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KZ-Sekretärin Irmgard F. zeigt keine Reue

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Von: Joachim F. Tornau

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Die 97-Jährige zeigt sich vor Gericht oft teilnahmslos - bis ein gleichaltriger Zeuge aussagt. Foto: Ulrich Perrey/AFP.
Die 97-Jährige zeigt sich vor Gericht oft teilnahmslos - bis ein gleichaltriger Zeuge aussagt. Foto: Ulrich Perrey/AFP. © AFP

Im Stutthof-Prozess von Itzehoe trifft die Angeklagte Irmgard F. auf einen früheren SS-Wachmann des Todeslagers – dessen Aussagen scheinen das Grauen des Lagers und die eigene Schuld wegzudrängen.

Früher war es für Irmgard F. nichts Besonderes, ihrer Vergangenheit zu begegnen. Sie teilte mit ihr sogar Tisch und Bett, sozusagen: Die einstige Sekretärin im Konzentrationslager Stutthof hatte 1954 einen ehemaligen SS-Mann geheiratet, den sie noch vom gemeinsamen Dienst im KZ kannte. Auch zu ihrem früheren Chef, dem Lagerkommandanten Paul Werner Hoppe, hielt sie nach dem Krieg Kontakt. Und auch zu jenem Mann, der die perfide als ärztliches Untersuchungszimmer getarnte Genickschussanlage in dem nationalsozialistischen Todeslager bei Danzig ersonnen hatte. Einen „Mordspezialisten“ nannte ihn der Historiker Stefan Hördler im Prozess gegen Irmgard F. vor dem Landgericht in Itzehoe.

Seit acht Monaten wird in einer umfunktionierten Logistikhalle am Rande der norddeutschen Kleinstadt gegen die heute 97-Jährige verhandelt. Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen legt ihr die Staatsanwaltschaft zur Last. Von Juni 1943 bis April 1945 war die gelernte Stenotypistin, damals keine 20 Jahre alt, die persönliche Schreibkraft von Lagerkommandant Hoppe. Sie habe damit, so die Anklage, ihren Beitrag zum Funktionieren der Mordmaschinerie geleistet. Zehntausende Menschen, vor allem Jüdinnen und Juden, starben in Stutthof, vergast mit Zyklon B, erschossen in der Genickschussanlage, zu Tode gequält durch die lebensfeindlichen Bedingungen im Lager. Irmgard F. muss davon gewusst haben, meint die Staatsanwaltschaft.

Stutthof-Prozess: 95-Jährige aufmerksamer als sonst

Es ist der erste Prozess gegen eine frühere Zivilangestellte eines KZ, ermöglicht durch eine veränderte Rechtsprechung, die nach Jahrzehnten größter Nachsicht mit NS-Täter:innen nun auch diejenigen für mitverantwortlich hält, die nicht ganz oben in der Befehlskette standen. Bruno Dey war einer davon. Im Juli 2020 wurde der ehemalige SS-Mann vom Landgericht in Hamburg wegen Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Wie Irmgard F. war er in Stutthof, er war dort Wachmann.

Als der 95-Jährige deshalb jetzt im improvisierten Gerichtssaal von Itzehoe vernommen wird, ist das für die Angeklagte wieder einmal eine Begegnung mit ihrer Vergangenheit. Aber eine, die sie mehr zu interessieren scheint als das meiste, was sonst in diesem Prozess geschehen ist. Teilnahmslos hat Irmgard F. die Aussagen von Überlebenden des Lagers verfolgt, die von Hunger, Schlägen, Demütigungen und Tod berichteten. Doch heute geht ihr Blick – aufmerksam, wenn der Eindruck nicht täuscht – zwischen der Richterbank und dem Zeugen hin und her.

Stutthof-Prozess: Zeuge will Gestank der Leichenverbrennungen vergessen haben

Dabei hat sie Bruno Dey wohl gar nicht gekannt. „Die Kommandantur war Fremdland für uns“, sagt Dey. „Damit hatten wir einfachen Soldaten nichts zu tun.“ Anders als die ehemalige KZ-Sekretärin hat der ehemalige KZ-Wachmann in seinem Prozess nicht geschwiegen. Was er jetzt als Zeuge erzählt, hat er auch schon als Angeklagter gesagt. Es sind Aussagen, denen sich das Bemühen anmerken lässt, das Grauen des Lagers und die eigene Schuld nicht an sich herankommen zu lassen.

Immer wieder beruft sich Bruno Dey auf Erinnerungslücken, selbst den Gestank der Leichenverbrennungen will er vergessen haben. Auf die Frage, wann er denn erkannt habe, dass in Stutthof großes Unrecht geschah, grummelt er erst ein wenig, doch dann bekennt er: „Sicher war das Unrecht, was dort geschehen ist.“ Ob es bei Irmgard F. so viel Einsicht geben wird, erscheint fraglich.

Stuthoff-Prozess: 97-Jährige trägt eine elektronische Handfessel

Als ihr Prozess im September beginnen sollte, setzte sich die rüstige Rentnerin per Taxi aus ihrem Seniorenheim in Quickborn bei Hamburg ab. Nachdem sie wieder gefasst worden war, freute sie sich über die „langen Gesichter“ im Gerichtssaal und kündigte an, auch künftig nicht zu kommen. Die 97-Jährige trägt seither eine elektronische Handfessel.

Der Staatsanwalt, der vor fünf Jahren ihr Heimzimmer durchsuchte, fand für das Verhalten von Irmgard F. ein treffendes Wort: Bockigkeit. „Lächerlich“ habe Irmgard F. die späten Ermittlungen gegen sich genannt, sagte er. Ihn habe sie mit den Worten angeraunzt: „Machen Sie mal hin, junger Mann, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“ Sie habe erklärt, ein reines Gewissen zu haben. Weil sie ja nicht getötet habe.

Stutthof-Prozess: Erschießungsbefehle sollen über den Schreibtisch der Angeklagten gegangen sein

In einer späteren Vernehmung behauptete die einstige KZ-Sekretärin, sich nur noch an eines zu erinnern, was sie für den Stutthof-Kommandanten erledigt habe: Bestellungen für Gartenbedarf. Vor vielen Jahren, als sie in anderen NS-Verfahren als Zeugin befragt wurde, soll Irmgard F. dagegen von Erschießungs- und Deportationsbefehlen gesprochen haben, die über ihren Schreibtisch gegangen seien. Weil sie damals aber nicht als Beschuldigte belehrt worden war, dürfen diese Aussagen im Prozess nicht verwendet werden. Wohl aber das, was zum Beispiel ihr verstorbener Mann, der SS-Rechnungsführer in Stutthof gewesen war, einmal zu Protokoll gab: „Im Lager Stutthof sind Personen vergast worden. Darüber sprach man im Kommandanturstab.“

Der Prozess, der wegen einer Corona-Erkrankung der Angeklagten zwischenzeitlich fast zwei Monate pausierte, wird sich voraussichtlich bis in den Spätsommer ziehen. Auch Bruno Dey wird wohl ein weiteres Mal als Zeuge kommen müssen.

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