbayerischen Stadt Passau wollte man aber nicht auf die gesellschaftspolitischen Richtungsentscheidungen aus Frankfurt oder Berlin warten und ging, wie eine Zeitungsmeldung aus dem Frühjahr 1968 verrät, ganz selbstbewusst mit der Zeit. In der Stadtverordnetenversammlung hatte man sich entschlossen, die Badeordnung von 1952 zu ändern und ab sofort das Tragen eines Bikinis zu erlauben. Die Sittenlockerung schien also bereits in vollem Gange zu sein, als die adrett gekleideten Studenten die Verhältnisse auf den Straßen zum Tanzen brachten.

Zu einer ähnlichen Überzeugung war auch der große Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis gelangt, der sich im Februar 1969 in einem Beitrag für die Zeitschrift „Merkur“ mit den Ungereimtheiten der „Deutschen Unruhe“ befasste. Er jedenfalls mag die stereotyp behauptete Diagnose von der verkrusteten, verfetteten und verhärteten Gesellschaft nicht teilen, die die Studentenproteste überhaupt erst hervorgerufen habe. Hennis ist vielmehr davon überzeugt, „dass es in der deutschen Geschichte bisher noch nie zwei Jahrzehnte so rapiden tiefgreifenden Wandels, solch überfließender Mobilität gegeben hat, wie die Jahre zwischen 1948 und 1968. Und das ohne Krieg, ohne Gewalt, ohne Zwang“. 

Einen ironischen Seitenhieb auf die Generation Aufruhr vermag Wilhelm Hennis sich dabei nicht zu verkneifen. „Nur ganz junge Menschen“, schreibt er, „mit einem minimalen historischen Horizont, die sich nur in Wochen und Monaten der Rückerinnerung bewegen können, außerstande, aus eigener Anschauung heutige Vorgänge und Erscheinungen von den entsprechenden fünf oder zehn Jahren abzuheben, können auf die kuriose Idee kommen, unsere Gesellschaft sei durch Immobilität und Stagnation gekennzeichnet.“

Und an der Abwesenheit von Zwang und Gewalt wurde intensiv gearbeitet. In der gerade erschienenen Studie des Historikers Alexander Sedlmaier wird minutiös belegt, wie stark das Verhältnis von „Konsum und Gewalt“ die bundesrepublikanische Protestgeschichte geprägt hat. Sedlmaier verweist auf eine lange Kontinuität der theoretisch formulierten, aber auch affektiven Kritik an den gesellschaftlichen Versorgungsregimen, zu der der Einsatz von Gewalt von den Akteuren immer wieder als legitim erachtet worden ist. Vieles mutet heute kurios an, und es wirkt geradezu verstörend, welchen enormen Aufwand beispielsweise die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof betrieben hat, die Gewalt einer herbeigesehnten Bewegung gegen den sogenannten Konsumterror zu rechtfertigen. Geradezu zwanghaft ist Meinhof bemüht, nützliche Waren von aufgezwungenen zu unterscheiden. 

Immerhin scheint die in den Wohngemeinschaften vom Küchenabwasch geplagte Generation aber die Existenz von Geschirrspülern im Reich der Notwendigkeit zu verorten. Die aber seien zu schwer, um sie bei Plünderungen, die Meinhof als eine Notwehr im revolutionären Kampf betrachtet, einfach mitgehen zu lassen.

Mit Ironie und Abgeklärtheit allein ist dem Komplex von Konsum und Gewalt, den Sedlmaier historisch genau in all seinen theoretischen Begründungszusammenhängen nachzeichnet, nicht beizukommen. Der blinde Fleck der Revolte scheint noch immer der Mangel an Selbstaufklärung der 68er-Generation zu sein, die zwar intensiv mit Texten wie Herbert Marcuses „Triebstruktur und Gesellschaft“ befasst war, die obsessive Seite ihres Wegs in die Gewalt aber kaum reflektierte. 

In ihrem theoretischen Furor über den „Konsumscheiß“ bemerkte Ulrike Meinhof nicht einmal, wie nah sie in ihrer Analyse gedanklich und sprachlich der Phrasenhaftigkeit eines konservativen Kulturpessimismus kam. „Millionen von Frauen gehen in die Fabrik“, schreibt sie in ihrem Text über „Massenkonsum“, „um an den Konsum heranzukommen. Eltern vernachlässigen ihre Kinder. Es gibt keine Moral mehr.“

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