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Viele Kommunen suchen Ersatz für die geschlossenen Unterkünfte – doch das ist schwierig.

Coronavirus

Kurz vor dem Kollaps

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Die Pandemie stellt die Wohnungslosenhilfe vor riesige Probleme: Unterkünfte schließen, viele Ehrenamtliche gehören zur Risikogruppe und müssen zu Hause bleiben. Die Not ist groß.

Wilhelm Nadolny steht auf der Straße, um seine Gäste willkommen zu heißen. Sie stehen Schlange in der kalten März-Sonne – Junge, Alte, Kranke, Junkies, Betrunkene, Laute, Stille. In wenigen Minuten beginnt die Essensausgabe in einer der bekanntesten evangelischen Stadtmissionen Deutschlands: der Bahnhofsmission Berlin Zoo.

Um Punkt 14 Uhr gehen die improvisierten Fensterklappen am Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission auf. Links gibt es ein Lunchpaket: zwei Stullen mit Wurst oder Käse, ein Stück Kuchen und Obst. Rechts wird Kaffee im Plastikbecher nach draußen gereicht. Die Versorgung in der Berliner Bahnhofsmission Zoo findet nunmehr seit mehr als 14 Tagen komplett im Freien statt. Vor der Corona-Pandemie nahmen sie täglich 600 bis 700 Menschen in Anspruch. Heute schieben sich in einer Stunde 120 an der Essensausgabe vorbei. Sie sind sehr diszipliniert, niemand will Ärger. Die 1,50 Meter Abstand, die auf den an der Außenwand aufgeklebten Zetteln in mehreren Sprachen empfohlen sind: geschenkt. „Social distancing“ kennen sie. Und das nicht erst seit Corona.

Doch die Pandemie bringt die Nothelfer bundesweit selbst in allerhöchste Not. Gerade in der Wohnungslosenhilfe müssen die Unterstützungen wegen der verordneten Kontaktbeschränkungen extrem zurückgefahren werden. Betroffen sind davon nach Informationen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) übers Jahr gesehen schätzungsweise bis zu 680 000 Menschen, 40 000 von ihnen leben permanent auf der Straße.

Ganz schwierig sind Essensausgaben, Tagesaufenthalte oder die medizinische Versorgung. Die Tagesaufenthalte gewährleisten Hygienemöglichkeiten oder Angebote zum Wäschewaschen. Im modernen Hygiene-Center der Bahnhofsmission konnten bislang vier Männer gleichzeitig duschen und sich rasieren. Jetzt darf einer rein, dann muss desinfiziert werden.

In den Unterkünften sind Mehrbettzimmer die Regel, viele müssen nun geschlossen werden. Manche Kommunen versuchen, Ferienwohnungen oder andere Räume anzumieten. Doch das ist schwierig. Wie unorthodox Lösungen ausfallen können, zeigt ausgerechnet die französische Millionärs-Metropole Cannes an der Côte d’Azur. Die Organisatoren der Filmfestspiele, die in diesem Jahr wegen der Pandemie ausfallen, stellten ihr Festspielhaus für bis zu 80 Menschen ohne Wohnung zur Verfügung. Es gibt Möglichkeiten zum Duschen, Schlafen und Essen.

Doch viele Wohnungslose benötigen noch dringender als ein Dach überm Kopf Beratung, wie sie an zustehendes Geld kommen können. „Die ohnehin äußerst schwierige Lebenssituation Wohnungsloser hat sich durch Corona noch einmal drastisch verstärkt“, sagt BAG W-Geschäftsführerin Werena Rosenke. „Flaschen sammeln, Straßenzeitungen verkaufen, betteln – all das kann nun kaum noch zum Einkommen beitragen.“

Inwieweit Mittel aus den Milliardenpaketen der Bundesregierung zur Linderung der Corona-Folgen bei den Wohnungslosen ankommen, ist ungewiss. Soziale Einrichtungen sind als Empfänger vorgesehen, versichert CDU-Sozialexperte Peter Weiß. „Außerdem haben wir den Zugang zum Arbeitslosengeld II erleichtert, damit schnell geholfen wird.“ Linke-Bundeschefin Katja Kipping will das im Auge behalten. „Gegebenenfalls müssen wir da noch einmal nachbessern“, sagt sie. „Die Initiativen sollten jetzt unbedingt besonders unterstützt werden.“

In der Zentralen Beratungsstelle der Caritas für Menschen in Wohnungsnot in Berlin-Mitte, wo jährlich 3000 Betroffene um Hilfe bitten, stehen sie nun vor der Tür. Viele Wohnungslose haben hier ihre Postadresse, um für das Jobcenter erreichbar zu sein. „Das versuchen wir alles aufrecht zu erhalten“, sagt Leiterin Elfriede Brüning. Die Post wird aus dem Fenster gereicht, allgemeine Beratung erfolgt nun telefonisch oder online.

Das Gros der Teams in der Wohnungslosenhilfe besteht aus Ehrenamtlichen – und von denen sind die meisten Rentner. „Risikogruppe“, Wilhelm Nadolny von der Bahnhofsmission Berlin Zoo hebt warnend den Zeigefinger. „Die habe ich alle nach Hause geschickt.“ Das waren allerdings 180 von insgesamt 213 Ehrenamtlichen. Nun bastelt der Chef an ausgefeilten Dienstplänen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. „Ja, wir müssen uns ein bisschen umstellen“, sagt er.

Wie lange Wohnungslose und Helfer das alles durchhalten, ist ungewiss. Die Betroffenen selbst gehen sehr unterschiedlich mit der Situation um. Der 79-jährige Franz, der aus Oberfranken stammt, reist mit dem Zug durch Deutschland, solange ihn kein Schaffner rauswirft. Er lebt nach eigenen Angaben seit elf Jahren auf der Straße und fürchtet keine Infektion. „Corona?“, fragt er verächtlich. „Ich habe andere Probleme.“ Der Berliner Joachim (73) meidet hingegen möglichst jeden Kontakt. Er ist noch nicht lange auf der Straße, erzählt er. In Thailand warte seine Frau auf ihn. Leider habe man ihm gerade den Rucksack mit seinen Papieren gestohlen, aber er komme ja ohnehin jetzt nicht aus Deutschland raus. „Ich will das hier überleben.“

Die aktuellen Zustände sind auch eine Herausforderung für die, die in der Wohnungslosenhilfe arbeiten. Meist haben sie keine Schutzkleidung, die Desinfektionsmittel gehen zur Neige. Von nennenswerten Infektionsfällen unter Wohnungslosen ist bislang wenig bekannt. „In Hamburg ist eine Einrichtung mit 300 Bewohnern wegen eines Falles unter Quarantäne gestellt worden“, berichtet Werena Rosenke von der BAG W. „Ich fürchte, wenn wir das häufiger haben, eskaliert die Lage sehr schnell.“

In Berlin, wo schätzungsweise bis zu 6000 Menschen auf der Straße leben, plant Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) einen „Rettungsschirm für Obdachlose“. Wie Berlin hat auch Hamburg das Winternotprogramm bis Ende Mai verlängert, so bleiben zusätzliche Unterbringungs- und Schutzräume für wohnungslose Menschen offen.

In Berlin schaut Wilhelm Nadolny auf die lange Schlange seiner Gäste. Ihn bewege sehr, dass im Moment viele Leute anriefen, die wissen wollten, wie sie am besten helfen könnten, erzählt er. „Gebt Obdachlosen in diesen Zeiten einen Euro mehr als sonst oder spendet Hilfsorganisationen“, rät er dann. „Wir müssen da jetzt als Gesellschaft durch. Schauen wir mal, wie es nächste Woche aussieht.“

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