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Das Morden hielt drei Monate lang an – Tag und Nacht töteten aufgehetzte Ruander ihre Mitbürger und sogar Angehörige.

Ruanda

Land der Täter, Land der Opfer

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20 Jahre nach den Massakern mit 800.000 Toten bauen Täter und Angehörige der Opfer das Land wieder auf. Ökonomisch blüht des ostafrikamische Ruanda auf, doch das Erbe des Völkermordes belastet das Land.

Wer die Menschen in Ruanda verstehen will, wird spätestens dann kapitulieren, wenn er auf Consolé Karangwa trifft. Die schmale Frau steht im düsteren Gemeindezentrum von Nyakagezi und regt sich über ihre 14-jährige Tochter auf. „Sie will nicht begreifen, dass ich mich mit denen an einen Tisch setze, die meine Familie umgebracht haben“, schimpft die 57-Jährige. Fünf ihrer Kinder wurden mit Macheten zerstückelt. Neben ihr steht der Mörder eines ihrer Kinder und lächelt. „Wir sind doch alle Ruander“, sagt Jean Bosco Habima. Und dann singen sie gemeinsam: „Liebe ist in unseren Herzen, damit wir unser Land zusammen aufbauen.“ Die Dorfbewohner klatschen und tanzen.

Aber ist eine Versöhnung wirklich möglich mit den Tätern, die genau vor 20 Jahren damit begannen, eine ganze Bevölkerungsgruppe auszulöschen? Auf den ersten Blick scheint Ruanda das Kunststück gelungen, wieder ein normales Land zu werden. Doch der Friede ist brüchig.

Das Gemetzel begann in der Nacht zum 7. April 1994. Mit einer Rakete wurde in der Hauptstadt Kigali das Flugzeug des damaligen ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana abgeschossen. Nach heutigen Erkenntnissen wurde die Rakete wahrscheinlich von einem Militärgelände der eigenen Armee des Hutu-Präsidenten abgefeuert, um einen Vorwand für den Völkermord an der Minderheit der Tutsis zu haben. Noch in der Nacht ermordeten Hutu-Milizen die ersten Tutsis an Straßensperren, „Zerquetscht die Kakerlaken“, hetzten Radiosender. Am 7. April begann das Morden dann im ganzen Land.

Innerhalb von drei Monaten wurden rund 800.000 Tutsis umgebracht. Erst der Einmarsch der Tutsi-Rebellen unter Führung des heutigen Präsidenten Paul Kagame am 4. Juli in der Hauptstadt beendete das Morden.

Woher kam dieser Hass? Eine erste Aufteilung der Menschen nach vermeintlichen Ethnien versuchten die deutschen Kolonisatoren, bis sie die Gebiete des heutigen Ruanda und Burundi nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg an Belgien abtreten mussten. Die Belgier setzten die Politik der Deutschen fort und nutzten die Tutsis, traditionell die politische und wirtschaftliche Elite im Land, ab 1923 zur Unterdrückung der Hutu-Landbevölkerung. Sie klassifizierten die gesamte Bevölkerung ab 1933 amtlich, aber mehr oder weniger willkürlich als Hutu oder Tutsi und stellten Ausweise mit Vermerken aus.

Doch oft war es gar nicht möglich, einen Menschen in eine Schublade zu packen. Die aufgestellte Regeln – Hutus klein und stämmig, Tutsis groß und schlank – versagten oft, schließlich lebten und heirateten viele Ruander gemischt. Die Belgier machten es sich aber häufig einfach. Wer viel Geld und Kühe besaß, wurde offiziell zum Tutsi gemacht.

Erst Tutsi gegen Hutu, dann umgekehrt

Später wechselten die fremden Machthaber die Fronten. Von 1959 an förderten sie und die katholische Kirche die Hutu, weil ihnen die Tutsis zu aufsässig geworden waren. In den folgenden Jahren wurden die Tutsi mehrfach Opfer von Massakern. Die Ereignisse von 1994 sollten nach den Planungen radikaler Hutus der Endpunkt sein. Ausgerechnet die von den Belgiern ausgestellten Ausweise waren es, die den Völkermord erst ermöglichten. Wer sich als „Hutu“ ausweisen konnte, wurde in Ruhe gelassen. Wer keinen Ausweis vorzeigen konnte oder darin einen „Tutsi“-Vermerk hatte, wurde umgebracht.

20 Jahre danach präsentiert sich Ruanda als afrikanisches Musterland, seine Wirtschaft boomt. Die Weltbank kürte Ruanda 2013 zum unternehmerfreundlichsten Staat auf dem afrikanischen Festland, nur Mauritius lag noch davor. Nur zwei Tage benötigt man in Ruanda, um ein Unternehmen anzumelden. Auch bei den Bewertungen von Transparency International erreicht das Land verglichen mit anderen afrikanischen Staaten den Spitzenplatz, denn die Korruption wird hart bekämpft. Mit Hilfe der deutschen staatlichen Entwicklungsorganisation GIZ wurde sogar eine Krankenversicherung aufgebaut, in der nahezu die gesamte Bevölkerung versichert ist – das ist einmalig in Afrika. Genauso einmalig: In Ruanda gibt es für Autos einen TÜV.

Doch für die Erfolge zahlen die Ruander einen hohen Preis. Kagame regiert autoritär. Demonstrationen sind generell untersagt, die Opposition und kritische Medien werden unterdrückt. Wenn Kagame meint, etwas sei wichtig für das Elf-Millionen-Volk, wird es umgesetzt. 2008 ließ er Plastiktüten verbieten. Jeden letzten Samstag im Monat müssen die Bürger zur Gemeinschaftsarbeit antreten. Am Vormittag sind dann die Läden geschlossen, die Busse fahren nicht. Stattdessen werden Straßen gekehrt, Kanäle gesäubert und Bäume gepflanzt. Wer mehrfach bei der „Umuganda“ („dem Land und sich selbst helfen“) fehlt, muss fünf Euro Strafe zahlen – sehr viel Geld für die meisten Ruander.

Der Staat greift durch, wenn es um die Bewertung der Ereignisse von 1994 geht. Wer den Völkermord an den Tutsi nicht so nennt oder richtigerweise darauf hinweist, dass auch gemäßigte Hutus ermordet worden waren oder es nach dem Sieg der Tutsi-Rebellen Racheakte an Hutus gab, kann im Gefängnis landen. Oberflächlich betrachtet wirkt Ruanda befriedet, doch das täuscht. „Man heiratet niemanden von einer andere Ethnie. Darüber wird zwar nicht offen gesprochen. Aber keine Familie würde etwas anderes akzeptieren“, sagte Betty Ndayisaba, Studentin in Kigali.

Könnte das Morden wieder aufflammen?

Marie-Claire, ebenfalls aus der Hauptstadt, sagt: „Ich kenne Hutus, die sagen, was wir vor 20 Jahren angefangen haben, werden wir irgendwann doch noch zu Ende bringen können.“ Die junge Frau – selbst eine Hutu – findet es daher richtig, dass Kagame das Land auf seine Art zusammen hält. „Die Ruander sind noch nicht bereit für eine Demokratie mit Meinungsfreiheit “, sagt sie.

Die deutsche Entwicklungspolitik sucht entsprechend nach Wegen, wie Hutu und Tutsi wieder friedlich zusammenleben können. Der Zivile Friedensdienst, finanziert vom Entwicklungsministerium, versucht, Opfer und Täter zusammenzubringen und deren Sprachlosigkeit zu überwinden. „Den Menschen bleibt gar nichts anderes übrig, als wieder irgendwie miteinander klarzukommen“, sagt Mitarbeiterin Lucia Fetzer und verweist auf die Überbevölkerung Ruandas. Die Felder und Häuser von Opfern und Tätern liegen oft dicht beieinander.

Fetzer hat Frauen als Sozialarbeiterinnen ausgebildet. Diese versuchen in den Dörfern, Gesprächsgruppen zu organisieren. Die Gruppe in Nyakagezi, zu der auch Consolé Karangwa mit ihrer 14-jährigen Tochter gehört, hat auch Fetzer verblüfft. „Da haben sich richtige Freundschaften gebildet“, berichte sie: „Opfer helfen Tätern bei den Feldarbeiten, damit diese ihre Geldstrafen abzahlen können.“

Das ist aber eine Ausnahme, räumt Fetzer ein. Viele fürchten, dass die Ereignisse von vor 20 Jahren noch Folgen haben werden. Marie-Claire aus Kigali verweist darauf, dass bald die Haftzeit vieler brutaler Täter ende. „Wenn sie rauskommen, werden sie wieder hetzen“, befürchtet sie. „Ich habe große Angst, dass sich alles wiederholt.“

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