Otero Alcántara wurde bereits mehrmals festgenommen, kam aber immer wieder frei – bis jetzt.
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Otero Alcántara wurde bereits mehrmals festgenommen, kam aber immer wieder frei – bis jetzt.

Kuba

Kunst in Ketten

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
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Der Kubaner Luis Manuel Otero Alcántara provoziert mit seinen Aktionen die Regierung. Jetzt bangt er um seine Freiheit.

Luis Manuel Otero Alcántara liebt die Provokation. Und er liebt sie besonders mit der kubanischen Flagge. Der Installations- und Performance-Künstler legt sich das blau-weiße Banner mit dem roten Stern gerne über die Schulter und lässt sich dann auf der Toilette sitzend ablichten oder dreht Selfie-Videos in einem Sex-Shop.

Und das sehr zum Ärger der kommunistischen Regierung: Der Künstler, Gründer des Kollektivs San Isidro, will mit seinen Aktionen die Konzepte von Nation, Heimat und Identität hinterfragen und gegen die Beschränkung der Kunstfreiheit auf der Insel protestieren. Seit 2018 ist das umstrittene „Dekret 349“ in Kraft, das die Künstler verpflichtet, sich für eine öffentliche Installation oder Performance die Erlaubnis der Behörden einzuholen.

Für die Führung der Karibikinsel sind die Aktionen des 32-Jährigen schlicht „Schändung“ der Nationalflagge und als solche verboten. Aber erfüllen Oteros Installationen wirklich diesen Straftatbestand? Oder sind sie nur eine radikale Ausprägung der Kunstfreiheit?

„Während der vergangenen 30 Monate ist Otero Alcántara 32 Mal Opfer von Einschüchterungen durch staatliche Organe geworden“, schreibt die Menschenrechtsorganisation Cubalex. „Darunter waren 27 Festnahmen, einige unter Einsatz von Gewalt.“ Meistens sei der Künstler nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gekommen.

Aber anscheinend haben die Behörden jetzt genug von seinen Ideen. Anfang März nahmen sie den Aktivisten vor seinem Haus fest - da war er gerade auf dem Weg zu einem Protest gegen die Zensur eines Films, in dem sich zwei Männer küssen. Seither sitzt der Künstler im Gefängnis. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Die Justiz hatte für Mittwoch den ersten Prozesstag angesetzt, dann aber kurzfristig auf unbestimmte Zeit verschoben. Vermutlich fürchtet die Regierung große nationale und internationale Aufmerksamkeit. Denn das Kollektiv San Isidro hatte zu Protesten vor dem Gericht in Havanna aufgerufen und zuvor mehr als 2500 Unterschriften für die Freilassung des Aktivisten gesammelt.

Zudem hat die Festnahme Oteros auch eine bisher nicht gekannte Solidaritätswelle ausgelöst. Nicht nur die oppositionelle Kunstszene Kubas und die Kulturschaffenden im Exil kritisieren sie hart. Auch die regierungsnahe Kunstszene äußert ihr Unverständnis.

So haben zum Beispiel der Maler Alexis Leiva Machado alias „Kcho“, einst ein Freund von Fidel Castro, der Regisseur Eduardo del Llano und der Liedermacher Silvio Rodríguez ihre Stimme erhoben. Besonders Rodríguez wurde in seinem Blog „Segunda Cita“ deutlich: „Ich denke, das Land hat genügend Probleme mit seinen zerstörerischen Feinden und den Dingen, die nicht funktionieren.“ Da müsse man nicht „alle fünf Minuten einen Skandal über Freiheiten“ vom Zaun brechen.

Die bekannte oppositionelle Journalistin Yoani Sánchez geht noch einen Schritt weiter und vergleicht die Verfolgung von Otero Alcántara mit dem „Schwarzen Frühling“ von 2003. Damals ließ die Regierung im Schatten des Irak-Kriegs 75 Oppositionelle inhaftieren und zum Teil zu langen Haftstrafen verurteilen. „Und in diesem März werden die Daumenschrauben angezogen, während die internationalen Medien ihre Aufmerksamkeit dem Coronavirus widmen“, schreibt Sánchez in ihrem Blog „Generación Y“.

Otero Alcántara habe sich laut Sánchez „zum Dorn im Auge“ der „verhärteten kubanischen Regierung“ verwandelt. Denn er sei in seiner kritischen Kunst „themenübergreifend“. Er verarbeite in seinen Installationen die „LGBT-Problematik, den Tierschutz, urbane Musik, alternative Literatur, das Verhältnis zwischen den USA und Kuba sowie die Forderungen der Dissidenten und den Schmerz des Exils“. Kurzum alles, was die Führung in Havanna gerne zensiert.

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