Italien

Kurz vor dem Kollaps

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Dramatische Zustände in Italiens Kliniken.

Am Samstag um 12 Uhr sind hunderttausende Italienerinnen und Italiener auf ihre Balkone getreten, um zu klatschen: Der Applaus galt dem medizinischen Personal im ganzen Land, das beinahe Übermenschliches leistet, um den immer zahlreicheren Covid-19-Patientinnen und -Patienten zu helfen und sie in den überlasteten Intensivstationen am Leben zu erhalten. Ärztinnen, Ärzte, Pflegekräfte, Medizinstudierende: Sie sind längst zu den neuen Helden Italiens geworden.

Die Fallzahlen nehmen trotz drastischer Quarantäne-Maßnahmen weiterhin zu: Bis zum Wochenende sind in Italien über 20 000 Menschen positiv auf das Virus getestet worden, mehr als 1500 der Infizierten sind gestorben, fast 2000 Patientinnen und Patienten befinden sich auf der Intensivstation (Stand Sonntagnachmittag). Landesweit haben sich auch mehr als 1500 Menschen aus dem medizinischen Pflegepersonal selbst mit dem Coronavirus angesteckt.

Lazarette werden errichtet

Die Intensivstationen der am meisten betroffenen Region Lombardei stehen kurz vor dem Kollaps: „Der Moment ist nah, an dem wir keine freien Betten in den Intensivabteilungen mehr haben werden“, erklärte der Regionalpräsident der Lombardei, Attilo Fontana. Allein am Samstag waren in die Krankenhäuser der Lombardei weitere 85 Covid-19-Patientinnen und -Patienten eingeliefert worden, die Intensivpflege benötigten – doppelt so viele wie noch vor einer Woche. Am Sonntag waren die freien Plätze an einer Hand abzuzählen.

Besonders dramatisch ist die Situation in den Provinzen Bergamo und Brescia, die inzwischen als die beiden wichtigsten Infektionsherde des Landes gelten. Aus Bergamo werden täglich rund 300 neue Fälle gemeldet, in Brescia sind es etwa 250, etwa jeder zehnte von ihnen benötigt Intensivpflege oder muss zumindest mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden. In nur einer Woche hat das Virus in den beiden Provinzen mehr als 400 Menschen dahingerafft.

Bisher wurden die neuen Kapazitäten in der Intensivmedizin durch Reorganisationen innerhalb der Kliniken geschaffen: Ganze Abteilungen wurden zu Stationen der Intensivtherapie umfunktioniert. Doch muss auch die medizinische Betreuung der anderen Kranken sichergestellt werden. Deshalb wird inzwischen auch die Einrichtung von Feld-Lazaretten erwogen. In Brescia etwa soll auf dem Messegelände in den nächsten Tagen ein Lazarett für 200 Lungen-Patientinnen und Patienten entstehen.

Derzeit sind allerdings weder die erforderlichen Beatmungsgeräte vorhanden, noch kann kurzfristig genügend medizinisches Personal für die Lazarette rekrutiert werden.´Und so musste sich das medizinische Personal in vielen Krankenhäusern Norditaliens bereits an eine neue Abkürzung gewöhnen: „NCR“. Das steht für „non candidabile alla rianimazione“ – „kann nicht in der Reanimation aufgenommen werden“.

Der drastische Mangel an Betten in den Intensivstationen hat dazu geführt, dass die Ärzte in Einzelfällen bereits über Leben und Tod entscheiden müssen. „Wenn jemand zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und große Atemprobleme hat, reservieren wir die wenigen noch vorhandenen Plätze in den Intensivstationen für Patienten mit größeren Überlebenschancen“, sagte der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo schon vor einigen Tagen. Diese Patienten kommen in der Regel direkt in die Palliativ-Medizin, also in die Abteilung der Sterbenden.

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