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Kulturkampf ohne Gnade

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Von: Peter Rutkowski

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Ein ukrainischer Soldat sichert den Besuch der deutschen Staatsministerin für Kultur und Medien Roth (Bündnis 90/Die Grünen) bei ihrem Besuch der Altstadt der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Foto: Kay Nietfeld/dpa.
Ein ukrainischer Soldat sichert den Besuch der deutschen Staatsministerin für Kultur und Medien Roth (Bündnis 90/Die Grünen) bei ihrem Besuch der Altstadt der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Foto: Kay Nietfeld/dpa. © dpa

Claudia Roth setzt in Odessa ein Zeichen gegen Putin: Als deutsche Kulturstaatsministerin verurteilt die Grünen-Politikerin der systematische Zerstörung ukrainischer Kulturgüter durch Russland.

Claudia Roth brachte es wieder mal auf den Punkt: „Dieser Krieg ist auch ein Krieg gegen die Kultur, gegen die Kultur der Demokratie.“ So was Griffiges lässt sich oft schnell dahinsagen und ist auch dazu gedacht, nach einem kurzen guten Gefühl schnell wieder vergessen zu werden. Aber am 104. Tag des Krieges in der Ukraine kann es kein Vergessen mehr geben. (Im Übrigen auch kein Vergeben – siehe nebenstehendes Interview).

Roth war am Dienstag in ihrer offiziellen Funktion als deutsche Kulturstaatsministerin auf Besuch in der bedrohten Schwarzmeer-Stadt Odessa. Und als höchste kulturpolitische Vertreterin Deutschlands war es ihr ein Anliegen, auf die nachgerade systematische Zerstörung ukrainischer Kulturgüter und -einrichtungen seit Beginn des russischen Überfalls hinzuweisen: mindestens 375 beschädigt oder zerstört, 137 Kirchen noch obendrauf. „Da wird deutlich: Es geht darum, die kulturelle Identität der Ukraine anzugreifen.“

Das ist auch schon seit lange vor der Invasion das erklärte Ziel von Wladimir Putin und seinen Gleichgesinnten aus den Reihen des großrussischen Imperialismus oder des faschistischen Panslawismus: Sie alle erkennen die schiere Existenz der Ukraine nicht an. Und also solche – so die mörderische Logik – kann man mit Artillerie, Fliegern oder Kalaschnikows weder ukrainische Kultur noch ukrainische Menschen treffen. Denn die gibt es nicht. Es gibt nur Russen, die befreit werden müssen.

Die Grüne Roth wollte mit ihrem Besuch genau dagegen ein Zeichen setzen, „indem wir die Nominierung der Altstadt Odessas unterstützen als Welterbe-Stadt“. Man muss sich so einen Satz im Herzen bewegen, wenn es daneben einen Grundsatz von Putin gibt, wonach eine Welt ohne Russland keine sei, die zu existieren brauche. Viele Menschen, die sich vor dem 24. Februar nichts dachten beim Nachbarn Russland, werden heute eine Welt ohne ihn für lebenswerter halten. So wie die, die aus Sjewjerodonezk flüchten mussten, wo sich am Dienstag die Kämpfe wieder intensivierten, ohne dass eine Seite relevante Geländegewinne verzeichnete. Mit anderen Worten: Sjewjerodonezk wird nach Charkiw und Mariupol zur nächsten Trümmerwüste. Die Kultur, die eine über Jahrhunderte gewachsene Stadt darstellt, wird zerstört.

Dass in der Umgebung der Stadt die Ukrainer russische Truppen zurückwerfen konnten, macht die verheerende Zerstörung einer Kultur nicht ungeschehen. Sie gibt höchstens Hoffnung auf den Wiederaufbau.

Hoffnungzeichen kommen derzeit auch von anderen Frontabschnitten: Bei Charkiw und Bachmut kommen die Russen nicht weiter voran. Und die ukrainische Marine meldet sich auch wieder zurück: Laut dem US-amerikanischen Institute for The Study of War hat sie den Gegner von einigen Küstenabschnitten um rund 100 Kilometer verdrängt – also teilweise außer Schussweite – und so dort für mehr Sicherheit gesorgt. mit dpa

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