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Strafen erzeugen keine Einsicht, aber Tränen.

Da ist kurzer Prozess angesagt

Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Salem, hat mit seinem Buch "Lob der Disziplin" im Herbst einen Bestseller gelandet. Jetzt erntet er kräftigen Widerspruch: autoritäre Erziehungsmethoden sind ahnungslos, weltfremd und anti-modern / Von Wolfgang Bergmann

So viel Quatsch in einem kuriosen Verwaltungsjargon ist mir nicht mehr unter die Augen gekommen, seit ich als Neunjähriger Hedwig-Courths-Mahlers Romane heimlich aus Mutters Nachttischschublade stibitzte. Mir wäre im Traum nicht eingefallen, dass, abgesehen von einer gewissen Zahl von autoritätshörigen Eltern, die es immer gibt, professionelle Erzieher, Lehrer, Kindergärtner, Psychologen sich ernsthaft mit ihm befassen würden.

Nun, ich habe mich geirrt.

Keinen Schimmer von entwicklungspsychologischen Einsichten, sage ich. Was aber noch überraschender ist: Während sonst auf jedem Pädagogenkongress rigoros nach "Praxisbezug" in Form von Rezepten samt Kopiervorlage verlangt wird, scheint es niemanden zu stören, dass Bueb seltsam vage und abstrakt (besser gesagt: allgemein) bleibt. Kein einziger Satz stellt sich in praktikabler Weise einem der vielen pädagogischen Alltagsprobleme, von denen es ja genügend gibt.

Nachdem ich im Gespräch mit ihm seine Ahnungslosigkeit in Sachen Entwicklungs- und Lernpsychologie zur Kenntnis genommen hatte, stellte ich, höflicherweise, mein Bemühen um einen analytischen Diskurs ein und kam aufs Konkrete zu sprechen. Es folgte ein Monolog. Meinem inständigen Bemühen, seine Aufmerksamkeit auf tägliche Erziehungsprobleme zu lenken, begegnete Bueb mit einer umfänglichen Erörterung. Der Faschismus-Verdacht, erläuterte er, laste auf unserer Sprache, "unserer schönen deutschen Sprache", die er von allen Uneindeutigkeiten befreit und für Worte wie "Disziplin", "wirksame Strafe" oder "kurzer Prozess" wieder gewonnen sehen möchte. (?) Ich blieb hartnäckig und führte schließlich die beiden einzigen konkreten Beispiele an, die mir von meiner Lektüre erinnerlich waren. Erstes Beispiel: Buebs damals 14-jährige Tochter. Die Kleine schaut vergnügt Fernsehen, aber das war ihr verboten. Was macht man nun? Eine Frage, auf die viele Eltern gern eine lebensnahe Antwort hätten.

Bueb schreibt: "Da ist kurzer Prozess angesagt!" Nächster Abschnitt, anderes Thema, wie es seine Art ist.

Nun ist "kurzer Prozess" eine Formulierung, die ich auf meine Kinder auch dann nicht anwenden würde, wenn es um sehr viel ernsthaftere Dinge als ein wenig Fernsehen ginge, fragte aber interessiert nach: "Ja, was haben Sie denn nun mit dem armen Kind angestellt? Aus dem Fenster geworfen, in den Keller gesperrt, vier Wochen Hausarrest oder was?" Schließlich klingt "kurzer Prozess" einschüchternd genug! "Nein", erwiderte er und schaute mich mannhaft an, "ich habe den Fernseher ausgemacht." Ich, leicht verdutzt: "Tja nun, sicher, wenn meine Tochter unerlaubt Fernsehen guckt, mache ich den Kasten aus. Ist doch klar! Aber Menschenskind, deshalb müssen Sie doch nicht gleich ein ganzes Buch schreiben!"

Die Debatte war zur Veröffentlichung gedacht, ein Tonband lief mit, ich darf also weitererzählen. "Warten Sie mal ab", sagt er leidgestählt, "wenn Ihre Tochter erst 14 Jahre alt wird. Sie werden schon sehen ?" und berichtet von empörtem Teenager-Gekreisch und knallend zugeschlagenen Türen. Nun, ich konnte ihn beruhigen, ich habe einen inzwischen 23-jährigen und einen 18-jährigen Sohn - beide nicht unkompliziert -, aber nie hat einer von ihnen mir auch nur ein einziges Mal die Tür vor der Nase zugeknallt. Sie wären gar nicht auf den Gedanken gekommen. Dafür war der Respekt vor ihrem Vater ein viel zu bedeutungsvoller Teil ihres Selbstbildes und ihres Selbstvertrauens.

Und seltsam, seltsam, unser Gespräch kippte plötzlich auf ganz eigene Weise.

Dieser Bernhard Bueb ist eigentlich kein unsympathischer Mensch, ein wenig weich vielleicht mit seiner sehr verhaltenen Stimme, fast schüchtern, ein bisschen altmodisch-unbeholfen, aber durchaus nicht unsympathisch. Ich fühlte mich neben ihm angesichts meiner Umgangsweise mit den eigenen Kindern und den viel schwierigeren in Beratung und Therapie fast ein wenig grob, prompt, jedenfalls viel konfrontativer. Allerdings verlange ich von keinem Kind oder Jugendlichen "Disziplin" in diesem unterwürfigen Sinn, davor bewahrt mich schon mein Sinn für die Ästhetik, ich verhänge auch keine Strafen und zwar nie - weder in der Familie noch in der Praxis -, und keines der mir anvertrauten Kinder würde jemals auf die Idee verfallen, dass ich sie im Sinn erzieherischer Korrektheit am liebsten permanent überwachen würde.

Buebs Problem, vermute ich, besteht nicht nur darin, dass er diese modernen Kinder einfach nicht begreift, nein, er spricht ihre Sprache nicht, er verfügt über gar keine eigene kräftige, überzeugende und Halt stiftende Sprache. Er konfrontiert Kinder nicht mit seiner Person, seinen Werten, seinen Gefühlen oder sonstwas, nein, er will sie in eine entpersonalisierte, bürokratisch festgeschriebene Ordnung zwingen, gegebenenfalls mit Strafen, aus denen jede Spur von Emotion gewichen ist. Anonym und technokratisch, auf "Vollzug" einer nicht hinterfragbaren Ordnung ist dieser Mann eingestellt. Sollte sich bestätigen, dass große Teile einer modernen Pädagogengeneration ähnlich empfinden, dann gnade uns Gott. (?)

Man mag es drehen, wie man will, die "Disziplin"-These hat keinen Fetzen Realitätsgehalt. Sie ist einfach eine ideologische Floskel und erfüllt als solche offenbar für viele Pädagogen eine Funktion, der sie kaum widerstehen können. Das abstrakte Plädoyer hat auch ohne konkrete Beispiele und ohne theoretische Begründung eine gewisse Trostfunktion für solche Pädagogen (und Eltern), denen Kinder wenig und Jugendliche gar keinen Respekt entgegenbringen. Wer resigniert und müde geworden und auf eine verzweifelte Weise hilflos ist, möchte vielleicht nicht mehr nachdenken, und praktikable Vorschläge will er auch nicht mehr hören. Er hat ja längst aufgegeben.

Ansonsten mag ich mich mit den theoretischen Grundlagen von Buebs Buch nicht auseinander setzen - es gibt sie nicht. Aber es ist ein Sprachrohr, Symptom einer um sich greifenden Pädagogik, die auf pure Effizienz und widerspruchsfreie Trainierbarkeit im Sinne hoher Erfolgsquoten eingestellt ist und statt des Wissens um die geistige und seelische Entwicklung eines Kindes die Methoden einer modernen Managerkultur in unsere Kindergärten und Schulen presst - es spricht die Ideologiesprache einer bindungsleeren globalen Erfolgskultur, unreflektiert. Und an dieser Stelle gewinnt Buebs Buch eine zusätzliche Dimension.

Schule hat sich in den letzten vierzig Jahren kaum verändert, die Gesellschaft und Kultur um sie herum sehr wohl. Die modernen Kinder spiegeln diese Veränderungen unmittelbar. Was im Unterricht als Hyperaktivität, als Dissozialität und Respektlosigkeit erscheint, hat seine komplexen Ursachen in den Umwälzungen der modernen Sozialkultur, die von den extrem beschleunigten Globalisierungen der Finanzmärkte bis zu den Veränderungen der modernen Familien und den Wirkungen einer all-präsenten Medienkultur reichen. Ich werde die Umwälzungen knapp thematisieren. Jede der folgenden Skizzen lässt sich konkret entfalten und bis hin zu alltagspraktischen Vorschlägen für Familien und Schule usw. weiterführen; wir wissen durchaus schon viel. Gleichwohl stehen wir angesichts der unübersichtlichen Dynamik einer von digital-technischen Übertragungssystemen kommunizierten und figurierten Realität erst ganz am Anfang.

Also, in Stichworten:

A.

(1) Die globale Wirtschaft, die zur Erschütterung der Nationalökonomien führte, wäre ohne das Internet nicht möglich. (?) Die Komplexität der Datenmengen ist gewaltig, sie wird auch von Analysten nur spekulativ erfasst. An den großen Börsen in Hongkong, New York oder Frankfurt geht es zu wie in einem Computerspiel. Jede Sekunde kann eine völlig neue Konstellation eintreten.

(2) Das hat mit dem extrem komplexen Funktionieren des Internets zu tun. (?)

(3) Solche datenbestimmten Unübersichtlichkeiten sind weit reichend, sie greifen unmittelbar in die Kapitalausstattungen nicht nur der Konzerne, sondern noch viel folgenreicher in die der mittleren und kleinen Unternehmen, der Handwerksbetriebe usw. ein. Keiner weiß, was morgen sein wird. Folge: Ein gut ausgebildeter Diplom-Ingenieur kann ebenso wie ein kundiger Facharbeiter seinen Arbeitsplatz völlig unerwartet verlieren und möglicherweise innerhalb einer kurzen Zeitspanne mit seiner Familie in Armut stürzen. (?)

(4) Die Folgen für das Werteempfinden und die allgemeine Sozialmoral sind eindeutig. In allen "Werteappellen" (?) ist merkwürdigerweise nie die Rede davon, dass jedes moderne Kind angesichts der existenziellen Unsicherheit seiner Eltern erfährt, dass Tugenden wie Verlässlichkeit, Treue, gar Betriebstreue, Fleiß, gute Ausbildung, Pünktlichkeit und Höflichkeit entwertet sind. Objektiv entwertet, da helfen kein Werteappell und keine "Disziplin".

(5) Kinder wenden sich von moralisierenden Ermahnungen, die ihre Lebenswelt und ihre Zukunft nicht erfassen, gelangweilt ab und jenen Medien und Spielen zu, in denen sie ihre Zukunft trainieren können - dorthin also, wo die moderne Kultur in Computerspielen, Online- und Handykommunikationen beherrschbar erscheint.

B.

(6) Geld ist zu einem Abstraktum neuer Art geworden. (?)

(7) Den Kindern und Jugendlichen wird der Zugang zu dieser Welt im Internet-Spiel einsichtig, weil, wie nie zuvor, zwischen der Entfaltung von Marketing und Logistik in der Wirtschaft und dem Charakter der Spiele von Anfang an ein enger Zusammenhang bestand - bei dem übrigens die Spiele, wie etwa Will Wrights bahnbrechendes "Sim-City", oft die Nase vorn hatten und Betriebswirtschaftlern ebenso wie Kommunalpolitikern mit digitaler Technologie neue Lösungen für alte Probleme aufzeigten. Die Kinder spielen zwar fantastische Spiele mit uralten Motiven wie Zauberern, Magiern, Drachen und dem mythenumwobenen Gral, aber zugleich trainieren sie ein symbolisches Handeln, in dem neben den Fantasmen und hybriden egozentrierten Aktionen zugleich hochkomplexe Arten der gemeinsamen Planung, der zielbildenden Kommunikation, des spontan-innovativen Reagierens usw. gefordert sind. Außerdem wird in den angesagten Online-Spielen wie "World of Warcraft" in sozialen Gruppierungen ("Gilden") gespielt - dort gelten die "alten Werte" von Treue und Verlässlichkeit, sogar die Aufopferung des Eigenen für die Gemeinschaft noch etwas, im virtuellen Geschehen erscheinen "Wir-Gefühle" den Kindern und Jugendlichen endlich wieder realitätstauglich.

C.

(8) Weiter:Das Netz ist ein prinzipiell unabgeschlossenes System, das sich permanent erweitert. Die in ihm dargestellten Objekte, Kontakte, Aktionen haben einen fluiden Charakter und sind in verschwenderischem Überfluss vorhanden, mit einer Handbewegung werden sie herbeigerufen und mit einer weiteren wieder gelöscht. Die Objekte und sogar die hinter Codes verborgenen Personen haben eine Tendenz zur Flüchtigkeit. Dieser fließende Charakter des symbolischen Handelns widerspricht der textuellen Figur, die bestimmend ist für eine abendländische Kultur, in der wir unser Wissen als beständig, unsere Erfahrung als beschreibbar, unsere Reflexionen (und Selbstreflexionen) als überprüfbar erleben. Die dominierende Textualität der abendländischen Kultur weicht auf. Die uns vertrauten alphanumerischen Zeichensysteme werden von numerischen - auf binären Zahlenreihen basierenden - Systemen abgelöst, die über die textlichen Erkenntnismöglichkeiten hinaus Bildwelten entwerfen, die den Sinnen nicht zugänglich sind, die Faszinationen binden und neuartige psychische Reaktionen hervorrufen und fixieren; und die die Logik naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Spekulationen in Bilder mit enormer Plausibilität fassen (?) Der Modus des Erkennens und der Selbsterfahrung verändert sich. (?)

(9) Was hier oberbegrifflich skizziert wird, muss in den pädagogischen und psychologischen und sozialtheoretischen Debatten bis in die "Falten des Alltags" nachvollzogen werden, um die Gesamtheit der seelischen und kognitiven Veränderungen moderner Kindheit im Vergleich zu früheren Kindergenerationen zu erfassen.

D.

(10) Ein Letztes: Die hohe Präsenz von medialen Bildwelten vom Fernsehen bis zum Internet entwertet den sozialen Nahraum. Das gilt für jugendliche, meist männliche Computerspieler in besonderem Maße. Die stoffliche Widerständigkeit des Realen ermüdet sie, jede normative Realitätsbindung wirkt wie eine Zumutung - viele Jugendliche empfinden die Anforderungen des Alltäglichen als Bedrohung der idealisierten Selbstbilder, die sie in Netzspielen agieren. Das Reale ist in ihrer Psyche schwach repräsentiert. Es kann jederzeit ohne Mühe verlassen werden. (?)

(11) Ich weise darauf hin, dass neuere Überlegungen deutlich machen, dass zwischen der um sich greifenden Nervosität und Überaktivität der Kinder (medizinisch ADHD genannt) und der in Computerspielen stimulierten seelischen Verfassung enge Korrelationen nachzuweisen sind. Aber damit lasse ich es gut sein - das Thema ist komplex, mehr wollte ich eigentlich gar nicht deutlich machen. Allerdings, all diese Fragen müssen beantwortet und bewältigt werden. Am besten bis morgen! (?)

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