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Die erste britische (Schatten-)Finanzministerin der Weltgeschichte: Anneliese Dodds (r.) und ihre Kinder Isabella und Freddie.

Großbritannien

Labours starke Frauen

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Der neue Boss der sozialdemokratischen Opposition im Königreich, Keir Starmer, stellt ein Schattenkabinett vor, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Die ersten Entscheidungen des neuen Labour-Vorsitzenden Keir Starmer haben seine Entschlossenheit verdeutlicht, sich von der Vorgehensweise des Vorgängers Jeremy Corbyn zu verabschieden. Noch am Tag seiner Wahl nahm der neue Oppositionsführer das Angebot von Premierminister Boris Johnson an, an Fachgesprächen mit den wissenschaftlichen Beratern der konservativen Regierung teilzunehmen. Und das zukünftige Führungspersonal von Starmers Unterhausfraktion gehört allen Facetten der Partei an und zeichnet sich durch merklich größere Professionalität aus. „Ich bin stolz auf mein Schattenkabinett, das alle Strömungen und Talente der Partei versammelt“, ließ Starmer die Presse am Montag wissen.

Mann mit Ziel: Keir Starmer, Labour-Chef.

Der Abgeordnete für den Nord-Londoner Bezirk Holborn und St Pancras holte bei der Urwahl durch Mitglieder und Sympathisanten 56 Prozent der Stimmen vor seinen beiden nordenglischen Rivalinnen Rebecca Long-Bailey und Lisa Nandy. Wie versprochen fanden beide Aufnahme ins Schattenkabinett. Long-Bailey, die gescheiterte Kandidatin der harten Linken um Corbyn, kümmert sich ums wichtige Bildungsressort. Die bisher vor allem durch ihre Arbeit in der nordenglischen Region um ihren Wahlkreis Wigan aufgefallene Nandy, 40, fungiert künftig als Labours außenpolitische Sprecherin. In dieser Funktion folgt sie auf Emily Thornberry, deren eigene Kandidatur im zähen Partei-internen Verfahren steckengeblieben war. Die 59-jährige erfahrene Anwältin und Brexit-Kennerin beschattet künftig das Ressort für internationalen Handel.

Seine frischgewählte Parteivize Angela Rayner betraute der 57-Jährige zusätzlich mit der Aufgabe der Generalsekretärin. Auch ins wichtigste wirtschafts- und finanzpolitische Ressort berief Starmer eine Frau. Anneliese Dodds, 42, war schon die Vertreterin des bisherigen Labour-Finanzsprechers John McDonnell, einem engen Vertrauten von Ex-Parteichef Corbyn. Die Politologin gehörte drei Jahre dem Europaparlament an, ehe sie erst 2017 für einen Oxforder Wahlkreis ins Unterhaus einzog. Dort hat sie sich in der zweiten Reihe der Fraktion rasch ebenso einen guten Namen erarbeitet wie der neue innenpolitische Sprecher Nicklaus Thomas-Symonds. Dessen bisherige Chefin Diane Abbott hatte ebenso wie McDonnell vorab ihren Rückzug auf die Hinterbänke der Fraktion angekündigt.

Hingegen sind einige Minister aus der zehn Jahre zurückliegenden Labour-Regierungszeit unter Tony Blair (1997 bis 2007) und Gordon Brown (2007 bis 2010) zurückgekehrt. So ist der prominente Abgeordnete David Lammy künftig fürs Justizressort zuständig. Browns letzter Energieminister, der spätere Parteichef und Oppositionsführer Edward Miliband (2010 bis 2015), kümmert sich als Schatten des Wirtschaftsministers fortan auch um Energie und Klimawandel. Dass der 50-Jährige bereit war, unter Starmer zu dienen, darf man dem Neuen als Coup anrechnen. Und mit der Berufung des engen Blair-Vertrauten Lord Charles Falconer ins Amt des Schatten-Generalstaatsanwalts setzt er noch einen drauf. Aus Corbyns Team bleiben zwei Altbewährte im Amt. Valerie Vaz fungiert weiter als Gegenüber des Parlamentsministers Jacob Rees-Mogg, Nick Brown behält den Job als Fraktionsgeschäftsführer („Chief Whip“ – Chefeinpeitscher), den er bereits unter Brown und Corbyn innehatte.

Die so in ihrer ersten Reihe runderneuerte Labour Party, die bei der Dezember-Wahl böse abgewatscht wurde, muss sich nun im der Coronakrise bewähren. Da ist Starmers ganzes Geschick gefragt. In ersten Interviews sprach der ehemalige Kronanwalt von „konstruktiver Kritik“ zur Lösung der anstehenden Probleme. Denn: „Wir betreiben keine Opposition um der Opposition willen.“

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