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Amerikanische Soldaten im zerstörten Darmstadt. Das Bild zeigt laut Bildtext im Stadtarchiv polnischer Zwangsarbeiter auf dem Marktplatz. Links ist das alte Rathaus zu sehen.
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Amerikanische Soldaten im zerstörten Darmstadt. Das Bild zeigt laut Bildtext im Stadtarchiv polnischer Zwangsarbeiter auf dem Marktplatz. Links ist das alte Rathaus zu sehen.

Am Langen Ludwig hing die weiße Fahne

Zum 25. März 1945 gibt es viele Berichte, aber keine AktenWas sich in den Tagen um und nach dem 25. März 1945 zum Kriegsende in Darmstadt genau ereignet hat, lässt sich anhand von Archivdokumenten nur schwer nachzeichnen. Schriftliche Aufzeichnungen im Stadtarchiv sind rar. Aber es gibt Berichte von Zeitzeugen.

Von ASTRID LUDWIG

Darmstadt · 25. März · "Aus dieser Zeit existieren keinerlei Akten", sagt Stadtarchivar Peter Engels. Die Stadt lag nach den Bombenangriffen 1944 zu 80 Prozent in Trümmern, die Verwaltung war nur noch ein Rudiment. "Niemand hatte einen Job, niemand hat in diesen Tagen etwas aufgeschrieben." Zumindest niemand von offizieller Seite. Oberbürgermeister Otto Wamboldt und NS-Führer hatten längst das Weite gesucht. "Mit dem Einmarsch der Amerikaner hat erst einmal alles aufgehört", sagt Engels. Zwar beauftragte der amerikanische Kampfkommandant noch am 25. März 1945 auf Empfehlung der Darmstädter Pfarrer Wilhelm Weinberger und Wilhelm Michel den Rechtsanwalt Ludwig Metzger mit der Leitung der Stadt, doch der griff nicht gleich zu Papier und Stift, um die Ereignisse in Form offizieller Dokumente festzuhalten. Die Menschen hatten andere Nöte, sie hatten Angst, litten Hunger und die wenigsten hatten ein Dach über dem Kopf.

Soldaten holen die Fahne wieder ein

Es gibt dennoch Zeitzeugenberichte über die Stunden der Übergabe der Stadt an die US-Truppen. So schildert der Metzgermeister Hans Lenhard aus Mainz-Kastel, wie er den Darmstädtern die amerikanische Aufforderung zur Kapitulation überbracht hat. Thea Friedrich soll auf dem "Langen Ludwig" eine weiße Fahne gehisst haben, die von deutschen Soldaten aber kurz darauf wieder eingeholt wurde. Der Kampfkommandant Paul von den Hoff, der mit 150 Mann vor der Stadt in Stellung lag, hat sich damals ergeben und will Darmstadt auf diese Weise vor weiterem Blutvergießen verschont haben. Doch auch der ehemalige Stadtverwaltungsdirektor Karl Huck beansprucht die Rettung für sich, weil er mit Oberleutnant R. Carl Heinrich Rüthlein die kampflose Übergabe Darmstadt vereinbart habe, wie er schreibt.

Wem die Ehre nun letztlich gebührt, darüber gibt es keine gesicherten Aktenvermerke, und darüber entbrannte schon 1948 unter den Zeitzeugen ein heftiger Streit. "Es gibt sich widersprechende Berichte", sagt Peter Engels.

Der Stadtarchivar hat 1995 eine große Ausstellung mit dem Titel "Die Stunde Null" erarbeitet und versucht, den Hergang im März 1945 und danach zu rekapitulieren. Er stützte sich dabei auf Akten, die ab Mai 1945 verfasst und in den Archiven auftauchten. Ab diesem Zeitpunkt funktionierte die Verwaltung halbwegs, es gab auch wieder Amtsblätter und Dokumente über deutsch-amerikanische Korrespondenzen. Im Juni 1945 erhielt Darmstadt eine eigene Militärverwaltung unter Major Easterday, 1946 wurde die erste Stadtverordnetenversammlung gewählt. Dokumente in amerikanischen Archiven zu finden, gestaltete sich ebenfalls schwierig. "Das amerikanische Militär schmeißt vieles nach wenigen Jahren weg", begründet Engels.

Es war die Befreiung

Die Situation in der Stadt nach dem Einmarsch von Oberst Clare R. Davis" Truppen beschreibt der Historiker Heinrich Pingel-Rollmann, der an der Technischen Universität Darmstadt Politik und Geschichte studiert und ein Buch über Widerstand und Verfolgung in Darmstadt" geschrieben hat, als sehr fragil. "Es war die Befreiung für politische Gefangene, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und für die Masse der Bevölkerung vom Bombenkrieg. Der Krieg in Darmstadt war zu Ende. Die Menschen konnten sagen, wir haben überlebt."

Die materielle Not und der Hunger waren jedoch groß. Plünderungen waren an der Tagesordnung. Heinrich Pingel-Rollmann: "Es existierte ein Vakuum. Das alte Machtgefüge war auseinandergeflogen. Es gab zwar einen neuen Oberbürgermeister, aber keine Polizei, und die Menschen mussten überleben." Es finden sich Dokumente Metzgers, in denen er die Menschen aufrief, geplünderte Ware zurückzubringen.

Die Probleme konnten die Militärregierungen und die von ihnen eingesetzten Zivilverwaltungen nur sehr langsam oder zunächst auch gar nicht bewältigen. In Darmstadt etwa war nur noch jede vierte Wohnung in Takt. Das Zusammenleben zwischen Amerikanern und Deutschen gestaltete sich in den ersten Wochen nicht immer leicht, sagt Stadtarchivar Engels. Die US-Truppen hatten sich im Schloss eingerichtet, intakte Villen, Häuser und Hausrat beschlagnahmt und die Bewohner auf die Straëe gesetzt. Die amerikanischen Militärgesetze untersagten strikt, dass sich Amerikaner und Deutsche Unterkünfte teilten. Es existierte ein Fraternisierungsverbot.

Während die US-Soldaten Schokolade an die Kinder verteilten, verbrannten sie gleichzeitig öffentlich Lebensmittel, weil deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Engels: "Es gab anfangs haufenweise Konflikte mit der hungernden Bevölkerung."

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