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Rechtes Gedankengut breitet sich in der Mitte aus: „Pro Chemnitz“-Demonstration im September.

Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung

Im Land der Ressentiments

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„Antidemokratische und destabilisierende Auffassungen verfestigen sich“, sagen Forscher - und sprechen von der „verlorenen Mitte“ der Gesellschaft.

Rechte Einstellungen verfestigen sich, Ressentiments gegen Asylbewerber sind weit verbreitet. Das sind Ergebnisse der Studie „Verlorene Mitte, feindliche Zustände“ der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Lehrergewerkschaft VBE schlägt Alarm – und fordert mehr Mittel für die politische Bildung.

„Politische Bildung in den Schulen muss hohe Priorität genießen“, sagte der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. „Wenn die Schule einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme leisten soll, dann braucht sie die entsprechenden Ressourcen. Wir haben massiven Lehrermangel, viele arbeiten am Limit – da fehlt oft die Luft für das pädagogisch Notwendige“, sagte er. Um etwas zu bewegen, brauche es nicht nur mehr Politikunterricht, so Beckmann. „Vielmehr ist demokratische Bildung eine Querschnittsaufgabe, die im gesamten Schulalltag eine Rolle spielen muss.“ 

21 Prozent der Deutschen befürworten Rechtspopulimus

Worum geht es genau? Laut den Autoren der Studie der SPD-nahen Stiftung ist die Zustimmung zu Rechtspopulismus unter den Deutschen mit 21 Prozent im Vergleich zu früheren Jahren unverändert hoch. Mehr als die Hälfte – 54 Prozent – teilen demnach abwertende Einstellungen gegenüber Asylbewerbern, das sind zehn Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren. „Antidemokratische und destabilisierende Auffassungen verfestigen sich“, so der Hauptautor der Studie, Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch in Berlin.

Für die Studie wurden 1890 repräsentativ ausgewählte deutsche Staatsbürger im Alter von 18 bis 97 telefonisch befragt. Eines der Teilergebnisse: Drei Viertel der AfD-Wähler haben rechtspopulistische Einstellungen – fünf Prozent von ihnen seien rechtsextrem. Generell sind rechtsextreme Auffassungen nur bei zwei bis drei Prozent der Bevölkerung verbreitet.

Im Osten sind der Studie zufolge sowohl der Hang zum Autoritarismus als auch die Ablehnung von Muslimen und Zuwanderern deutlich stärker ausgeprägt als im Westen. Und: Jüngere Befragte zwischen 18 und 30 Jahren sind mindestens genauso häufig menschenfeindlich und rechtsextrem eingestellt wie ältere. Unter Gewerkschaftsmitgliedern sind rechtsextreme Einstellungen mittlerweile sogar etwas stärker verbreitet als unter solchen Deutschen, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind. 

Kritik: kein normiertes Messverfahren

Doch es gibt – wie in vergangenen Jahren – auch Kritik daran, wie die Forscher zu ihren Ergebnissen gekommen sind. Das liegt daran, dass es für Rechtspopulismus kein normiertes Messverfahren geben kann. Die Befragten müssen am Telefon zu unterschiedlichen Aussagen Stellung beziehen. Beim Thema Asyl ging es zum Beispiel um die Einstellung zu folgender Aussage: „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein.“ Die Befragten mussten dann ihre Zustimmung oder Ablehnung mittels einer Antwortskala angeben. Die Antwortmöglichkeiten reichten von „stimme überhaupt nicht zu“ bis „stimme voll und ganz zu“.

Zwischen 28,2 Prozent und 44,2 und der Befragten stimmen etwa der Aussage zu, dass die meisten Asylbewerber in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt werden, zwischen 62,4 und 74,5 der Befragten lehnen es ab, dass der Staat bei der Prüfung von Asylanträgen großzügig sein sollte. Daraus zogen die Forscher den Schluss, dass negative Vorurteile gegen Asylsuchende weit verbreitet sind.

Das Beispiel zeigt, wie knifflig es mitunter sein kann, bei Sozialstudien zu nachvollziehbaren Ergebnissen zu gelangen. Denn laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge liegt die Gesamtschutzquote aller Asylsuchenden derzeit bei 37,9 Prozent. Bei 62,1 Prozent der Asylsuchenden lehnen die deutschen Behörden einen Schutzstatus ab. Formal gesehen ist der Satz also korrekt, dass die meisten Asylbewerber in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt werden – zumindest aus Sicht der deutschen Behörden. Die Wissenschaftler weisen die Kritik zurück. „Jedes Thema wird mit zwei oder drei Aussagen erfasst, die vorgeprüft worden sind“, sagte Forscherin Beate Küpper. 

Demokratie in der Schule

Unabhängig von der Frage, wie groß das Problem genau ist und wie es sich am besten messen lässt: Was können die Bildungspolitik und die Schulen tun? Lehrergewerkschafter Beckmann sagt: „Ein demokratischer, weltoffener und menschlicher Umgang miteinander kann ein wichtiges Thema für länger geplante Projekte in den Schulen sein. Doch die kommen aus Mangel an Ressourcen viel zu selten zustande.“

Dass das Thema Demokratie in der Schule zu kurz kommt, hat im November vergangenen Jahres eine Studie der Bertelsmann-Stiftung festgestellt. Denn für den ganz großen Teil der Lehrkräfte – nämlich 95 Prozent – sei schulische Demokratiebildung nur von mittlerer Bedeutung, schlussfolgerten die Forscher, die mehr als 1200 Lehrer befragt hatten.

Zwar geben fast drei Viertel der Lehrer an, selbst einen demokratischen Umgang mit ihren Schülern zu pflegen und eine Orientierung an Werten wie Respekt, Fairness und Gleichbehandlung zu vermitteln. Doch die Studie zeigte: Unterrichtsformate, die Demokratiebildung stützen, werden dann nur von sehr wenigen Lehrern umfassend und mit hoher Intensität eingesetzt. VBE-Chef Beckmann betonte, die Lehrer seien bereit sich zu engagieren – doch sie erhielten zu wenig Unterstützung.

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