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Vom Anti-Amerikanismus der 1960er Jahre hat sich Hellas längst entfernt.

USA-Türkei

Griechenlands geostrategisches Gewicht wächst

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Der amerikanisch-türkische Streit bringt Griechenland und die USA wieder enger zusammen.

Während in den Beziehungen zwischen den USA und der Türkei eine Eiszeit anbricht, erwärmt sich Washington zunehmend für Griechenland als Partner im östlichen Mittelmeer. Aber so gern sich die Griechen auch von den Amerikanern umwerben lassen: Die Entwicklung ist für sie mit Risiken verbunden.

Ein Waffengeschäft vergiftet die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei: Mit der Bestellung russischer Luftabwehrraketen hat der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan eine schwere Krise heraufbeschworen. In Washington wachsen die Zweifel an der Bündnistreue des Nato-Partners. Die US-Regierung droht Erdogan nicht nur mit einem Lieferstopp bestellter Tarnkappenjets vom Typ F-35. Sie könnte auch Wirtschaftssanktionen verhängen.

Je mehr Kopfschmerzen Erdogan der US-Regierung bereitet, desto stärker rückt Griechenland als Partner in den Fokus. Kürzlich brachten der republikanische Senator Marco Rubio und sein demokratischer Kollege Bob Menendez einen überparteilichen Gesetzentwurf zur Sicherheits- und Energiepartnerschaft im östlichen Mittelmeer im Kongress ein. Ziel ist es, die Kooperation zwischen Griechenland, Israel und Zypern bei der Erdgasförderung im östlichen Mittelmeer und die militärische Zusammenarbeit der drei Länder zu unterstützen.

Neue Rolle für Zypern

Zugleich erhöht der Gesetzentwurf den Druck auf Ankara. Er sieht vor, dass die USA keine F-35-Kampfflugzeuge an die Türkei liefern dürfen, solange die Regierung in Ankara an der Beschaffung der russischen Raketen festhält. Das State Department soll außerdem verpflichtet werden, dem Kongress binnen 90 Tagen eine detaillierte Aufstellung über die Verletzungen des Luftraums Griechenlands und Zyperns durch türkische Militärmaschinen vorzulegen. Rubio und Menendez fordern überdies eine Aufhebung des 1987 von den USA gegen Zypern verhängten Waffenembargos und schlagen Militärhilfen für Griechenland und Zypern in Höhe von insgesamt sieben Millionen Dollar vor. Senator Rubio: „Es ist für die USA an der Zeit, diese Zusammenarbeit zu vertiefen und unseren Verbündeten zu helfen, die Sicherheit im östlichen Mittelmeer zu garantieren.“

Auf militärischer Ebene verhandeln Washington und Athen bereits über eine engere Kooperation. Im Gespräch ist unter anderem die Stationierung von KC-135 Tankflugzeugen der US Air Force auf der griechischen Luftwaffenbasis Larissa und die Nutzung der Flughäfen von Thessaloniki und Alexandroupolis durch die Amerikaner.

Schon im Dezember 2018 startete das US-Außenministerium mit Griechenland einen „Strategischen Dialog“, der auf eine engere Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen, aber auch in der Energiepolitik zielt. Washington unterstützt die Pläne Griechenlands, Zyperns und Israels zum Bau der East-Med-Pipeline, die Erdgas aus dem östlichen Mittelmeer nach Italien bringen und Europa unabhängiger von russischen Gaslieferungen machen soll.

Tsipras’ Wandlung

Die Beziehungen zwischen den USA und Griechenland sind inzwischen so eng wie zuletzt in den 1960er Jahren, vor dem von Washington goutierten Putsch der Athener Obristen, der in Hellas eine Welle des Anti-Amerikanismus auslöste. Ausgerechnet unter dem Links-Premier Alexis Tsipras, der noch vor wenigen Jahren als Oppositionsführer gegen den „US-Imperialismus“ wetterte, kommen sich Athen und Washington immer näher – ein weiteres Beispiel für Tsipras’ Wandlung vom linksradikalen Rebellen zum nüchternen Realpolitiker.

Griechenlands geostrategisches Gewicht wächst durch das Zerwürfnis zwischen Ankara und Washington. Das bedeutet aber auch neue Risiken. Schon jetzt agiert die Türkei in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer zunehmend aggressiv, macht Griechenland und Zypern Hoheitsrechte und Bodenschätze streitig. Eskaliert der Raketenstreit mit Washington, könnte das Land für die Griechen zu einem völlig unberechenbaren Nachbarn werden. Ein Warnsignal: Verteidigungsminister Hulusi Akar will eine der S-400-Batterien bei Istanbul stationieren. Die Raketen haben eine Reichweite von 380 Kilometern. Damit könnte die Türkei Flugzeuge über Nordgriechenland und der nördlichen Ägäis abschießen.

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