Während Hollywoods Kinos wegen Corona lange geschlossen hatten, sind die ersten Filmproduktionen mit der Pandemie zum Thema schon angelaufen. Foto: Mark Ralston/ AFP
+
Während Hollywoods Kinos wegen Corona lange geschlossen hatten, sind die ersten Filmproduktionen mit der Pandemie zum Thema schon angelaufen.

Folgen der Pandemie

Die kulturelle Welle

  • vonImre Grimm
    schließen

Die Coronakrise ist noch gar nicht vorbei, aber die gesellschaftliche Verarbeitung hat begonnen: Buchverlage, Film- und Fernsehmacher kennen nur noch ein Thema.

Er stand im Fahrstuhl, und es war eng. Sehr eng. Auf seinem Smartphone las Mostafa Keshvari verstörende Nachrichten: In China sei ein seltsames Virus ausgebrochen, las der kanadische Filmemacher. Und auch hier, in Vancouver, bekämen asiatisch aussehende Menschen rassistische Anfeindungen zu spüren. In Keshvari keimte ein düsterer Gedanke: Wenn jetzt einer von uns hier in diesem Aufzug das Virus in sich trüge, dann wär’s das. Es war Januar. Aus der Idee wurde ein Drehbuch, aus dem Drehbuch ein beklemmendes Kammerspiel. Und nur wenige Wochen später, am 8. März, war der Film fertig. Der Titel „Corona: Fear is a Virus“. Eine schwangere Frau, ein im Rollstuhl sitzender Nazi mit Hakenkreuztattoo auf der Stirn, ein Geschäftsmann und eine hustende Chinesin stecken in einem Aufzug fest. Das Licht geht aus. Panik breitet sich aus.

Keshvari wird die Ehre zuteil, den ersten Spielfilm zur Corona-Krise gedreht zu haben – noch vor dem globalen Lockdown. „Es ist ein Film über Ängste, die real werden“, sagte er dem Magazin „The Hollywood Reporter“. Sein Low-Budget-Schnellschuss ist nur der Auftakt zu einer gewaltigen Flut von Büchern, Filmen, Serien, Sonderheften, die die Pandemie künstlerisch aufarbeiten und erste Bilanz ziehen. Sollte der Welt eine zweite Welle der Pandemie erspart bleiben – die kulturelle Welle wird niemanden verschonen. Und sie rollt mit Macht heran. Allein die größten deutschen Verlage planen nach einer Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) für den Sommer und Herbst mindestens 54 Buchprojekte zum Thema Corona.

Bilanz? Sind wir nicht noch mittendrin? Jetzt schon mit der kulturellen Verarbeitung zu beginnen – ist das nicht, als schriebe man mit 17 Jahren seine Autobiografie? Aber die moderne Medienwelt verlangt nach immer zügigerer Analyse. Der Reflektionszeitraum zwischen einem Weltereignis selbst und seiner gesellschaftlichen Aufarbeitung und Einordnung geht im digitalen Zeitalter gegen null. Parallel zum Strom der Nachrichten läuft ein kommentierender Dauerdiskurs. Und der gebiert massenhaft Corona-Werke in Echtzeit. Der erste deutsche Band, der Corona bilanzierte („Neustart: 15 Lehren aus der Corona-Krise“), erschien bereits am 1. März. Da gab es hierzulande gerade 57 Infizierte und null Tote.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 brauchte Hollywood fünf Jahre bis zum ersten großen Kinofilm zum Thema: „United 93“. Damals diskutierten die USA heftig, ob es angesichts der noch frischen Wunde moralisch zu rechtfertigen sei, gegen Geld das Leid der Opfer auszustellen. Und jetzt? Sind es kaum fünf Wochen. Schon Ende Juni wollte Actionspezialist Michael Bay („Pearl Harbor“, „Transformers“) mit den Dreharbeiten zu „Songbird“ beginnen – die Schauspielergewerkschaft „Screen Actors Guild“ hat die Arbeit am Set wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen gestoppt. Der Thriller spielt zwei Jahre in der Zukunft in den menschenleeren Straßen von Los Angeles: Das Virus ist noch da, der Lockdown gilt weiter, es geht um die Angst vor einer Regierungsverschwörung und um die wachsende Paranoia.

Und es ist ja auch ein blendender Filmstoff. Roland-Emmerich-Filme beginnen genau so wie die Corona-Krise damals, im Februar 2020, der sich so unendlich weit weg anfühlt. Ein Nachrichtensprecher sagt, Frankreich habe alle Schulen geschlossen. Das Bild flackert. Schnitt. Die deutsche Kanzlerin blickt ernst und rät dazu, Kontakte zu vermeiden. Schnitt. Spielende Kinder im Kindergarten, eine Erzieherin hustet, Tröpfchen fliegen in Zeitlupe ins Licht der Sonne. Schnitt. Ein Pizzabäcker wuchtet Mehlsäcke aus dem Kofferraum seines Kombis. Er blickt zum Himmel auf, so als lauere dort das Böse. Schnitt. Kameraschwenk durch ein leeres Theater, ein Programmzettel flattert in den Gang. Schnitt. Unruhige Hunde in einem Zwinger bellen die Luft an. Hunde gehen immer. Schnitt. Zwei Forscher im Labor, Reagenzgläser in den Händen, der eine blickt den anderen an, ein Schweißtropfen auf seiner Stirn fällt in eine Petrischale. Schnitt.

Mindestens fünf weitere Filmprojekte sind in Arbeit, darunter „Lockdown“ von Regisseur Tom Hewitt („Garfield – Der Film“) und das spleenig-schrille Trash-Gemetzel „Corona Zombies“, in dem ein mutiertes Virus Menschen in blutsaugende Untote verwandelt. Auch der Streamingdienst Amazon Prime Video rechnet mit großem Interesse an Corona-Stoffen. „Die Pandemie ist ein Moment der Zeitgeschichte, der alle betrifft“, sagt Sprecher Michael Ostermeier. „Es herrscht sicher ein großes Interesse beim Publikum, Themen im Umfeld der Krise über Film und Serie behandelt zu sehen.“

Das Problem ist: Um mit der Realität mitzuhalten, muss die Fiktion übertreiben. Aber was, wenn die Realität bereits massiv übertreibt? Es ist das Trump-Paradoxon: Je absurder die Wirklichkeit, desto chancenloser die Parodie. Corona ist größer, als es jede Nacherzählung jemals sein könnte. Und doch braucht eine Gesellschaft eine solche kulturelle Katharsis, um die massiven Traumata und Veränderungen, die mit einer solchen Zäsur der Welt einhergehen, verarbeiten zu können. Kunst wirkt als „Vermittlerin des Unaussprechlichen“ (Goethe), sie ist in ihren gelungenen Momenten sinnstiftend, und zwar nicht nur auf der Ebene der höheren Literatur. „Nur durch extreme Spiegel kann ein jeder sich im Verlorenen wiederfinden“, hat der Bildhauer Till David Trillsam mal gesagt.

„Ich glaube, dass sich vor allem die massiven Verwerfungen durch die wirtschaftlichen Folgen auf die Stoffe auswirken werden“, sagt Christian Granderath, Fernsehfilmchef beim NDR – „vielleicht mehr als die Krankheit selbst“. Schon jetzt irritiert es als Zuschauer massiv, wenn sich die Protagonisten in älteren Produktionen umhalsen und küssen oder FBI-Ermittler sich durch Menschenmassen drängeln. Werden die Spielfilme und Serien der Zukunft also in einer Corona-Welt spielen? Werden „Tatort“-Finsterlinge eher zum Revolver greifen als zum Messer, um beim Morden die Abstandsregeln einzuhalten? Gehen die wechselnden Turteltauben in der Seifenoper „Rote Rosen“ auf Distanz? „Das wird eine echte Herausforderung“, sagt Granderath. Er setzte auf eine „Klaviatur von filmischen Tricks, die Nähe simulieren“. Im Kern aber wollten Zuschauer das sehen, wovon sie träumten. „Und sie träumen davon, in den Arm genommen und getröstet zu werden.“

Aber könnte es nicht auch sein, dass das Publikum in dem Moment, in dem das Virus seinen Klammergriff lockert, von dem alles beherrschenden Thema bitte nichts mehr wissen will? Dass sich im Herbst also die Regale biegen unter der Last unverkaufter Corona-Literatur? „Das Thema Corona wird so umfänglich an das Publikum herangetragen, dass man sich fragen darf, ob es nicht irgendwann eine Übersättigung gibt“, sagt auch Simon Decot, Vorstand Programm bei Bastei Lübbe. „Aber wie immer gilt im Buchmarkt: Wenn ein Text zu einem aktuellen Thema einen nachhaltigen Mehrwert bietet, dann taugt er auch mit der Verzögerung, die ein Buch nun mal mit sich bringt, zum Buchprojekt.“

Literatur diene „immer auch der Verarbeitung von Wirklichkeit, im Kinderbuch vielleicht im besonderen Maße“, heißt es auch beim Carlsen-Verlag. „Daher schätzen wir das Interesse groß ein“ – etwa für das Pixi-Buch „Corona und der Elefantenabstand“ („Bei Selma ist jetzt alles anders …“) oder für die unverwüstliche Kinderbuchheldin Conni in „Conni macht Mut in Zeiten von Corona“. Bei den Kinderbüchern reicht die Bandbreite vom Bilderbuch („Fred Frosch und das Coronavirus“) über ein Fingerspiel-Hygienebuch („Händewaschen – ich mach mit!“) und die Familienerzählung („Wir sehen jetzt alle aus wie Räuber“) bis zum modernen Märchen („Prinzessin Corona und ihre fantastische Reise zum Wir“), in dem die Königstochter Corona für ein achtsames Leben wirbt.

Aber es sind vor allem Sachbücher zu Corona, die auf den Markt drängen. Von Fang Fangs gerade erschienenem „Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“ (Hoffmann und Campe) bis zu Cordt Schnibben und David Schravens akribisch recherchierter Schreckenschronik „Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens“ (19. Juni). Das ist mal pessimistisch wie in „Shutdown“ („Warum das Zeitalter der Killervirus-Pandemien angebrochen ist“) oder faktenorientiert wie im Ratgeber „33 Fragen und Antworten: Coronavirus“ (Piper). Noch offen ist, welchem Verlag es gelingt, einen Starvirologen wie Christian Drosten für ein Buchprojekt zu gewinnen. Der Verlag C. H. Beck spricht darüber aktuell „mit mehreren“ Experten, auch der S.-Fischer-Verlag und Bastei Lübbe melden: „Wir sind im Gespräch.“

Und in der Belletristik? „Wer sich gut unterhalten möchte, der wird ganz froh sein, wenn es mal nicht um Corona geht“, sagt Decot von Bastei Lübbe. Trotzdem erscheinen auch diverse Corona-Romane – von der Liebesschmonzette („Luisas Tanz: Eine Liebe in Zeiten von Corona“) bis zur twitternden Seniorin Renate Bergmann, hinter der sich der Autor Torsten Rohde verbirgt. Der vierzehnte Band seiner „Online-Omi“-Reihe („Dann bleiben wir eben zu Hause – Mit der Online-Omi durch die Krise“) ist bereits ein Bestseller.

Hinter der anschwellenden Flut der Corona-Bücher dürfte auch die Ungeduld stecken, mit der mentalen Verarbeitung schnell zu beginnen, um die Leidenszeit zu verkürzen. Denn jedes Buch, das eine Welt nach Corona beschreibt, wirkt seelisch entlastend, weil es als Indiz dafür taugt, dass das Schlimmste geschafft ist.

Auf bessere Zeiten hofft etwa Matthias Horx in „Die Zukunft nach Corona“. Er träumt von einem umfassenden Kulturwandel, der die Welt ergreift. Deutlich vorsichtiger ist der italienische Physiker und Bestsellerautor Paolo Giordano, dessen Buch „In Zeiten der Ansteckung“ ein präzises Psychogramm der Krise ist. „Ich habe keine Angst davor zu erkranken“, schreibt er. „Ich habe Angst davor zu entdecken, dass das Gerüst der Zivilisation, so wie ich sie kenne, ein Kartenhaus ist.“

Mehr zum Thema

Kommentare