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Politische Nachrichten sind inzwischen ein Reizthema.

Türkei-Angriffe

Kurden in Deutschland: Vielsagendes Schweigen

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Kurden und Türken leben in Köln meist friedlich zusammen – außer, es geht um Krieg. Dann reden sie lieber nicht mehr miteinander, „weil wir sonst schreien würden“.

Meine Kollegen sind Kurden, ich bin Türke, wir sind alle Menschen, oder?“ Bilen, Verkäufer in der Nimet-Backstube auf der Kalker Hauptstraße, sagt, was viele sagen. Neben ihm steht ein kurdischer Kollege und schweigt. In dem Laden, so der Verkäufer, werde nicht über Politik gesprochen, und auch nicht über Religion. „Mir ist egal, woher jemand kommt oder wen er anbetet. Leider denken nicht alle Menschen so.“

In einer kleinen Ditib-Moschee in der Vietorstraße warten Jugendliche auf den Beginn des Koranunterrichts. Die Religionslehrerin ist von der Frage nach dem Zusammenleben von Kurden und Türken in Köln irritiert. „Ich bin halb kurdisch, halb türkisch, so wie viele hier“, sagt sie. „Zu uns kommen Kurden, Türken, Araber, Mazedonier und Menschen aus vielen anderen Ländern und Kulturen. Jeder ist hier willkommen. Was gerade in Syrien passiert, stört die Beziehungen der Menschen in Köln nicht.“

Zu der Frage, ob sie es gutheiße, dass staatliche Verbände wie die Ditib in ihren Moscheen für türkische Soldaten beten ließen, sagt die Lehrerin nichts. „Wir reden hier über Kultur und Religion, das hat mit Politik nichts zu tun“, sagt sie mit Nachdruck. Fast jeder kurdisch- oder türkischstämmige Kölner gibt höflich Antwort, wenn man ihn fragt. Der Kalker Friseur, ein kurdischstämmiger Iraker, der vor Saddam Hussein floh, sagt: „Man ist nett zueinander und schont sich. Natürlich bin ich kein Erdogan-Freund. Aber ich würde es öffentlich nicht sagen.“ Der Kellner eines kurdischen Restaurants sagt: „Wissen Sie, es ist alles ein riesengroßer Mist: Wir schweigen uns an. Dabei wollen wir am liebsten schreien. Nicht nur wegen Erdogan: Auch weil alle – auch Deutschland! – die Kurden im Stich lassen. Wir werden aber kämpfen. Der Angriff der Türken vereint zumindest die Kurden.“

Mustafa Nabaz, kurdischer Besitzer des Restaurants Saana auf der Kalker Hauptstraße, antwortet: „Bei mir arbeiten Türken und Kurden. Ich sage ihnen, dass sie bei der Arbeit nicht über Politik sprechen sollen. Es ist nicht gut. Es ist besser, nichts zu sagen.“

Geschwiegen wird freilich auch dann, wenn gesprochen wird. Im türkischen Café Beyoglu am Eigelstein werden seit einigen Monaten keine politischen Nachrichten mehr gezeigt – „aus Respekt, und auch, weil hier keiner will, dass die Emotionen hochkochen“, sagt ein Stammgast. Kurden aus Syrien, dem Irak, Iran und der Türkei sitzen mit Erdogan-Anhängern an einem Tisch – einigen können sie sich manchmal darauf, dass sie sich vom Westen im Stich gelassen fühlen.

Manchmal schweigen die Menschen auch aus Angst. Worte können gefährlich sein, weil man die Ehre des Nachbarn, der Freundin, des Kunden verletzen könnte – aber auch, weil man „Verwandte in der Türkei hat und weiterhin dorthin reisen will“, wie Ciler Firtina sagt. Firtina ist Kurdin und mit einem Türken verheiratet, aber darum gehe es nicht: „Die nationale oder ethnische Zugehörigkeit sagt nichts aus. Es geht um Menschenrechte und um Frieden.“ „Es ist bitter, dass viele Menschen auch in Deutschland nicht mehr miteinander sprechen. Dass viele aus Angst, Überforderung oder einfach, weil es zu kompliziert ist, schweigen.“

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