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Der mutmaßliche zweifache Todesschütze Kyle Rittenhouse vor Gericht: Seine Verteidigung hofft auf einen Freispruch.
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Der mutmaßliche zweifache Todesschütze Kyle Rittenhouse vor Gericht: Seine Verteidigung hofft auf einen Freispruch.

Black Lives Matter

Kyle Rittenhouse vor Gericht - Videos sollen seine Unschuld beweisen

  • VonMirko Schmid
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Der heute 18-jährige Kyle Rittenhouse steht in den USA vor Gericht. Er hatte im August 2020 zwei Black Lives Matter-Demonstranten erschossen.

Update von Sonntag, 07. November 2021, 09.30 Uhr: Der Prozess gegen Kyle Rittenhouse wird am Montag (08.11.) fortgesetzt. Doch schon jetzt werden mögliche Strategien der Verteidigung des Schützen von Kenosha bekannt. Laut dem US-Radiosender National Public Radio (NPR) will die Verteidigung Videoaufnahmen der Ereignisse im Bundesstaat Illinois präsentieren. Diese sollen die Unschuld des 18 Jahre alten Rittenhouse beweisen.

Bereits zum Auftakt des Prozesses gegen Kyle Rittenhouse spielten Videoaufnahmen der Ereignisse in Kenosha eine herausragende Rolle - vor allem die Aufzeichnung eines Interviews, das Rittenhouse Richie McGinniss gegeben hatte. McGinniss war für die rechtskonservative Internetseite The Daily Caller vor Ort. Auch die Konfrontation zwischen Rittenhouse und seinem ersten Opfer, Joseph Rosenbaum, ist auf einem Video festgehalten.

USA: Kyle Rittenhouse hofft auf Freispruch

Erstmeldung vom 06. November 2021: Kenosha – Kyle Rittenhouse ist ein Politikum. Der junge Mann soll am 25. August 2020 rund 30 Kilometer zurückgelegt haben und von seinem Wohnort Antioch im Bundesstaat Illinois nach Kenosha im nördlich gelegenen Nachbarstaat Wisconsin gereist sein. Im Gepäck: Ein Sturmgewehr und der Wille, sich mit seiner Waffe einer Demonstration der Black Lives Matter-Bewegung entgegenzustellen. Am Ende standen zwei tote Menschen sowie eine verwundete Person. Alles deutet darauf hin, dass sie Schüssen aus dem Gewehr des damals gerade einmal 17-jährigen Rittenhouse zum Opfer gefallen waren.

Seither tobt in den USA ein Kampf um die Deutungshoheit. Mord mit rassistischem Motiv, sagen die einen. Notwehr, sagen die anderen. Eine christliche Fundraising-Seite sammelte anschließend hunderttausende US-Dollar, um Kyle Rittenhouse den bestmöglichen juristischen Beistand zur Seite zu stellen. Selbst der damalige US-Präsident Donald Trump schaltete sich ein und stellte sich vor den Teenager. Dieser sei, so Trump seinerzeit, „in sehr großen Schwierigkeiten“ gewesen und „wäre wahrscheinlich getötet worden“, hätte er das Feuer nicht eröffnet.

So klar, wie Donald Trump und die vielen fundamental-christlichen und konservativ bis rechtsextrem eingestellten Unterstützer:innen des mutmaßlichen Todesschützen es gerne hätten, ist die Lage indes nicht. Die aktuell geläufigste Nacherzählung der Ereignisse ist aufgefächert in mehrere Szenen. Am Anfang soll Rittenhouse von einer Gruppe verfolgt worden sein, die danach trachtete, ihn zu entwaffnen. Ein Dritter soll einen Warnschuss in die Luft abgegeben haben, anschließend habe sich der in Kenosha lebende Joseph Rosenbaum auf Rittenhouse gestürzt, um ihm das Gewehr abuzunehmen.

Kyle Rittenhouse wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt – Verteidigung will Freispruch

Darüber, warum es zu dieser Eskalation kam, existieren verschiedene Erzählungen. Als vergleichsweise gesichert gilt, dass Rittenhouse daraufhin vier Schüsse auf Rosenbaum abgegeben haben soll. Einer der Schüsse traf Rosenbaum im Kopf. Er überlebte nicht. Rittenhouse gelang es, sich vom Ort der Tat zu entfernen und soll andernorts auf der Flucht gestolpert und anschließend von einem Mann getreten worden sein. Auch auf diesen Mann soll der Teenager geschossen, ihn jedoch verfehlt haben. Daraufhin, so heißt es, seien weitere Demonstrierende auf Rittenhouse, der noch am Boden gelegen habe, zugegangen.

Einer von ihnen, Anthony Huber aus Salt Lake City im Bundesstaat Utah, habe daraufhin den nächsten Versuch gestartet, Rittenhouse zu entwaffnen. Es heißt, er habe mit einem Skateboard in Richtung des jungen Rechten geschlagen und mit ihm um das Gewehr gekämpft. Rittenhouse soll es dennoch gelungen sein, einen Schuss auf Huber abzugeben. Auch Huber überlebte die Schussverletzung nicht. Daraufhin habe sich Gaige Grosskreutz aus West Allis in Wisconsin Rittenhouse genähert, in seiner Hand eine Waffe. Rittenhouse soll ihm mit einem weiteren Schuss den Bizeps durchtrennt haben. Erst dann gelang es, Rittenhouse außer Gefecht zu setzen.

Der Teenager wurde anschließend festgenommen und angeklagt. Die Vorwürfe sind drastisch: mehrfacher vorsätzlicher Mord und illegaler Waffenbesitz. Im Falle eines Schuldspruchs droht Rittenhouse eine lebenslange Gefängnisstrafe. Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Bekannt ist, dass Rittenhouse im Vorfeld der Tat Soziale Medien mit „Support the Police“ und „Blue Lives Matter“-Inhalten flutete. Beide Slogans gelten als reaktionäre Antworten auf die Black Lives Matter-Bewegung. Während diese nämlich Polizeigewalt, gerade an People of Color, anprangert, stehen die von Rittenhouse genutzten Inhalte für das Gegenteil: eine Solidarisierung mit der Polizei gegen angeblich ungerechtfertigte Angriffe der Bürgerrechtsbewegten.

Kyle Rittenhouse soll sich in Kenosha als Arzt ausgegeben haben

Rittenhouse, der mit seiner alleinerziehenden Mutter im Städtchen Antioch an der Staatsgrenze zu Wisconsin in Illinois wohnte, hatte bereits als Kadett an einem Programm für junge Polizei-Aspiranten teilgenommen und wollte, so erzählen es viele Bekannte, schon lange Polizist werden. Auch mit Kenosha verbindet Rittenhouse einiges. Sein Vater lebte dort und verdiente sein Geld als Rettungsschwimmer am Lake Michigan, wo die ehemalige Industrie-Hochburg Kenosha gelegen ist.

Nach mehr als einem Jahr hat der Prozess gegen den heute 18-Jährigen begonnen. Die bisher ausführlichste Befragung galt Richard McGinnis. Der ist „Chief Video Director“ bei der rechten Nachrichten- und Meinungswebsite The Daily Caller, gegründet unter anderem vom heutigen Fox News-Moderator Tucker Carlson. McGinnis war in Kenosha als Journalist vor Ort und soll während der tödlichen Schüsse auf Rosenbaum am nächsten am Tatort gestanden haben.

NameKyle Rittenhouse
Alter18 Jahre (3. Januar 2003)
GeburtsortAntioch, Illinois

Vor Gericht berichtete McGinnis von einem Interview mit Kyle Rittenhouse, das er rund 15 Minuten vor der Tat aufgenommen hatte. Rittenhouse habe sich als Arzt ausgegeben und sei mit einem Medizinkoffer und seinem Gewehr herumgeeilt, um Menschen zu helfen, die verletzt würden. Sein Gewehr habe er, so sagte es Rittenhouse, zum Zweck der Selbstverteidigung dabei. Als Rittenhouse sich nach seinen Schüssen auf Rosenbaum auf die Flucht machte, versuchte McGinnis vergeblich, den am Boden liegenden Mann zu reanimieren.

Obwohl Kyle Rittenhouse illegal eine Waffe führte, plädieren seine Verteidiger auf Selbstverteidigung

Obwohl bisher alles darauf hindeutet, dass Rittenhouse tatsächlich unberechtigt eine Waffe mit sich geführt hatte, weisen die meisten der bisher vorgelegten Indizien darauf hin, dass er zumindest teilweise tatsächlich in Notwehr gehandelt haben könnte. Die Strategie der Verteidigung geht in die Richtung, den zwanzig Geschworenen diesen Umstand so eindrücklich zu präsentieren, dass diese vergessen könnten, dass es zu allen Tatereignissen überhaupt nur kommen konnte, weil Rittenhouse illegalerweise schwer bewaffnet war. Und weil es Menschen gab, die das ändern wollten.

Dagegen spricht bisher unveröffentlichtes Videomaterial. Die vor Gericht gezeigten Ausschnitte stammen aus der Kamera eines FBI-Flugzeugs und zeigen, dass Rittenhouse Rosenbaum zuerst verfolgt und in eine Parkbucht getrieben hatte. Erst als Rittenhouse dann um zwei Autos herumrannte, zwischen denen sich Rosenbaum postiert hatte, ging Rosenbaum seinerseits in die Offensive und versuchte, Rittenhouse aktiv zu entwaffnen. Kurz darauf war er tot.

Richter in Fall Rittenhouse verbietet, die Getöteten „Opfer“ zu nennen

Um den Prozess so fair wie möglich zu gestalten, wacht Richter Bruce Schroeder über die Integrität der Juroren. Einer von ihnen verlor seinen Platz in der Jury bereits. Er hatte zuvor über Jacob Blake gescherzt. Mehrere Schüsse der Polizei in den Rücken des damals 29-Jährigen waren es, die die Proteste in Kenosha erst ausgelöst hatten. Der aktuell dienstälteste Richter des Bundesstaats Wisconsin hatte im Vorfeld des Prozesses allerdings auch schon für Aufsehen gesorgt, als er der Staatsanwaltschaft untersagte, die mutmaßlich von Rittenhouse Getöteten als „Opfer“ zu bezeichnen. Dafür gestattete der Richter es der Verteidigung, die Demonstrierenden der Black Lives Matter-Bewegung „Randalierer“ und „Plünderer“ zu nennen.

Wie auch immer der Prozess letztendlich ausgeht: Eine Todesstrafe droht Kyle Rittenhouse in keinem Fall. Wisconsin war im Jahr 1853 der erste Bundesstaat, der sie abschaffte. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Ein Freispruch des 18-Jährigen hingegen könnte, davon gehen die meisten Fachleute in den USA aus, zu neuerlichen Demonstrationen und Straßenkämpfen führen. Ein Schuldspruch übrigens auch. Die Lage ist, so viel ist inzwischen all der noch nicht final geklärten Fragen sicher, explosiv. (Mirko Schmid)

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