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Im Vietnam-Diskurs: Peter Weiss.
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Im Vietnam-Diskurs: Peter Weiss.

1968

Kurzer Sommer, lange Wirkung

Nachträge zur Geschichte der 68er.

Von MATTHIAS ARNING

Man kann nicht behaupten, dass sich Peter Weiss gut behandelt gefühlt habe. In diesen Apriltagen, 1968, schwierige Zeit. Der Schriftsteller besuchte das Berliner Ensemble, die Bühne, auf der demnächst sein Viet Nam Diskurs zu sehen sein würde. Nach der Premiere in Frankfurt am Main. Und der Aufführung in Rostock. Ein geglücktes Stück des von Weiss propagierten dokumentarischen, weil realitätsgeladenen Theaters.

Ob das am Berliner Ensemble auch so sein würde in ein paar Tagen, Weiss hatte Zweifel, die er in seinen Tagebüchern festhielt. Überhaupt dieses östliche Berlin "immer wieder bedrückend". Und doch, setzte Weiss geradezu trotzig hinzu, und doch "verteidige ich es stets gegenüber dem westlichen ,Paradies'-Bericht". Wenngleich für ihn jenseits eines kritisch-solidarischen Verhältnisses außer Frage stand: "Würde ich hier leben, ich säße in der Klemme."

Deutschland, das geteilte, im Viet Nam Diskurs. Konnte keine Rede von sein. Zumindest damals. Die westliche Linke brachte nicht mal eine Kritik der real existierenden DDR zustande. Zumindest sieht Götz Aly das heute so.

Mit seiner auf Provokation angelegten These über die Bewegung. Über die 68er, die ohne Distanz für sich in Anspruch nahmen, auch Bewegung zu sein. Wie die jungen Nationalsozialisten, diese auf politische Aktivität zielende Bewegung, die zur permanenten Tat drängte. Für Aly, den Forscher und früheren Professor am Frankfurter Fritz-Bauer-Institut, sind Parallelitäten heute nicht mehr zu übersehen. Zumal sich die Studentenbewegung späterhin auch zugestanden habe, dass angesichts der Totalität des Staates das Mittel der Gewalt durchaus berechtigt sei. Aly zündete seine These im Nachgang zu seiner Studie über die Gefälligkeitsdiktatur, die Hitler mit seinen Lockrufen für die Volksgemeinschaft errichtet hatte. Eine für den Historiker konsequente Fortschreibung in aufklärerischer Absicht, gedacht als Beitrag zur Geschichte der jungen Bundesrepublik.

Auch darüber dürfte in den kommenden Wochen zu reden sein. Wenn die Debatten anheben. Im Zusammenhang mit der Ausstellung "Kurzer Sommer - lange Wirkung", der zentralen Dokumentation über 1968 in der heutigen Berliner Republik zum 40. Jahrestag des Höhepunkts der Protestbewegung gegen die Alten, den Vietnam-Krieg und alles Konventionelle. Dargeboten im Historischen Museum, vom 1. Mai an bis zum 31. August. Mit einem umfangreichen Rahmenprogramm, in dem die Erinnerung eine Rolle spielt und die Aktualisierung auf sich warten lässt.

Als Medienpartner der 68er-Ausstellung begleitet die Frankfurter Rundschau das Projekt in den kommenden Monaten publizistisch. So bringt die FR am Jahrestag des Attentats auf Rudi Dutschke, am 11. April, eine Beilage heraus, die das Jahr der Revolte kritisch betrachtet und nach aktuellen Gegenwartsbezügen fragt. Zur Eröffnung der Ausstellung - und einer FR-Serie, die das Thema den ganzen Mai über behandelt - erscheint der Lokal- und Regionalteil der FR am 30. April als Sonderheft. Darin machen sich Redakteure auf die Suche nach Spuren des Protests in dieser Stadt.

Mitunter tiefe Spuren in einer Stadt, die damals für ein paar Monate das Zentrum des Protests gewesen ist, so etwas wie die Hauptstadt der Aufklärung. Hier hatte kritisches Denken eine Heimstatt - weit über jeden Vietnam-Diskurs hinaus.

Ein irritierter Blick zurück. Götz Aly hat seinem Buch "Unser Kampf" in der Unterzeile bereits den Verweis auf die nicht unbeträchtlichen Irritationen mitgegeben. Schließlich sieht der in Berlin lebende Historiker die Bewegung der 68er heute als Ausläufer des Totalitarismus, der weite Teile des 20. Jahrhundert in Europa, dem alten Kontinent, ideengeschichtlich wie vor allem realpolitisch beherrscht hat.

Provokant rückt Aly den Protest der Studenten vor nunmehr vier Jahrzehnten in die Nähe zum jugendlichen Ansturm der Nationalsozialisten in deren ersten Stunden. Gleich fielen einem die Bilder von Fackeltragenden jungen Kerlen ein, die durch das Brandenburger Tor zogen. Sein Buch, das er zugespitzt thesenhaft zuerst zum 30. Januar in der Frankfurter Rundschau präsentiert hat, stellt Götz Aly selbst am Freitag, 11. April, von 19 Uhr an im Historischen Museum vor.

Nur wenige Monate älter ist die groß angelegte Studie "Die Wahrheit über Ulrike Meinhof", die die Frankfurter Publizistin und Stadtverordnete Jutta Ditfurth vorgelegt hat. Sie stellt ihre Meinhof-Biographie mit dem eigenen Anspruch auf Neuigkeiten am Montag, 21. April, von 19.30 Uhr an im Club Voltaire an der Kleinen Hochstraße 5 vor. Inzwischen hat Ditfurth im Übrigen ein zweites Buch in diesem Zusammenhang vorgelegt: In einer neuen Studie befasst sie sich jetzt mit der Freundschaft zwischen Meinhof und Rudi Dutschke.

Ein historische Sekunde. Mehr soll es nicht gewesen sein. Eine historische Sekunde lang habe "eine Sternschnuppe aufgeleuchtet und uns eingeleuchtet", notierte der aktive "68er" Frank Wolff. "Wir Erleuchtete und Mitgerissene spannen alsbald einen Mythos und bauten einen Kult um diese Sternschnuppe, um die Vergänglichkeit der Geschichte zu bannen." Diesem Augenblick widmen Wolff und Barbara Englert am Samstag, 26. April, um 19 Uhr wie um 20.30 Uhr im Historischen Museum ihr Programm, einer Lesung mit Cello, aus der Reihe: Gespräche in der Ausstellung "Die Bibliothek der Alten". Eintritt zwölf Euro. Zwei Auftritte im Rahmen der Nacht der Museen.

"Von Goethe zu Marx - studentischer Protest in Frankfurt", haben die Macher der bundesweit beachteten Ausstellung "Kurzer Sommer, lange Wirkung" eine der zentralen Diskussionen für die bevorstehende Retrospektive auf 1968 überschrieben. Sie soll zwei Wochen vor der Eröffnung der Dokumentation im Historischen Museum, Saalgasse 19, einen Vorgeschmack bieten auf das, was dann kommt. Dabei hilft am Mittwoch, 16. April, von 18 Uhr an Walter Ruegg, der damalige Rektor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität.

Der Professor lebt heute am Genfer See und erinnert sich nur zu gut an bewegte Zeiten an seiner Hochschule, die zu den Hochburgen des Protests von 1967 an gehörte. Zumal nach den Ereignisses Anfang Juni in Berlin. Bei der Demonstration gegen den Schah von Persien wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen. Einige Monate später, am 11. April 1968, wurde Rudi Dutschke beim Attentat lebensgefährlich verletzt.

In Berlin und in Frankfurt am Main setzen postwendend schwere Straßenschlachten ein. An dem "Sternmarsch auf Bonn", einer Aktion gegen die zu diesem Zeitpunkt im Bundestag beratenen Notstandsgesetze, nehmen in diesen Tagen mehr als 60 000 zumeist junge Menschen teil.

Der Protest gewinnt in kurzer Zeit an Schärfe, Studenten besetzen die Eingänge der Frankfurter Hochschule. Rektor Ruegg lässt die Universität schließen, die Kommilitonen beschließen, das Rektorat zu besetzen und die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität künftig in "Karl-Marx-Universität" umzubenennen. Ende Mai räumt die Polizei schließlich die Hochschule.

Mit dem ehemaligen Rektor diskutieren an diesem Abend in der Reihe Gespräche in der Ausstellung "Die Bibliothek der Alten" die Zeitzeugen Heipe Weiss, Erika Sulzer-Kleinemeier und Linda de Vos. Die Moderation übernimmt der Historiker Wolf von Wolzogen vom Historischen Museum.

Zwei Wochen später ist es dann so weit: Am Abend vor dem 1. Mai wird die Aussellung "Die 68er" eröffnet, die bis zum 31. August zu sehen ist. Neben einer kleineren Dokumentation, die gegenwärtig bereits im Deutschen Historischen Museum in Berlin läuft, ist die Frankfurter Ausstellung die umfangreichste Präsentation der 68er-Geschichte in diesem Jahr. Anders als noch vor zehn Jahren setzt die aktuelle Rezeption dieser Geschichte zumeist überaus kritische, weniger von Verehrung geprägte Akzente.

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