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Jürgen Trittin ist Bundesumweltminister und Mitglied der Grünen.

GASTBEITRAG

Ein "Kyoto zwei" wird dringend gebraucht

Der Mensch ist mitschuldig am Klimawandel, der Stürme und Fluten wahrscheinlicher macht. Die Treibhausgase müssen radikal reduziert werden. Auch die USA dürfen sich dem nicht verschließen.

Von JÜRGEN TRITTIN

Eben noch im Kino, jetzt in echt: Die Bilder der Zerstörung, die der Wirbelsturm "Katrina" hinterlässt, erinnern beklemmend an Szenen aus Science Fiction-Filmen eines Roland Emmerich. Kein einzelner Sturm kann unzweideutig auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Doch drei Dinge lassen sich wissenschaftlich eindeutig belegen: Naturkatastrophen nehmen in Häufigkeit und Ausmaß drastisch zu. Der Klimawandel macht das Entstehen von Stürmen und Fluten in Nordamerika und Europa wahrscheinlicher. Und der Mensch trägt mit dem Ausstoß von Treibhausgasen ganz erheblich zum Klimawandel bei.

Es gibt es nur eine Konsequenz daraus: Treibhausgase müssen radikal reduziert werden, und zwar weltweit. Vor dieser Notwendigkeit haben die USA bisher die Augen verschlossen. Bei einem Anteil an der Weltbevölkerung von vier Prozent sind sie für etwa ein Viertel der globalen Emissionen von Treibhausgasen verantwortlich. Der durchschnittliche Amerikaner erzeugt - bei vergleichbarem Lebensstandard - mehr als doppelt so viel CO2 wie der durchschnittliche Europäer. Die Regierung Bush lehnt dennoch internationale Klimaschutzziele mit der Begründung ab, sie schadeten der amerikanischen Volkswirtschaft.

Der amerikanische Präsident verschließt die Augen vor den wirtschaftlichen und menschlichen Schäden, die seinem Land und der Weltwirtschaft durch Naturkatastrophen wie "Katrina", also durch unterlassenen Klimaschutz, zugefügt werden. Welchem Nutzen, muss man sich fragen, dient eine derart kurzsichtige Politik? Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der sich in einem Fall besonders unglücklichen Timings erst vor wenigen Tagen überraschend der unhaltbaren Bush-Logik "Klimaschutz schadet der Wirtschaft" angeschlossen hatte, schweigt zum Thema.

Dabei könnte gerade die deutsche Industrie stolz darauf sein, bewiesen zu haben, dass keine Volkswirtschaft dazu verdammt ist, sich dem Energieträger Öl auszuliefern. Die deutsche Energiewende gilt international als Beispiel dafür, dass die Förderung erneuerbarer Energien, energieeffizienter Techniken und eine konsequente Nutzung der Potentiale des Energiesparens volkswirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen Erfolg verbindet.

Unser Erneuerbare-Energien-Gesetz wird nicht nur in Europa, sondern auch in Asien und Lateinamerika kopiert. Der von uns vorangetriebene europäische Emissionshandel bewirkt jetzt schon eine deutliche Verlagerung der Investitionen hin zu emissionsärmeren Kraftwerken.

Im Gegensatz zum BDI sind viele Amerikaner längst nicht mehr gewillt, dem klimapolitischen Irrweg ihres Präsidenten zu folgen. Anzeichen, dass Bush nicht nur der Gegenwind des Hurrikans "Katrina" ins Gesicht weht, mehren sich: Der US-Senat fordert bindende Reduktionsziele für Treibhausgasemissionen; der republikanische Parteifreund Bushs, Gouverneur Schwarzenegger hat diese Forderung für Kalifornien jüngst in die Tat umgesetzt; die Bundesstaaten des amerikanischen Nordostens wollen sich zu einem Emissionshandel nach europäischen Vorbild zusammenschließen; und Bushs treueste Wählerschaft, die religiöse Rechte, fordert mit dem Schutz der Schöpfung Gottes eine Abkehr vom klimapolitischen Isolationismus Amerikas.

Nie war es dringender als heute, die Vorreiterrolle Deutschlands im internationalen Klimaschutz zu stärken. Wir brauchen keine Lockerung, sondern eine erhebliche Verstärkung internationaler Reduktionsziele - kurz ein "Kyoto zwei". Ich setze mich mit aller Kraft dafür ein, Verhandlungen darüber noch dieses Jahr bei der nächsten Weltklimakonferenz in Montreal zu beginnen.

Wenn endlich die Vernunft im Hauptquartier der Klimaverschmutzer einkehren wird, muss die internationale Gemeinschaft in der Lage sein, Amerika mit einem ausgearbeiteten Vorschlag für die Zukunft des internationalen Klimaschutzes die Hand zu reichen. Die Bundesregierung steht dafür bereit.

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