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Hatice Nizam (l.) und Ayse Auth.

Friseurinnen

Der lange Weg zum Blond

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Aus der Lehmhütte in den Nobelsalon: Die Zwillinge Ayse Auth und Hatice Nizam sind heute Star-Friseurinnen. Doch die Deutsch-Türkinnen hatten keinen leichten Start.

Wenn Zwillingsschwestern zusammen arbeiten, ist das eine sehr besondere Situation. „Es ist eine Dauerkonkurrenz und trotzdem etwas fürs Leben“, sagt Ayse Auth. Sie muss es wissen. Die 51-Jährige sitzt mit ihrer sechs Minuten älteren Schwester Hatice Nizam auf der Couch im gemeinsamen Friseursalon „Haarwerk“ im noblen Frankfurter Westend. Elektrobeats und Föhngeräusche mischen sich im Salon, die Kundinnen haben fast alle Folie im Haar. Denn die beiden Deutsch-Türkinnen hellen sich nicht nur selbst seit Jahren ihre dunklen Haare auf, sondern sind auch Expertinnen für Blond. Im Frühjahr feierten sie mit Promi-Kundinnen wie der früheren „Bunte“-Chefredakteurin Patricia Riekel oder Ex-Schwimmstar Franziska van Almsick im edlen Frankfurter Hotel Villa Kennedy ihr 25-jähriges Firmenjubiläum. Sie betreiben einen zweiten Salon in der Frankfurter Innenstadt, einen in München und seit kurzem einen in Berlin. „Wir sind mit unserem Beruf verheiratet“, sagt Nizam. 

Die schönen Schwestern lieben die Kamera, sie posieren für Fotografen, als ob sie schon als Kleinkinder über den roten Teppich gelaufen wären. Doch das Gegenteil ist der Fall. 1967 werden die Zwillinge in Darmstadt als fünftes und sechstes Kind einer türkischen Gastarbeiterfamilie geboren. Als die beiden gerade mal sechs Monate alt sind, erreicht ein Befehl der autoritären Großmutter die Familie: Ihr Sohn soll eines der Zwillingsmädchen zu ihr ins türkische Dorf, zwei Autostunden von Istanbul entfernt, schicken. Die Kleine solle ihr Gesellschaft leisten. Ayses und Hatices Vater fügt sich, aber nur unter der Bedingung, die Zwillinge nicht zu trennen. Und so werden beide Babys zur Großmutter gebracht. Die Mutter hat kein Mitspracherecht. Aus Sicht Ayse Auths ein prägender Moment. „Bis heute habe ich diesen Drang: Keiner bestimmt mehr über mich“, sagt sie. „Ich bestimme.“

Statt in Deutschland bei ihrer Familie wachsen die beiden Mädchen in der Türkei in einer Lehmhütte auf – „das Erdhaus“ nennt es Auth. Die Großmutter ist Analphabetin und gleichzeitig für ihre spirituellen Fähigkeiten im Dorf sehr anerkannt. Tische gibt es nicht, sie essen auf dem Boden. „Wir haben alle aus einem Teller gegessen“, erzählt Auth fast 50 Jahre danach in Frankfurt. Sie habe sehr unter der Trennung von den Eltern gelitten. „Das war ganz schlimm. Vor allem habe ich meinen Vater sehr vermisst. Hati stand unserer Großmutter näher als ich. Sie war ihr Augenstern.“ Ihre Schwester widerspricht: „Ich habe das nicht so empfunden. Ich habe einen Weg gesucht: ‚Wie kann ich mich mit dieser Situation arrangieren?‘ Ayse war immer der Rebell.“ Und die Jüngere ergänzt: „Ich fühlte mich von meinen Eltern abserviert. Ich habe meine Großmutter nicht akzeptiert, weil sie nicht meine Mutter war.“ 

Einmal im Jahr in den Sommerferien kamen die Eltern, die vier älteren und die zwei jüngeren Geschwister zu Besuch. „Das war hart, wenn sie wieder gingen“, sagt Hatice Nizam leise. Ihre Schwester fügt hinzu: „Jedes Jahr hofften wir, sie würden uns mit nach Deutschland nehmen. Aber wir waren da nicht allein, viele Gastarbeiterkinder hatten dieses Schicksal.“ Als Ayse Auth 16 Jahre alt ist, begehrt sie so lange auf, bis ihre Eltern sie nach Deutschland zurückholen. Erst ein Jahr später folgt ihre Schwester – sie möchte die Großmutter zunächst nicht allein zurücklassen. „Wir kamen beide nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu können“, erinnert sich Auth. Ihre Schwester erzählt, wie sie versuchte, schnell die Sprache zu lernen, mit Hilfe von Tom&Jerry-Comics. „Wenn du in ein fremdes Land kommst und die Sprache nicht kannst, wirst du immer als Mensch zweiter Klasse gesehen. Außerdem wollten wir uns so schnell wie möglich mitteilen.“ Auth dagegen ging heimlich nachts aus – und lernte so die Sprache. Nizam erzählt: „Mich hat das Ausgehen nicht so gereizt. Aber ich habe mich auch sehr angepasst. Heute lasse ich mir nichts mehr sagen.“ 

Ayse Auth hat große Zukunftspläne, sie will Journalistin werden. „Aber unsere Eltern haben gesagt: ‚Ihr könnt nicht studieren, ihr seid Mädchen.‘.“ Am ersten Abend in der Lehre sei sie nach Hause gekommen und habe gesagt: „Niemals werde ich Friseurin: Meine Füße tun weh, ich will alten Frauen nicht die Haare waschen.“ Da gab es eine Ohrfeige. „Und ich dachte: Wenn ich schon diesen Beruf lernen muss, will ich die Beste sein.“ 

Schwester Nizam beginnt eine Schneiderlehre, weil sie bis heute gerne Kleider näht: „Aber Ayse hat mich aufhören lassen. Sie wollte unbedingt, dass ich wie sie eine Friseurlehre mache.“ Doch es dauert, bis der berufliche Erfolg kommt. Ihr Privatleben verläuft schwierig: Auth, die schon heimlich Männer trifft, wird fast in der Türkei zwangsverheiratet. Sie rettet sich, indem sie einen Freund heiratet. Sie lebt mit ihm in Hannover, bekommt selbst Zwillinge. Einer der beiden Söhne stirbt als Baby, sie übersteht eine Krebserkrankung. Die Ehe hält nicht. Auch ihre Zwillingsschwester muss einen Mann heiraten, von dem sie sich nach drei Jahren wieder scheiden lässt. Ein Kapitel, über das Nizam am liebsten gar nicht mehr spricht. 

Trotz der persönlichen Rückschläge entschließen sich die Schwestern – da sind sie Mitte 20 – beruflich durchzustarten. Sie machen ihren eigenen Salon in Frankfurt auf. Nizams damaliger Freund, ein Pilot, bürgt für den Kredit. „Klar hatten wir Angst, schaffen wir das?“, erinnert sich Nizam heute. Doch sie beißen sich durch, nehmen 1997 am Wettbewerb um den in der Branche begehrten Friseur-Preis „L’Oréal Colour Trophy“ teil. Und wieder ist Auth diejenige, die ihre Schwester mitreißt. „Ich habe gesagt: ‚Ab morgen sind wir keine einfachen Leute mehr, ab morgen sind wir bekannt.‘“ Sie gewinnen den Pokal. Von da an geht es aufwärts: neue Läden, prominente Kunden, Medienpräsenz. Nizam erklärt sich den Erfolg heute so: „Wir sind authentisch, lieben was wir tun, sind unterhaltsam und wir haben immer sehr viel gearbeitet.“ Sie besuchen Kurse weltweit und entwickeln eigene Blond-Rezepturen.

Ihr türkischer Hintergrund spielt auch hier eine Rolle. „Ich wollte immer blond sein“, erzählt Nizam. Ihre Schwester widerspricht: „Wir wollten beide immer blond sein. Blond sein, das ist: Sonne, europäisch, strahlend.“ Als sie in der Türkei aufwuchsen, hätten Blondinen als edel gegolten: „Wer sich blondieren lassen konnte, hatte Geld“, sagt Nizam. 

 Der Erfolg hat aus Sicht der Schwestern auch Kehrseiten. „Für viele machen wir zu viel“, sagt Nizam. „Wenn wir jetzt Männer wären, würden uns alle auf die Schulter klopfen und sagen: ‚Ach wie toll‘.“ Auth ergänzt: „Durch unseren Beruf bekommen wir die Anerkennung, die wir von unseren Eltern damals nicht bekommen haben.“ Am Ende seien die beiden aber doch stolz gewesen. Der Vater starb vor einigen Jahren, die Mutter ist auf der Feier in der Villa Kennedy dabei.

„Wir haben beide unsere Kinder alleine großgezogen“, erzählt Nizam mit Blick auf die nächste Familiengeneration. „Ich habe ihren Sohn Cenk ausgebildet und sie soll später meinen Sohn ausbilden.“ Auth hat große Pläne für den 30-Jährigen, der bereits in der Berliner Filiale arbeitet. Sie träume davon, dass er „nach London oder New York expandiert“. Ihre Schwester lächelt dazu. „Ayse ist diejenige, die Networking macht, die redet, nach vorne geht. Ich mache eher die Sachen im Background.“ Auth formuliert es so: „Sie ist die Innenministerin, ich die Außenministerin. Es ist gut, dass wir so unterschiedlich sind, sonst wären wir beide nicht da, wo wir jetzt sind. Auch wenn ich sie natürlich manchmal etwas in den Wahnsinn treibe.“ Und dann lachen sie beide.

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