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Land ohne Gesetz

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Entwurzelt: Eine somalische Frau in einem Flüchtlingslager im Jemen.
Entwurzelt: Eine somalische Frau in einem Flüchtlingslager im Jemen. © rtr

Der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah über sein Land in der Krise und das Schweigen der Bundesregierung vor dem G8-Gipfel.

Mogadischu ist meine Heimat, ich bin dort aufgewachsen, habe lange Jahre dort gelebt. 1974 musste ich Somalia aus politischen Gründen verlassen, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Während der Militärdiktatur unter Siad Barre konnte ich nicht zurückkehren. Mir fehlt Mogadischu, mir fehlen die Ausmaße dieser Stadt. Offiziell lebe ich inzwischen in Kapstadt.

In den vergangenen Jahren bin ich öfter wieder in Mogadischu gewesen. Mein letzter Besuch liegt erst wenige Monate zurück: Im Oktober 2006 hatte ich versucht, dort zwischen den Konfliktparteien, der Übergangsregierung und der Union Islamischer Gerichte, zu vermitteln. Ich versuchte, die Kommunikationskanäle zwischen den verfeindeten Lagern zu öffnen. Auf der einen Seite erkannte ich einige meiner früheren Studenten, auf der anderen frühere Kollegen. Ich sprach mit dem Präsidenten Abdullahi Yussuf Ahmed und auch mit Sheikh Hassan Aweys, dem militanten Anführer der islamischen Milizen. Ich habe mit jedem gesprochen, denn ich war am Frieden interessiert. Nicht jeder, der an den Verhandlungen teilnahm, hatte die gleichen Absichten. Immerhin: Wir waren im Gespräch.

Aber es war gefährlich in Somalia. Einmal, auf dem Weg von Baidoa nach Mogadischu, wurde ich fast umgebracht. Banditen hatten das Sammeltaxi, in dem ich fuhr, angehalten. Sie forderten Wegezoll, bevor sie uns passieren lassen wollten - etwa im Gegenwert von zwei Euro. Unser Fahrer weigerte sich. Ich wollte es ihnen geben. Woraufhin mich der Fahrer anherrschte: "Das machen Sie nicht, wenn ich das nächste Mal hier lang fahre, muss ich noch mehr zahlen." Der Streit eskalierte. Und plötzlich hielten mir die Banditen zwei Pistolen an die Schläfen.

Eine halbe Stunde saß ich da, die zwei Pistolen an meinem Kopf. Es wurde weiter gestritten, mir wurde schnell klar: Ich hatte das Falsche gemacht, als ich mich einmischte. Ich dachte mir, jetzt ist es vorbei. Wir schafften es dennoch weiterzufahren, ohne zwei Euro zu geben. Der Taxifahrer hatte sie überzeugt: Er würde ihnen bei seiner nächsten Tour etwas zahlen, allerdings einen Betrag, den er selbst bestimmen würde.

Ich hätte getötet werden können in Mogadischu. Ich habe überlebt. Angst? Es war nicht die erste bedrohliche Situation in meinem Leben. Ich bin Moslem. Im Islam heißt es, wenn deine Zeit kommt, wirst du sterben. Da gibt es keine Basis für Angst. Man soll sich nicht vor dem Tod fürchten. Wir fuhren weiter, in einem Konvoi mit vier Autos. Später haben andere Banditen eines davon gestoppt, eine Frau herausgezogen und vergewaltigt. Somalia ist ein gesetzloser Ort. Und an einem Ort ohne Gesetz kann alles passieren.

Aber ich wollte nicht fliehen. Ich war weiterhin um Frieden bemüht, sprach mit den verfeindeten Gruppen. Dann, im Dezember 2006, wurde mir alles aus den Händen gerissen: Die äthiopische Armee marschierte in Mogadischu ein, ich selbst kam nur noch bis Nairobi. Dort war Endstation. Ich habe noch Kontakte ins Land. Und sollten die Kämpfe aufhören, werde ich zurückgehen, wenn die Konfliktparteien noch mit mir sprechen wollen. Ich kann sie nicht dazu zwingen.

Im Rest der Welt ist seitdem oft über die sich verschlimmernde Situation in Somalia debattiert worden. Der UN-Vorsitzende für humanitäre Hilfe, John Holmes, hat von einer humanitären Krise gesprochen: Bei den Offensiven der äthiopischen Armee gegen Milizen kamen 1400 Menschen, die meisten davon Zivilisten, ums Leben, mehr als 400 000 Menschen sind auf der Flucht. Das US-Außenministerium appelliert an die Übergangsregierung, mit den islamischen Gruppen den Dialog wieder aufzunehmen, auch Louis Michel, EU-Kommissar für humanitäre Hilfe, hat die Lage in Somalia oft an die Öffentlichkeit gebracht.

Nur von Deutschland war bislang nichts zu hören. Kein Statement des Außenministers, kein Statement der Kanzlerin. Als EU-Ratspräsidentin, die den G8-Gipfel ausrichtet, kommt Frau Merkel zu diesem Zeitpunkt eine besondere Verantwortung zu. So lobenswert ich es finde, dass Frau Merkel Afrika auf die G8-Agenda gesetzt hat, so verstörend ist es, dass sich die deutsche Regierung zu den Besorgnis erregenden Entwicklungen in Somalia nicht geäußert hat. Ich habe die Erwartung, dass Deutschland vermittelt, die Konfliktparteien zusammenbringt.

Es geht um die richtige Art der Vermittlung, in Kenntnis der oft komplizierten Lage vor Ort. Das scheint mir heute entscheidender denn je: Es kommt auf die richtige, die angemessene Art von Hilfe für Afrika an.

In meinem Roman "Gifts" habe ich die Wohlfahrtsprojekte westlicher Wohltäter kritisiert. Das englische Wort "Gift" heißt Geschenk, die deutsche Bedeutung meint genau das Gegenteil. In meinem Roman habe ich ein Wortspiel daraus gemacht: Es gibt vergiftete Geschenke. Die Afrikaner kennen ihre Bedürfnisse. Wenn sie sagen, wir haben Hunger, und der Westen gibt ihnen Weizen, den sie nicht kennen, dann ist so ein Geschenk vergiftet, weil sie sich nie aus eigener Kraft solchen Weizen werden leisten können.

Ich stimme keineswegs in die pauschale Beschimpfung der Geberländer mit ein. Die Afrikaner müssen ihre Hausaufgaben machen. Wenn also in Somalia die Übergangs-Regierung oder die bewaffnete Opposition Hunderte von Menschen umbringt, Tausende vertreibt und dann die Weltgemeinschaft um Hilfe bitten, ist das nicht akzeptabel. Wer so viel Chaos und Leid verursacht, muss vorher über die Folgen nachdenken. Wenn ich einen Bruder habe, der sich nicht um seine Familie kümmert, sie nicht ernährt, was tut man? Man hilft beim ersten Mal, warnt ihn beim zweiten Mal und beim dritten Mal gibt man ihm nichts mehr.

Genau das muss der Rest der Welt Afrika klarmachen: Ihr müsst es selbst in den Griff bekommen! Sicher gibt es nach wie vor afrikanische Länder, die eine Nothilfe brauchen - nur darf die nicht in eine permanente Hilfe übergehen, und schon gar nicht darf es dazu führen, dass mit Hilfszahlungen afrikanische Regierungen bezahlt werden.

Als ich im Oktober 2006 nach Mogadischu zurückgekehrt war, um zu vermitteln, musste ich mir von meinen Brüdern und Schwestern harsche Kritik anhören. Keiner von ihnen lebt noch in Somalia, die meisten haben sich in den USA oder anderen Ländern niedergelassen. "Bist Du verrückt?", schimpften sie mich aus, "wie kannst Du Dich dahin zurück wagen." Als Schriftsteller habe ich immer wieder über mein Land geschrieben, ein Land im Kriegszustand. Und ich habe mich oft gefragt, was wohl wäre, wenn in Somalia endlich Frieden herrschte? Würde ich zurückkommen? Für immer zurückkommen? Das kann ich mir, nach so vielen Jahren im Exil, nicht mehr wirklich vorstellen. Ich bin ein Nomade geworden. Aber ich würde gerne für eine Zeit an der Universität in Mogadischu lehren. Somalia ist immer in meinem Herzen, in meinen Gedanken. Auf eine gewisse Weise habe ich nie aufgehört, dort zu leben.

Aufgezeichnet von: Martin Scholz

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