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Der lange Arm der alten Garde

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Von: Julia Gerlach

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Demonstranten haben in Kairo ein Armeefahrzeug in Brand gesetzt.
Demonstranten haben in Kairo ein Armeefahrzeug in Brand gesetzt. © AP

Die Eskalation folgt bekanntem Muster Auch gestern begann es mit einer friedlichen Großdemonstration. Die Polizei soll nichts getan haben, um die koptischen Demonstranten zu schützen Mindestens 24 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt.

Viele Christen bleiben am Tag danach zu Hause, die Geschäfte sind geschlossen, manche Schulen schicken ihre Schüler wieder heim. Es herrscht Trauer, Entsetzen und Wut. Mindestens 24 Menschen starben in der Nacht zu Montag, mehr als 200 wurden verletzt. Stundenlang tobten die Straßenschlacht zwischen Demonstranten, die meisten von ihnen Christen, und der Militärpolizei. Immer wieder mischten auch bewaffnete Schlägertrupps mit. Am christlichen Krankenhaus in der Ramsis-Straße sind noch Spuren der Kämpfe zu sehen. Steine liegen auf der Straße, ein paar Meter weiter steht ein ausgebranntes Auto.

In den Gängen des Spitals drängen sich Hunderte, suchen nach Angehörigen. „Das Land steckt in der Krise und wie üblich sind wir Christen die Opfer“, sagt eine alte Frau und schlägt sich aus Trauer und Verzweiflung selbst ins Gesicht. „Wir sind die Opfer der radikalen Muslime und auch der Regierung, die denkt doch wie sie.“ Dass die Regierung zu einer Krisensitzung zusammenkommt und über Maßnahmen gegen die Gewalt beraten soll, davon verspricht sie sich wenig: „Ach, die machen doch nichts, es ist immer das gleiche!“

Tatsächlich ist es seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak immer wieder zu blutigen Ausschreitungen gegen Christen gekommen und immer laufen sie nach einem ähnlichen Muster ab. Auch gestern begann es mit einer friedlichen Großdemonstration. Mehrere zehntausend Menschen, die meisten von ihnen Christen, marschierten durch Kairo um ihre Empörung über den Angriff auf eine Kirche bei Assuan auszudrücken. Die Kirche wurde vorvergangene Woche von Muslimen angegriffen. Zuvor soll der Gouverneur von Assuan gesagt haben, dass die Kirche keine Genehmigung habe, als Gotteshaus zu dienen. So richtete sich der Zorn der christlichen Demonstranten am Sonntag auch nicht nur gegen radikale islamische Gruppen, die seit der Revolution Zulauf bekommen haben. „Nieder, nieder mit Feldmarschall Tantawi!“, hallte durch die Straßen. Mohammed Hussein Tantawi führt seit Mubaraks Sturz die Militärregierung.

Augenzeugen berichten, dass die Demonstranten dann plötzlich von Schlägern angegriffen wurden, Steine und Molotowcocktails gingen auf sie nieder. Die Militärpolizei soll sich nach Angaben der Organisatoren der Demonstration, einem koptischen Jugendbündnis, nicht schützend vor die Demonstranten gestellt haben. Stattdessen schoss sie mit Tränengas, Wasserwerfern und wohl auch scharfer Munition.

Augenzeugen berichteten auch, dass sich bewaffnete Schläger in den weitgehend friedlichen Demonstrationszug gemischt, mit Steinen geworfen und die Sicherheitskräfte so erst provoziert hätten, gegen die Demonstranten vorzugehen. Bei Unruhen dieser Art war in den vergangenen Monaten viel vom „langen Arm des alten Regimes“ die Rede. Vertreter der gestürzten Regierung Mubarak sollen Unruhestifter bezahlen, weil sie durch andauerndes Chaos verhindern wollen, dass Ägypten den Übergang zur Demokratie schafft.

Auch jetzt macht Premier Essam Sharaf, der sich noch Sonntagabend mit einer Ansprache ans Volk wandte, eine „Verschwörung gegen die Nation“ für die Gewalt verantwortlich. Allerdings wird die Frage lauter, auf welcher Seite die Militärregierung steht. Gehört der hohe Rat des Militärs, der seit dem Sturz Mubaraks regiert, zum neuen Ägypten oder arbeitet er mit den Schlägerbanden zusammen? Wollen die Generäle Demokratie, so wie sie es versprechen, oder eine Militärdiktatur? Gegen ersteres spricht, dass am Sonntag auch Büros von arabischen Fernsehsendern von der Militärpolizei angegriffen wurden, um sie an der Berichterstattung zu hindern.

Neun Monate nach dem Sturz Mubaraks steckt Ägypten in einer schweren Krise. Arbeitslosigkeit, schlechte Wirtschaftsaussichten, wachsende Kriminalität und die Ungewissheit, wie es politisch weitergehen soll, setzten den Menschen zu. Der Frust wächst, auch weil es weiter willkürliche Verhaftungen gibt und der Ausnahmezustand verlängert wurde.

In den vergangenen Wochen hatte zudem der Streit um das neue Wahlgesetz und die Bekanntgabe der Wahltermine für weiteres Misstrauen gegenüber dem Militär gesorgt. Ein Drittel der Sitze soll unabhängigen Kandidaten vorbehalten sein. Dies, so der Vorwurf, werde vielen Patriarchen des alten Systems einen Parlamentssitz bringen.

Zudem soll die Präsidentschaftswahl frühestens Ende 2012 stattfinden. Viel zu spät, findet die Opposition. Viele Parteien denken über einen Boykott der Wahlen nach, wenn die Militärs nicht Gesetz und Zeitplan ändern. So kommt den Generälen der aktuelle Gewaltausbruch wohl nicht ungelegen. Alle reden über die Ausschreitungen, das Wahlgesetz ist in den Hintergrund gerückt. Mubarak das Land seinerzeit auf ähnliche Weise geführt.

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