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Der Philosoph Frithjof Bergmann ist Begründer  Bewegung Neue  Arbeit.
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Der Philosoph Frithjof Bergmann ist Begründer Bewegung Neue Arbeit.

Philosoph Frithjof Bergmann

Von der Kurzarbeit zur Neuen Arbeit

In der Krise nimmt die Kurzarbeit deutlich zu. Wir sollten die freie Zeit nutzen, um vernachlässigte Begabungen zu wecken und wirklich gewollte Arbeit anzugehen, sagt Philosoph Frithjof Bergmann.

In der aktuellen Krise nimmt die Kurzarbeit deutlich zu. Hält die Krise an, sind Entlassungen programmiert. Mit gravierenden Folgen. Zum einen kostet beides Steuergeld. Zum anderen leiden die Menschen darunter, eingeschränkter oder gar nicht mehr gebraucht zu werden.

Zudem geht wichtige Kompetenz verloren, die Menschen bilden sich nicht fort, sind frustriert und driften nicht selten mit Alkohol und Drogen ab. Dies muss und kann verhindert werden. Die Antwort heißt Neue Arbeit.

Das erste Zentrum dafür entstand vor 25 Jahren in Flint, im US-Bundesstaat Michigan. In langen Debatten kam eine kleine Gruppe zu dem Schluss: "Vier Tage Arbeit und drei Tage Pause sind gerade genug, um ein schlechtes Gewissen zu bekommen, aber drei Tage reichen nicht aus, um etwas Intelligentes und Produktives in Angriff zu nehmen."

In der Konsequenz schlugen wir vor, die Kurzarbeit anders zu organisieren: Vier Monate Arbeit und zwei Monate Pause oder entsprechend der jeweiligen Gegebenheiten: Sechs oder acht Monate Arbeit und drei oder vier Monate Pause. Die "freie Zeit" diente nicht etwa dazu, auf dem Wasserbett herumzulümmeln oder vor dem Fernseher zu verbringen. Nein, diese Zeit wurde genutzt, um bislang vernachlässigte Begabungen zu wecken und wirklich gewollte Arbeit anzugehen.

Dies lässt sich natürlich nicht von heute auf morgen realisieren. Es ist auch mehr als die gerade von deutschen Gewerkschaften propagierte Weiterbildung. Die Menschen müssen sich dabei vor allem selbst analysieren. Denn die meisten von uns leiden nämlich an großer Selbstignoranz, wie sie bereits die Griechen in der Antike erkannt hatten. Wir wissen viel über entfernte Sterne, winzige Bakterien und andere Menschen, aber wenig über uns selbst.

Wer nach dem Trauma von Kurzarbeit oder Entlassung den Weg zu wirklich gewollter, neuer Arbeit finden will, braucht kompetente Unterstützung. Realisieren ließe sich das durch viele Zentren für Neue Arbeit, unterstützt etwa durch Gewerkschaften. Aber auch der Staat könnte Geld, das er jetzt zur Finanzierung von Kurzarbeit und Entlassungen einsetzt, in diese Zentren stecken.

Eine fixe Idee? Nein, es gibt bereits eine Fülle von praktischen Beispielen, wie so etwas funktionieren kann. In Kanada entschloss sich eine Gruppe von Jugendlichen, von denen einige Aufenthalte im Knast hinter sich hatten, in Vancouver ein grünes Unternehmen aufzubauen.

Das Resultat waren "vertikale Gärten", sie entwickelten stapelbare Behälter für den Anbau von Gemüse und Blumen. Die Idee der Permakultur auf den Dächern der Stadt war damals, im Jahr 1986, noch etwas Neues, und was das Wichtigste war, die jungen Leute wollten diese Arbeit machen.

Anders lief es mit dem Projekt "I can" in Michigan, USA. Nach mehreren Misserfolgen beschloss eine Gruppe von Langzeitarbeitslosen, selbst Häuser zu bauen. Entwickelt wurde ein System auf der Basis des Lego-Spiels - nur, dass die Klötzchen 20 Mal größere Bausteine waren. Es war überwältigend zu beobachten, welche Wandlung mit Menschen passierte, die teils 20 Jahre Alkohol- oder Drogenmissbrauch hinter sich hatten. Sie blühten förmlich auf, ihr Selbstwertgefühl stieg enorm.

Aber auch in Europa gibt es Ansätze für Neue Arbeit. Zum Beispiel ein Kindergarten im österreichischen Graz, der in diesem Mai seinen zehnten Geburtstag feierte. Kinder aus 16 Kulturen wachsen dort miteinander auf und werden angehalten, das zu tun, was ihnen liegt, sich auszuprobieren, vor allem auch im Zusammenspiel. Die in dem Hort Beschäftigten haben sich bewusst für diese Art der gewollten Arbeit entschieden, womit eine enorm kreative Atmosphäre entsteht.

Natürlich leben solche Projekte nicht nur von Luft und Liebe. Um die Kosten zu reduzieren, haben wir eine Art "Grundwirtschaft" etabliert. Das heißt, durch gemeinsamen Einkauf, gemeinschaftliches Wohnen, effiziente Energieversorgung, gemeinsam organisierte Mobilität lässt sich eine ganze Menge Geld sparen.

Darüber hinaus haben wir die New World Enterprises gegründet, das sind Firmen, die sich darauf konzentrieren, Produkte für Menschen in ärmeren Regionen der Welt zu entwickeln. Ein enormer Markt für etwa 80 Prozent der Menschheit. Dazu zählen einfache, aber leistungsfähige Kühlsysteme zum Beispiel in Afrika, neue Bauweisen, effiziente Energieerzeugungssysteme und Methoden, um Wasser zu sparen.

Regierungen verschleudern alljährlich Milliarden, um das Leben von eigentlich dem Tod geweihten Großkonzernen zu verlängern. Mit einem Bruchteil dieses Geldes könnten Zentren für Neue Arbeit entstehen.

Neue Arbeit in großem Stil ist noch Zukunftsmusik. Mit der Weiterentwicklung der Kurzarbeit ließe sich aber relativ rasch beginnen - und viel bewegen.

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