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Gefährlicher Einsatz: US-Soldaten in Bagdad nach einer Attacke auf ihren Konvoi, die Tote und Verletzte forderte.

Das lange Warten auf die Heimkehr

In Fort Stewart meutern die Frauen der US-Soldaten, doch Washington braucht die Sieger von Bagdad als Besatzer

Von Dietmar Ostermann (Fort Stewart)

Das Wiedersehen hatte sich Patty Martirosian anders vorgestellt. Die junge Frau sitzt mit ihren fünf Kindern in einem fensterlosen Raum, der ein wenig an ein Fernsehstudio erinnert. Normalerweise konferieren hier die Offiziere vom Divisionsstab mit dem Pentagon. Vorn an der Wand hängen zwei Bildschirme. Der eine zeigt die Familie Martirosian, der andere einen leeren Stuhl am anderen Ende der Welt, auf dem Flughafen von Bagdad. Jetzt schiebt sich ein Mann in grauer Wüstenuniform ins unscharfe Bild, strahlt über beide Ohren und sagt: "Hey, ihr seht großartig aus."

Zuletzt hat Patty Martirosian ihren Mann kurz vor Weihnachten gesehen. Seither kam mal ein Brief, mal ein Anruf, mal wochenlang kein Lebenszeichen. Jetzt gibt die Army ihnen zehn Minuten Zeit für ein kurzes Wiedersehen, per Videoschaltung, ausnahmsweise kostenlos. "Ich habe zum Geburtstag einen Hamster und ein Fahrrad bekommen", ruft von hinten aufgeregt Sohn Gregory. Das ist einen Monat her.

Eigentlich sollte Samuel Martirosian längst wieder zurück sein in Fort Stewart, hier, auf dem Heimatstützpunkt in der feucht-heißen Atlantikprovinz Georgia, bei Patty und den Kindern. Beim Marsch auf Bagdad war die 3. Infanterie-Division der US-Army ganz vorn dabei. Die Truppe aus Fort Stewart galt als " Speerspitze" der Invasionsstreitmacht. Sie war in die wohl schwersten Kämpfe verwickelt, hatte auf US-Seite die höchsten Verluste, erreichte die irakische Hauptstadt als erste. Nach dem Fall von Bagdad wollten die Soldaten nur eins: nach Hause. Das war im April. Jetzt sind sie immer noch in Irak. Erst war die Heimkehr für Juni geplant. Dann stellte Donald Rumsfeld ein Wiedersehen im September in Aussicht. Am Dienstag dieser Woche wurde der Abmarsch zum zweiten Mal verschoben; Ende offen.

Die zehn Minuten sind um. "Ich komme bald nach Hause", verspricht Samuel: "Hey, wenn ich komme, gehen wir auf eine Disney-Kreuzfahrt. Wir sind nie in den Urlaub gefahren. Das ist eine Schande." Patty nickt skeptisch, und als die Kinder schon aufstehen wollen, rutscht es ihr doch noch heraus. Daniel, der auf ihrem Schoß sitzt, war krank, eine schwere Mageninfektion. Er hatte Fieber, hat Blut verloren. Er hat keine Schmerzen mehr, sagt sie schnell. Zu spät. Samuels erschrockener Blick verrät, dass er sich Sorgen machen wird.

Die Übertragung ist zu Ende. Daniel weint, er hält sich die Hand vor den Mund, rennt zum Klo. Er ist so aufgeregt, sagt sein großer Bruder. Draußen auf dem Flur wartet die nächste Soldatenfrau, den drei Monate alten Aaron im Arm. Gleich wird ihn der ferne Vater zum ersten Mal sehen.

Ein paar Baracken entfernt lässt sich Oberst John Kidd schwer in den weichen Ledersessel fallen. "Ich werde das nicht beschönigen", sagt er und wischt mit der Hand über den Tisch, "es ist eine schwierige Situation, für alle Beteiligten." Amerikas Soldaten hatten sich auf einen gefährlichen, aber kurzen Krieg eingestellt. Nun verausgabt sich vor allem das in den 90er Jahren stark geschrumpfte US-Heer bei der Besatzung eines oft feindseligen Landstrichs von der Größe Kaliforniens. Jeder dritte Heeressoldat ist heute im Auslandseinsatz, allein rund 135 000 in Irak. 16 von 33 Kampfbrigaden der Army sind im Zweistromland auf ungewisse Zeit gebunden - zu viele, um auch nur eine normale Rotation zu organisieren.

Gerade eine von zehn Heeres-Divisionen hält die Supermacht noch im texanischen Fort Hood als "strategische Reserve" bereit, für künftige Konflikte. Von neuen Präventivkriegen in Iran oder sonstwo redet in Washington niemand mehr. Stattdessen fragen sich immer mehr Generale, ob die größte Militärmaschine der Welt nicht längst "überdehnt" sei.

Oberst Kidd sieht ein wenig so aus wie der kleine Bruder von Bruce Willis. Kahlrasierter Schädel, kräftige Oberarme, ein freundliches, manchmal leicht spöttisches Lächeln. Zu lachen freilich gibt es derzeit nicht viel. Kidd ist Standortkommandant in Fort Stewart, der größten Militärgarnison in den USA östlich des Mississippi. Im Moment aber gleicht das Fort einer Geisterstadt. Rund 15 000 Soldaten, fast die gesamte Heeres-Division, sind in Irak. Kidd muss sich mit ihren Familien herumschlagen: Frustrierten Frauen, die seit Monaten den Haushalt allein schmeißen, die ungeduldig werden - und ungehalten. Weil sie ihren Kindern immer wieder erklären müssen, warum der Papa noch immer nicht kommen kann. Und weil sie Angst haben, dass irgendein verfluchter Heckenschütze ihren Mann noch erwischt beim "Peacekeeping", das sich alle anders vorgestellt haben. 36 Bäume haben sie hinten am Footballfeld schon gepflanzt für die Gefallenen dieses Krieges. Am Montag wurde wieder ein Soldat der dritten Infanterie-Division erschossen, auf Patrouille in Bagdad. "Die Moral ist intakt", behauptet John Kidd, "wir können jeden Auftrag erfüllen." Mag sein.

Aber auf einer Versammlung hat er sich von aufgebrachten Soldatenfrauen anbrüllen lassen müssen; ein Vorgang, der in Amerikas militärischer Subkultur, wo man nicht klagt und jammert und jedes Opfer ohne Wenn und Aber bringt, fast schon an Meuterei grenzt. "Die Soldaten sind bereit heimzukehren", sagt Kidd, "sie sind erschöpft. Und ihre Angehörigen sind es auch."

Was der Krieg den Soldatenfamilien abverlangt, weiß Karlyn Sieg nur allzu gut. Vier Kinder hat sie zu versorgen, seit Ehemann Jerry im Januar an den Persischen Golf verlegt wurde. Der älteste Sohn ist in der Schule plötzlich eingebrochen, wäre fast sitzen geblieben. "Viele Jungs in seinem Alter haben ähnliche Probleme, die kommen damit nicht klar", erzählt die Mutter. Irgendwann im Krieg hat sie ihren Kindern verboten, das Livespektakel im Fernsehen zu verfolgen. In der Einheit von Ehemann Jerry, der als Militärpfarrer gleich hinter der Front war, reiste ein "eingebetteter Reporter" mit. "Das war zu viel", sagt Karlyn Sieg, "bei jedem Schuss denkst du: Erwischt es jetzt deinen Mann?"

In der chaotischen Schlacht um den Flughafen von Bagdad wurde Jerrys Militärjeep durchlöchert. Am Straßengraben, mitten im Gefecht, hat er sterbenden Soldaten den letzten Segen gegeben. Karlyn Sieg hat derweil an der Heimatfront gekämpft. Die tief religiöse Methodistin fungiert als eine Art Vertrauensfrau für die Angehörigen von Jerrys Einheit, und sie hat gesehen, dass es auch im Hinterland Verluste gibt. "Auch die Familien sind ein Opfer des Krieges", sagt sie bitter. Schon nach vier Tagen ging die erste Scheidungsklage ein. "Die Frau hat gesagt, sie hält das nicht aus", erzählt Karlyn Sieg, "wir haben gebettelt: Warte wenigstens einen Monat, er ist doch jetzt im Krieg."

Wo es Probleme in der Ehe gibt, werden sie durch Trennung und Kampfeinsatz verschärft, weiß die Pastorenfrau. Und sie kennt die traurige Statistik: In Kriegen, vor allem aber danach steigt nicht nur die Scheidungsrate.

Auch Fälle häuslicher Gewalt, in den Militärhaushalten ein Dauerproblem, über das niemand gern spricht, nehmen dann um fünfzig Prozent zu. So war es nach dem Golf-Krieg 1991. Nach der Rückkehr aus Afghanistan haben im nahen Fort Bragg vier Soldaten ihre Frauen ermordet. Jeder hier kennt die Geschichte. Und viele haben Angst, dass der Krieg auch diesmal die Krieger verändert haben wird.

"Was einen guten Soldaten ausmacht, macht nicht unbedingt auch einen guten Ehemann und Vater aus", sagt die Sozialpsychologin Rose Mullice, die in Fort Stewart Heimkehrer bei der Wiedereingliederung ins "normale" Leben betreut. Jeder Kriegsrückkehrer muss einen Fragebogen ausfüllen: Ob es Probleme in der Ehe gibt, ob er schlecht schläft, Suizidgedanken hat, depressiv oder schnell reizbar ist, ob er im Krieg getötet hat oder Menschen hat sterben sehen - aufgeschlüsselt nach Kameraden, feindlichen Soldaten und Zivilisten. Sowohl die Soldaten als auch ihre Angehörigen werden in speziellen Kursen auf das Wiedersehen vorbereitet, hinterher über Monate betreut.

"Nach dem Golf-Krieg hat die Armee verstanden, dass die Familien Multiplikatoren der Kampfkraft sind, dass man sich um sie kümmern muss", erklärt Susan Wilder, die in Fort Stewart ein Programm zur Familienbetreuung leitet. Gelernt hat die Army auch, dass man die Soldaten nach der Schlacht nicht sich selbst überlassen darf. Denn selbst, wenn sie irgendwann heimkehren, ist der Krieg in den Köpfen noch lange nicht vorbei.

Auch die Reflexe bleiben wach: Wenn es irgendwo knallt, kann es passieren, dass sich ein Soldat mitten im Supermarkt auf den Boden wirft. "Eben waren sie eine Tötungsmaschine, und jetzt sagen wir ihnen, du sitzt im Flugzeug nach Hause und bist wieder der wundervollste Vater der Welt", sagt Susan Wilder, "das funktioniert nicht auf Knopfdruck." Und auch die Welt daheim habe sich verändert: Kinder sind älter geworden, Frauen unabhängiger: "Man muss sich zusammenraufen und wieder lernen, miteinander zu leben." Es ist noch nicht lange her, da waren Militärstandorte in den Vereinigten Staaten patriotische Hochburgen schlechthin. Je näher man einer Kaserne kam, um so mehr Fähnchen wehten an den Autos. An Restaurants, Supermärkten und Kirchen hingen Spruchbänder aus: "Support our Troops". Und es waren Veteranen und Angehörige der Soldaten, die im Frühjahr mit dem gleichen Ruf nach unbedingter Unterstützung für die Jungs, die in der irakischen Wüste ihr Leben riskieren würden, auf die Straße gingen - für den Krieg und gegen die Friedensdemonstranten in den großen Metropolen.

Die Spruchbänder gibt es immer noch. Die Unterstützung für die Truppen ist in Fort Stewart ungebrochen. Selbst an der Mission will so recht niemand rütteln, auch wenn die sich gewandelt hat, von der "Befreiung" Iraks zum weit unübersichtlicheren Versuch, das Chaos im eroberten Land zu bändigen.

Wer doch Zweifel haben sollte, wie Vanessa Choat, die deutsche Soldatenfrau aus Schweinfurt, deren Mann Aaron tagtäglich als lebende Zielscheibe in der Schützenluke eines Bradley-Panzers durchs unruhige Fallujah patrouilliert, der spricht nicht allzu laut darüber. Aber dass es ja nicht immer der eigene Mann sein muss, der da am anderen Ende der Welt fürs Vaterland den Kopf hinhält, da nimmt kaum mehr jemand in Fort Stewart ein Blatt vor den Mund. "Auf Dauer", sagt Karlyn Sieg, "ist das für viele kein Leben."

Dossier: Irak nach dem Krieg

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