Kurdische Sorgen

Der Streit um die Stadt Kirkuk könnte Konflikte auslösen

Von KARL GROBE (FRANKFURT A. M.)

Kirkuk - das ist der Stein des Anstoßes, die Stadt, die drei Völkern wichtig ist. Sie kämpfen darum, mit Worten und Entschließungen. Kurden, Turkmenen und Araber wollen ihre Rechte sichern, aber diese Rechte stammen aus verschiedenen Zeitabschnitten der irakischen Geschichte.

Nach den letzten demographischen Daten, die aus der Saddam-Hussein-Zeit stammen, leben - je nach statistischer Quelle - 420 000 oder 700 000 Menschen dort, "überwiegend Araber", wie es wiederum übereinstimmend heißt. Falsch, antworten die kurdischen Vertreter und verweisen auf früher. Vor 50 Jahren hatte Kirkuk 120 593 Einwohner, "meistens Kurden", steht in der zeitgenössischen Encyclopaedia Britannica.

Kirkuk ist Zentrum des ältesten und immer noch sehr reichhaltigen Erdölgebiets in Irak. Das sollte in den 25 Jahren der Baath-Herrschaft unter fester zentraler Kontrolle sein. Deshalb mussten die Kurden weichen; Araber wurden systematisch dort angesiedelt. Es war eine bewusste Veränderung der demographischen Verhältnisse, und manche Kurden - und Turkmenen - nennen das eine ethnische Säuberung. Die Einrichtung der Provinz Tamim, zu der Kirkuk heute zählt, hat 1974 unter Saddam Hussein dafür gesorgt, dass die Kurden zur Minderheit in der Stadt und der ölreichen Region wurden.

Nasir Kamil al-Chaderchi, der Vertreter der Nationaldemokraten im Regierenden Rat, versuchte vorige Woche einen Ausweg zu finden. Mit den kurdischen Parteien verabredete er, die Frage offen zu halten. Eine Volkszählung müsse abgehalten werden, danach erst könne entschieden werden, ob Kirkuk zu einer autonomen kurdischen Region gehören könne oder nicht. Die Verhältnisse von 1968 und 1970 seien dabei zu berücksichtigen. "Wenn die Volkszählung eine kurdische Mehrheit ergibt, sollte Kirkuk mit der kurdischen Region verschmolzen werden. Das gilt auch umgekehrt", befand er.

Einspruch von turkmenischer Seite. Die Lehrerin Sondul Chapuk, ebenfalls von der Besatzungsmacht in den Regierenden Rat berufen, hält eine Föderation und die daraus folgende Zuordnung Kirkuks nur dann für akzeptabel, wenn "die Demographie der Region und die soziale Wirklichkeit der Stadt nicht verändert werden". Ein Drittel der Einwohner seien Turkmenen, schätzen deren Freunde; Kurden und Araber bezweifeln das und verweisen auf größere und ältere Zusammenhänge.

Die Rolle der Türkei

Die beiden großen kurdischen Parteien, Jalal Talabanis Patriotische Union (PUK) und Massud Barsanis Demokratische Partei (DPK), fürchten, die Türkei könne ihr oft bekundetes Interesse am Wohlergehen der Turkmenen zum Anlass einer politischen Intervention oder schlimmerer Einmischung nehmen. Die Türkei, das wissen sie, ist gegenüber einer funktionierenden kurdischen Selbstverwaltung höchst misstrauisch, weil das ein Beispiel setzen könnte für die Kurden in Südostanatolien.

Die seit 1991 bestehende und von den Alliierten geschützte kurdische Autonomie hat nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen PUK und DPK schließlich demokratischere Verhältnisse geschaffen, als sie sonst in Iraks jüngster Geschichte bestanden haben. Das entscheidende Merkmal ist aber die territoriale Aufteilung in PUK- und DPK-Regionen; die kleineren Parteien spielen kaum eine Rolle, und die Einigkeit der beiden großen auf ihre Führerfiguren ausgerichteten Parteien erschöpft sich beinahe in der Verteidigung der Autonomie. Unter Saddam, sagte Barsani dem Londoner Independent, habe es mehr Autonomie gegeben, als die Besatzungsverwaltung vorsieht. Das ist ein Warnzeichen. Kirkuk kann der Auslöser der nächsten Konflikt-Runde werden.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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