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Ein Geradliniger geht seinen Weg: Keir Starmer.

Porträt

Die Panzerfaust der Partei: Ein Menschenrechtler will Labour aus der Krise führen

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Keir Starmer ist der aussichtsreichste Kandidat auf die Nachfolge von Labour-Chef Jeremy Corbyn - ein Porträt.

  • Labour sucht einen Nachfolger für Jeremy Corbyn
  • Menschenrechtler Keir Starmer gilt als Favorit
  • Rechte Blogger bezeichnen Starmer als „weinerlichen Gutmenschen“

Keir Starmer ist die Sorte Mensch, die Leuten wie Premierminister Boris Johnson gar nicht gefallen. Denn anders als sie folgt Starmer unbeirrbar einem moralischen Kompass, dem selbst Erschütterungen wie der Brexit nichts anhaben konnten. Dass Keir Starmer der derzeit aussichtsreichste Kandidat auf die Nachfolge von Labour-Chef Jeremy Corbyn ist, könnte Johnson & Co. durchaus Angst bereiten.

Auf den ersten Blick lässt sich das kaum erahnen. Starmer, 57 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, vier und sechs Jahre, ist erst seit 2015 im Unterhaus. Sein Noch-Boss Corbyn ist dort seit 1983, Johnson mit einer Unterbrechung seit 2001. Immerhin, Starmer war die vergangenen drei Jahre Schattenminister für den Brexit. So einen diffizilen Job – nicht zuletzt diffizil wegen des relativ offenen Brexit-Befürworters Corbyn – kriegt man nicht einfach so.

Der populärste britische Polit-Blog, politicalbetting.com, sah in Starmers Berufung zu Labours Brexit-Fachmann 2016 einen „genialen Streich“: Man könne sagen: „Jeremy Corbyn hat eine Panzerfaust zu einem Wasserpistolen-Duell gebracht.“ Starmer sei schlechthin „der beste für diese eminent wichtige Position“. Das Magazin „Politico“ lobte ihn als einen „formidableren Gegner der Regierung als viele aus Corbyns unerfahrener ersten Reihe“. Völlig unnachgiebig sollte Starmer dann bis zu Labours Wahldebakel im Dezember 2019 der Regierung Paragraph um Paragraph die Brexit-Leviten lesen. So mancher glaubt, dass Starmers Quasi-Sprechverbot zugunsten der Versprechungen Corbyns Labour einige Stimmen gekostet hat

Der Unterhaus-Neuling war eben nur dort ein Neuzugang gewesen. Die fünf Jahre davor führte Starmer die Anklagebehörde für England und Wales: 9000 Mitarbeiter in 42 regionalen Staatsanwaltschaften, Jahresbudget 750 Millionen Pfund. In seinen ersten neun Monaten besuchte Starmer jede Regionalstelle und sprach mit einem guten Drittel seiner Leute.

Keir Starmer: Gegenwind von rechts

Ein Kollege sagt über Starmer: „Er hat fantastische Führungsqualitäten“, er könne motivieren und er stecke nie einfach so zurück – „selbst wenn er mit der Regierung im Clinch liegt, wird er nicht einfach nachgeben“. So brandmarkte der zum honorigen „Queen’s Counsel“ – höherer Anwalt der Königin – avancierte Starmer die britische Beteiligung an der Irak-Invasion von 2003 als Verstoß gegen internationales Recht. Vom „Guardian“ nach der Ernennung zum Generalstaatsanwalt durch eben diese Krieg führende Regierung daran erinnert, sagte er: „Ich glaube immer noch, dass das illegal war. Chefankläger zu sein ändert nichts daran“.

Seine Ernennung hatten rechte Blogger so kommentiert: „Wir brauchen Gesetz und Ordnung. Und wir kriegen einen weinerlichen Gutmenschen.“ Starmers Konter: „Menschen vor Verbrechen zu schützen und sicherzustellen, dass alles ordentlich untersucht wird, dass Opfer wie Angeklagte mit Würde behandelt werden – das kann man nicht auf so etwas reduzieren.“ Wenn er jemanden so desavouiert, geschieht das stets mit einer souveränen Distanz

1987 begann Starmer seine juristische Karriere. 1990 trat er in die „Doughty Street Chambers“ ein, eine Anwaltsgemeinschaft, die unter anderem der Amnesty-Mitgründer Louis Blom-Cooper initiiert hatte, in der Geraldine van Bueren arbeitet, Mitautorin der UN-Kinderrechtskonvention, wo die Menschenrechtsanwältin Amal Clooney ein- und ausgeht. 2014 wurde der ruhige Kämpfer Starmer zum „ritterlichen Kommandeur des Ordens von Bath“ erhoben. Das damit einhergehende „Sir“ meidet er um jeden Preis.

Keir Starmer ist mit Ex-Labour-Chef Ed Miliband befreundet

Wohlmeinende Medien sehen darin ein Erbe seiner Jugend: Starmer habe seit Kindesbeinen vermittelt bekommen, dass die Sache immer wichtiger ist als alle Ehren und Orden. Die Eltern, sie Krankenschwester, er Werkzeugbauer, beide Labour zugeneigt, haben ihren vier Kindern beigebracht, dass keiner besser als der andere ist. Keir, der älteste – benannt nach dem ersten Labour-Vorsitzenden Keir Hardie –, ist der einzige mit akademischer Bildung. Was nichts ändert. „Diese Atmosphäre bestimmt mein Denken bis heute“, sinnierte Starmer in einem Zeitungsinterview. Und als Freizeitkicker, der „dann auch mit arbeitslosen Kameraden im Pub sitzt“, werde er noch einmal mehr geerdet.

Starmers offensichtlicher Realitätssinn bewahrte ihn 2015 – gerade ins Unterhaus eingezogen – auch davor, den Parteivorsitz anzustreben. Lieber enttäuschte er die spontan vielen Fans, die sich jemand „frisches, neues und erfahrenes“ an der Spitze wünschten. Starmer ist mit Ex-Labour-Chef Ed Miliband befreundet und warb 2015 für Andy Burnham, beides ausgeprägt reformerische Sozialdemokraten. Starmer ging mit Corbyns Sieg souverän um: Es gehöre sich, sagte er dem „Daily Telegraph“, dem Neuen die Chance zu geben, zu zeigen, was er drauf hat. Starmer wurde Schatten-Innenminister. Kaum ein Jahr später trat er aus Protest gegen Corbyns Brexit-Haltung zurück.

Keir Starmer will mehr Demokratie wagen

Dem „Independent“ gab er 2017 zu Protokoll, er habe zwar keinen ausformulierten Plan für eine erfolgreiche Labour-Regierung, aber „ich habe durchaus eine Vorstellung, was die großen Themen der nächsten zehn Jahre sein werden“: strategisch Entscheidungsprozesse von der nationalen Ebene weiter nach unten verlagern. Anders gesagt: Mehr Demokratie wagen.

„Was ich nicht ausstehen kann, ist ein Problem zu umgehen, statt es zu lösen.“ Das ist eine sehr vornehme Umschreibung der Brexit-Politik von Boris Johnson und seinen Freunden. Keir Starmer dagegen macht etwas, „weil ein Job zu erledigen ist“.

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