Flüchtlingsstrom

Lampedusa im Aufruhr

Die Bevölkerung hilft den Flüchtlingen aus Afrika - doch gleichzeitig fühlt sie sich von Rom alleingelassen.

Von TOM MUSTROPH

Das ist nicht mehr unser Präsident, das ist nicht mehr unser Minister, das ist nicht mehr unsere Regierung", ruft Salvatore Martello zornig von der provisorischen Rednertribüne, die auf dem größten Platz von Lampedusa auf Lampedusa steht. Die Insel und ihre "Hauptstadt" tragen den gleichen Namen. Martello, ein schmächtiger Mann im schmucklosen grünen Parka, ist ein echter Volkstribun. Die Menge johlt zustimmend. Es fehlt nicht viel, und die südlichste Insel Italiens sagt sich sowohl von Rom als auch von der Region Sizilien los, zu der sie gehört.

Martello ist nicht irgendwer auf Lampedusa. Der Chef der Linken war bis zum Jahr 2002 der Bürgermeister hier. Auf der Kundgebung hat unmittelbar vor ihm Bernardino de Rubeis geredet, sein Nachfolger im Amt. Auch de Rubeis wettert gegen Rom. "Wir wissen, was Lampedusa heute ist: eine herrliche Insel. Doch es kann morgen bereits ein einziges großes Gefängnis sein", beschreibt der Zwei-Meter-Mann die Befürchtungen der Insulaner. De Rubeis, ehemaliges Mitglied eines Priesterseminars, ist auf dem Ticket der konservativen Unabhängigkeitspartei MPA ins Rathaus gezogen. "Unsere unterschiedliche politische Herkunft spielt jetzt keine Rolle", sagt der ehemalige Sozialist Martello und zieht an seinem Zigarillo, "es geht um unsere Insel."

Lampedusa sorgt mal wieder für Schlagzeilen. Das Auffanglager für die Flüchtlinge, die auf klapprigen Booten von Libyen aus übers Mittelmeer nach Europa schippern, platzt aus allen Nähten. Für 800 Menschen ist es ausgelegt, zuletzt aber hausten 1800 Männer und Frauen aus Afrika in den Häusern. Hunderte Migranten waren protestierend aus dem Lager gestürmt. Viele hatten dort seit Weihnachten ausharren müssen. "Eine unmögliche Situation", sagt Laura Boldrini, Sprecherin des UN-Hochkommissariats für Flüchtlingsfragen.

Der italienische Innenminister Roberto Maroni hatte nach Weihnachten alle Verlegungen von Lampedusa zum Festland einstellen lassen und einen Einwanderungsstopp für Italien ausgerufen. In seiner Stammregion erhält der Mann von der Lega Nord dafür Beifall. Auf Lampedusa indes eskalierte die Lage. "Die Standards der Unterbringung wurden nicht mehr eingehalten", konstatiert die Sprecherin des UNHCR nüchtern.

Die Migranten selbst belastet vor allem die Ungewissheit. "Keiner sagt uns, was los ist. Seit 30 Tagen werde ich hier festgehalten. Ich habe gedacht, Italien sei ein Land der Freiheit", beklagt sich ein Tunesier. Premierminister Silvio Berlusconi hatte die Demonstration der Boatpeople wie üblich herablassend bagatellisiert. "Das sind unsere Gäste. Sie sind auf ein Bier ins Dorf spaziert", sagte er.

Das UNHCR hat Klage gegen das widerrechtliche Festhalten der Einwanderer eingelegt. "Niemand durfte bislang das Lager verlassen. Die rechtliche Grundlage sieht vor, dass die Einwanderer hier 48 Stunden festgehalten werden dürfen, um ihre Identität zu ermitteln. Dann müssen sie auf andere Zentren verteilt werden. Asylbewerbern ist es gestattet, diese Lager dann auch zu verlassen. Für Lampedusa galt dies nicht", stellt Laura Boldrini klar. Die Kommune Lampedusa hat sich der Klage angeschlossen.

Das Verhältnis der Einheimischen zu den Gestrandeten ist durchaus widersprüchlich. Sie haben Angst um den Ruf ihrer Insel, aber sie kümmern sich auch um die Flüchtlinge - die lebenden wie die toten. Einige Einwanderer sind auf Lampedusa gestorben. Die Insulaner haben sie auf dem Gemeindefriedhof beerdigt. Neben den schlichten Holzkreuzen stehen frische Blumen.

Auf dem offenen Meer machen zumeist die Fischer als Erste Flüchtlingsboote aus. "Sie sind froh, wenn sie uns sehen", sagt der Fischer Filippo Solina. "Sie recken uns die Daumen entgegen, denn sie wissen, dass sie nun in Sicherheit sind." Die Fischer informieren dann die Küstenwache über den Standort der Boote. Vincenzo Colella, Kommandant eines Patrouillenboots der Küstenwache, bestätigt das: "Die bei weitem meisten Hinweise erhalten wir von den Fischern. Von ihnen kommen mehr Informationen als von den Flugzeugen, die rund um die Uhr am Himmel kreisen, und von den zwei Marine-Schiffen."

Nicht selten bringen die Fischer auch Flüchtlinge in den Hafen Lampedusas. "Ich habe in den letzten zehn Jahren bestimmt 4000 bis 5000 Leuten geholfen", sagt Solina und ist sichtlich stolz. Er erinnert sich an eine dramatische Rettungsaktion vor zwei Jahren. "Als die Flüchtlinge uns sahen, machten sie den Motor aus. Mit dem Motor war die Wasserpumpe verbunden. Die arbeitete dann nicht mehr. Das Boot hatte nicht einmal Signalleuchten. Wir haben dann zwei unserer Lampen mit Draht befestigt." Als die Küstenwache kam, sei das Meer so unruhig gewesen, dass ihr Schiff nicht längsseits gehen konnte, erzählt er. Also hätten seine Kollegen und er die Passagiere in Gruppen von 30 Mann auf die Insel gefahren. "Wir waren acht Stunden damit beschäftigt."

Sind die Neuankömmlinge an Land, wollen die Einwohner sie aber gern sicher im Lager verwahrt wissen. Weil die Polizei bei dem Marsch der Migranten in den Ort nicht eingriff, brachten Einheimische die Entwichenen auf eigene Faust zurück ins Lager.

Seit dem 4. Januar hält das Komitee SOS Isole Pelagie - Lampedusa gehört zu den pelagischen Inseln - die Piazza besetzt, auf der auch die Kommunalpolitiker den Schulterschluss mit der Bevölkerung suchen. Am Dienstag sind die Leute in einen halbtägigen Generalstreik getreten, Geschäfte und Schulen bleiben geschlossen. Zu Ehren der Menschen, die auf der Flucht ertrinken, werfen dieTeilnehmer des Protestzugs einen Blumenkranz ins Meer.

Die Piazza ist mit Transparenten übersät, die Innenminister Maroni zum "Sklaven" des libyschen Staatschefs Gaddafi erklären und ihn beschuldigen, ausgerechnet dann ein neues Guantánamo errichten zu wollen, wenn US-Präsident Obama das Original abschaffen möchte. "Dies ist das Hauptproblem der Migrationsdebatte in Italien", seufzt Laura Boldrini. "Politiker und Journalisten stellen Einwanderung immer wieder vorrangig als ein Sicherheitsproblem dar. Sie vernachlässigen völlig die kulturellen, sozialen und ökonomischen Dimensionen."

Aber die Transparente auf der Piazza haben auch einen realen Hintergrund. Innenminister Maroni hat, indem er den Transport von Flüchtlingen aufs italienische Festland untersagte, die Situation auf Lampedusa verschärft. Er lässt derzeit sogar ein neues, größeres Lager errichten, dessen rechtliche Grundlage völlig umstritten ist. Woche für Woche bringen Schiffe Baumaterialien in die frühere US-Basis Loran. Hier wird Platz für 4000 bis 5000 Personen geschaffen; so viele Einwohner hat Lampedusa.

Insassen dieses Lagers sollen nach Plänen der Regierung hier bis zu 18 Monate lang festgehalten werden können. Gegen dieses Ansinnen richtet sich zuallererst der Protest. "Sie wollen keine Einwanderer in Italien. Uns betrachten sie bereits als Afrika. Hierher wollen sie all die abschieben, die sie bei sich nicht haben wollen", schimpft ein alter Mann auf der Piazza. Er holt tief Luft und wettert weiter: "Dabei waren wir aus dem Süden es, die den Leuten in Mailand Bäder in die Wohnungen eingebaut haben. Wir haben den Norden zivilisiert."

Der alte Mann entwirft eine drastische Lösung für das Flüchtlingsproblem auf Lampedusa. "Nehmt ein Kreuzfahrtschiff, baut es um, positioniert es 50 Meilen vor der libyschen Küste und bringt alle Migranten dorthin. Basta", sagt er und klatscht in die Hände. Die Köpfe auf der Piazza nicken beifällig. Aus den Augen, aus dem Sinn - darauf läuft bereits die Planung des Innenministers Maroni von der Lega Nord hinaus, der binnen zwei Monaten 500 tunesische Flüchtlinge in ihre Heimat abschieben will.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion