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Kampfbereit präsentierte sich dieser Palästinenser bei der Parade, mit der am Dienstag in Rafah im Gaza-Streifen an vier Jahre Intifada erinnert wurde.

Land ohne Boden

Gaza-Rückzug auf der Kippe

Von NATAN SZNAIDER

Vier Jahre Intifada. 3 500 Todesopfer. 636 Israelis, darunter 110 Kinder, wurden vom palästinensischen Terror ermordet. 2 827 Palästinenser wurden Opfer der israelischen Sicherheitskräfte, darunter 557 Kinder. Noch ist kein Ende abzusehen. Auf beiden Seiten gibt es gelegentlich Momente, in denen man Luft holt. Dann geht es weiter.

Die Luft ist dick in diesem Land. Erinnerungen an 1995 werden wach, als Rabin ermordet wurde und der damals schon hinkende Friedensprozess aus den Fugen geriet. Seither versuchen alle Nachfolger Rabins, Frieden zu schließen, und zwar innerhalb der israelischen Gesellschaft. Nicht nur, dass der Friedensprozess auch durch palästinensischen Terror und israelische Unerbittlichkeit ins Schwanken kam, er verlor die Legitimation bei Israelis und Palästinensern. Gewalt wurde durch noch mehr Gewalt ersetzt. Die israelischen Repressalien gegen die Palästinenser wurden immer schärfer, die Bevölkerungen auf beiden Seiten unbeweglicher, Politik jenseits der Politiker nicht mehr tragfähig.

Dazu kam die wachsende Überzeugung, dass der Staat Israel im Endeffekt nichts zur Normalisierung jüdischer Existenz beigetragen hat. Während die zionistischen Vordenker glaubten, dass der Antisemitismus mit der politischen Souveränität Israels verschwinden würde, hat sich nun gezeigt, dass es sich nur um eine Atempause für die Antisemiten handelte. Die Judenvernichtung wurde umgedacht in eine globale Katastrophe, in der die Rolle von Tätern und Opfern beliebig austauschbar wurde. Israel wurde in die Zeit vor seiner Gründung zurückgeworfen.

Scharon hat verstanden, dass in dieser Krise nur ein Weg nach draußen führt: Verzicht. Nicht um der Palästinenser willen, sondern für die Zukunft Israels. Die internationale Isolierung muss ein Ende haben. Israel muss wieder stark werden, um seinen Auftrag zu erfüllen, nämlich Ausdruck jüdischer politischer Souveränität zu sein. Nur dies kann jüdisches Überleben garantieren.

Man traut Scharon nicht. Es mag gute Gründe geben. Es gibt nichts in Scharons Vergangenheit, das die Vermutung stützen könnte, er sei ein neuer Mahatma Gandhi. Doch wie er von der israelischen Rechte angegriffen wird, sollte zu denken geben.

Lebensverachtende Helden

Auch die israelische Linke unterstützt ihn nicht. Man wartet lieber ab. Wenn schon die politischen und sozialen Ziele, die man sich gesetzt hat, nicht verwirklicht werden können, so hat man doch die Befriedigung, dass man moralisch richtig handelt. Man kämpft auf der Seite der Gerechten und der Guten gegen das Unrecht und gegen das Böse. Und die Europäer lieben einen dafür. Auch das ist etwas wert in dieser Welt.

Scharon hat sich vorgenommen, die wohl endgültigen Grenzen dieses Landes festzusetzen. Damit können sich weder die israelische Rechte noch der anti-kolonialistische Befreiungskampf der Palästinenser abfinden. Die palästinensische Antwort auf die Rückzugspläne von Scharon ist es, die Terrorangriffe zu verstärken. Die Antwort der israelischen Rechten auf diese Initiative ist es, Scharon den Boden unter den Füßen zu wegzureißen, ihn auf seinen eigenen Parteitreffen auszupfeifen und ihm auch offen zu drohen. Keiner hat das Attentat auf Rabin vergessen. Auch Scharon nicht. Die vielen Leibwächter sollen ihn nicht nur vor palästinensischen Terroristen beschützen.

Der Rückzug aus dem Gazastreifen wird von einer Mehrheit der israelischen Bevölkerung unterstützt. Darum hat das rechte Lager eine Großoffensive gestartet, mit der die Israelis eingeschüchtert werden. Man droht mit Bürgerkrieg, fordert die Soldaten auf, Räumungsbefehle zu verweigern, spricht "Fatwas" über Scharon aus, bedient sich sogar - als hätte man von deutschen Vertriebenverbänden gelernt - universalistischer Parolen wie "Vertreibung von Juden ist ein Verbrechen gegen die Menschheit" und spielt sich als Opfer einer von Scharon betriebenen rassistischen Politik auf.

Die Mehrheit der israelischen Bürger bleibt eingeschüchtert zu Hause. Man weiß aus Erfahrung, dass jede Friedensinitiative den Terrorismus auf den Plan ruft, dessen Ziel darin besteht, diese Friedensinitiativen im Keim zu ersticken. Mit jedem Terrorangriff werden die Argumente des rechten Lagers plausibler, was ja, unter anderem, auch das Kalkül, der "rationale" Kern der Terrorangriffe ist. Scharon, dem alten Rechten, wird von dem politischen Lager, aus dem er stammt, der Boden der Legitimität unter den Füßen weggezogen.

Ein teuflischer Kreislauf.Wie viel Heroismus kann man einer Bevölkerung zumuten? Die politische Bühne ist nun frei für lebensverachtende Helden auf allen Seiten. Scharons Initiative des Rückzugs aus dem Gazastreifen sollte weltweit von allen fortschrittlich denkenden Menschen unterstützt werden. Auch wenn sich einige dabei die Nase zuhalten müssen. Denn nicht nur die Zukunft Israels steht hier auf dem Spiel.

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