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Pietro Bartolo ist seit drei Jahrzehnten Inselarzt auf Lampedusa

Italien

Lampedusas Inselarzt

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Pietro Bartolo zieht ins EU-Parlament ein - er will der rechtskonservativen Lega Paroli bieten.

Kinobesucher kennen ihn aus „Fuocoammare“, einem preisgekrönten Dokumentarfilm. Er hat auch ein Buch geschrieben mit dem Titel: „An das Leid gewöhnt man sich nie“. Pietro Bartolo ist seit drei Jahrzehnten Inselarzt auf Lampedusa und so etwas wie ein Held der Menschlichkeit inmitten der Tragödie der Migration. Er hat viele Tausend Bootsflüchtlinge versorgt, die halb verdurstet waren, traumatisiert, deren Haut durch ausgelaufenen Treibstoff verbrannt war. Er hat Frauen und Männer getröstet, die Folter und Vergewaltigungen erlebt haben, deren Angehörige ertranken. Er hat unzählige tote Flüchtlinge gesehen, auch Kinder.

Jetzt, mit 63 Jahren, geht Bartolo in die Politik. Bei der Europawahl kandidierte er für die sozialdemokratische Partei PD in Mittelitalien, Sizilien und Sardinien. Trotz des Siegeszugs von Matteo Salvinis fremdenfeindlicher Lega zieht Bartolo nun als einer von 73 italienischen Abgeordneten ins EU-Parlament ein. „Ich bin das Gesicht des Anti-Salvinismus“, sagt er, „das Gesicht derer, die an ein anderes Italien glauben.“

Die Entscheidung zum Engagement in der Politik habe er beim Anblick eines weiteren toten Kindes in Lampedusa gefasst, wo immer noch Migranten ankommen. „Mir wurde klar, dass ich mehr tun musste.“ In Brüssel will er die Aufmerksamkeit auf den „großen Friedhof Mittelmeer“ lenken. „Europa wird sich nicht durch den Tod der Anderen retten“, sagt er. Er werde nicht nur für Flüchtlinge, sondern allgemein für den Schutz von Schwächeren kämpfen. Auf Bartolos Insel hat am Sonntag jedoch die Lega triumphiert – so wie auch in anderen Orten Italiens, die Ziel besonders vieler Flüchtlinge sind. In Ventimiglia an der Grenze zu Frankreich holte die Lega 44 Prozent. Selbst in Riace, einst ein Modell-Dorf für gelungene Integration, siegte eine der Lega nahestehende Bürgerliste. Auf Lampedusa stimmten fast 48 Prozent für Salvini, der die Häfen für Migranten verschließen will.

Bartolo sieht im Wahlverhalten der Inselbewohner vor allem ein Zeichen des Protestes. Denn nur 26 Prozent der 5500 Wahlberechtigten stimmten ab. Die vielen Verweigerer hätten dagegen protestiert, dass der italienische Staat den Vorposten Lampedusa schon lange aufgegeben habe. „Es ist nicht wahr, dass die Leute keine Migranten wollen. Sie sind Fischer, sie werden den Hafen nie verschließen“, sagt Bartolo.

Italien habe ganz andere Probleme als die Migration. „Arbeitslosigkeit, Armut, eine Jugend ohne Zukunft, die gezwungen ist zu emigrieren“ – dort hätten die Sozialdemokraten versagt und so den Rechten den Weg geebnet, sagt Bartolo. Seine Partei PD müsse jetzt zu Werten wie Solidarität, Gleichheit und Respekt der Menschenrechte zurückkehren. „Nur eine wahre Linke kann sich dem rechtspopulistischen Tsunami entgegenstellen“, glaubt er.

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