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"Demonstration der Macht der Mächtigen": In Berlin läuft die halbe Stadtregierung beim großen Zug der Gewerkschaften mit.

Tag der Arbeit

Die Kultur des Protestes

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Der 1. Mai ist eine Institution ? und muss als solche stets aufs Neue hinterfragt werden.

Wir nannten es „Revolte“. Wer das Wort heute bei Google eingibt, der stößt auf folgende Definition: „ein mit gewaltsamen Handlungen verbundener Aufstand einer Gruppe von Personen gegen ihre Beherrscher, Bewacher o. Ä.“; „die Revolte von Häftlingen in einem Gefängnis“. Ich kann mich nicht erinnern, damals in ein Wörterbuch gesehen zu haben. Wer ist das „Wir“? Was ist mit „damals“ gemeint? Mit „wir“ meine ich die kleine Gruppe des Frankfurter SDS, zu der ich „damals“ – 1968 – gehörte.

Revolte erschien uns – wenn ich mich recht erinnere – aus drei Gründen der richtige Begriff. Erstens schwang in dem Wort Revolution mit, gleichzeitig aber auch die Feststellung, dass es keine war. Zweitens: Aus Revolten konnten Revolutionen werden. Noch wichtiger aber war, revoltieren konnte jeder. Man musste keine Massen in Bewegung setzen, um sich aufzulehnen. Die Revolte konnte überall beginnen: in der Familie, in der Schule, in der Ehe. „Es ist die Pflicht eines Revolutionärs, die Revolution zu machen“, stand riesig auf einem Transparent hinter den Rednern des Berliner Vietnamkongresses.

1968: Lust an der Revolte

Das war genau die falsche Parole. 1968 war keine Inszenierung von Berufsrevolutionären. Es gab keine Pflicht, die Revolution zu machen. Es gab die Lust an der und auf die Revolte. Zwei Jahre später sah alles schon ganz anders aus. Es wimmelte plötzlich von Berufsrevolutionären und solchen, die sich dafür hielten oder doch größten Wert darauf legten, dafür gehalten zu werden. Die Revolte war nur noch etwas wert, wenn sie eine war auf dem Weg zur Revolution. Jedenfalls in den Augen von wohl um die einhunderttausend oder gar noch mehr Menschen, die kurz davor noch eines jeden Recht auf Revolte, gegen was immer ihn oder sie – und sei es auch nur vermeintlich – bedrückte, vehement propagiert hatten.

Einerseits. Andererseits gab es – niemand hat sie gezählt –, aber doch wohl ein Vielfaches der in „revolutionären“ Gruppen Organisierten, die weiter revoltierten. Als Einzelne, als kleine Gruppen. Es gab sogar ein „Sozialistisches Büro“, das sich nicht frei von Selbstironie so benannt hatte, um zu signalisieren, dass es sich die Aufgabe gegeben hatte, die unterschiedlichsten Aktivitäten an den unterschiedlichsten Orten der Gesellschaft zu unterstützen. 

Die Demonstrationen zum 1. Mai waren die Orte, an denen die Gruppen ihre Heerscharen zählten. Manche waren sowohl auf den Gewerkschaftskundgebungen als auch auf den unabhängigen Veranstaltungen. Fahnen wurden geschwenkt, Sprechchöre erklangen, Megaphone wurden angeworfen. Es gab Rednerlisten, um die bei den Vorbereitungen tage- und nächtelang erbittert gekämpft worden war, die dann aber oft vor Ort umgeworfen wurden. „Revolutionäre 1.Mai-Demonstrationen“ gab es damals in jeder größeren Stadt der Bundesrepublik, sie waren noch nicht nächtliche Kreuzberger Randale-Folklore. Aber sie waren natürlich auch in den siebziger Jahren nicht „revolutionär“. Sie waren eine Minderheitenveranstaltung, die die Mehrheit der Bundesrepublikaner eher wie einen Gruselfilm betrachtete. Mit ihrer Realität hatten diese Revolutionsmaskeraden nichts zu tun. 

In den Jahren danach gab es den Marsch durch die Institutionen und die immer schwächer werdende Angst vor ihm. In den 80er Jahren regierten in den USA Ronald Reagan, in Großbritannien Margaret Thatcher und in der Bundesrepublik Helmut Kohl. Eine Epoche, die Schluss machen wollte mit dem Aufruhr der 60er und der 70er Jahre. Das gelang, was die Schalthebel der Macht anging, bestens. Gleichzeitig aber entwickelte sich jedenfalls in Deutschland etwas, das es hier zuvor kaum gegeben hatte: eine Protestkultur.

Das Verständnis also dafür, dass die Möglichkeit des Protests nicht nur zur Demokratie gehört, sondern dass der Protest erst Demokratie generiert. Und nicht nur das: Ein System ist schon aus Selbsterhaltungsinteresse auf den Protest angewiesen. 1990 veröffentlichte V.S. Naipaul sein Buch „India: A Million Mutinies Now“. Es bilanzierte seine jüngsten Indienreisen, auf denen er sich und seinen Gesprächspartnern die Frage gestellt hatte, warum es in Indien zu keinem großen Aufstand komme. Naipauls Antwort: Weil es Millionen Aufstände gibt. Die Vielfältigkeit der Proteste summiere sich nicht in einem einzigen großen, in einer Revolution, sondern in kleinen Schritten von Millionen von Individuen, von Zehntausenden Dörfern, Tausenden Institutionen. Nichts anderes passierte damals in Deutschland. Natürlich in viel kleinerem Maßstab. Die Protestkultur der 80er Jahre gab es auf beiden Seiten der Mauer. Sie war ein Mauerspringer – in beide Richtungen.

In der Bundesrepublik war die Kohlherrschaft so weit erodiert, dass es aller Anstrengung des damaligen stellvertretenden SPD-Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine bedurfte, Kohl die Kanzlerschaft zu retten. Lafontaine versuchte, den Zuzug von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik zu verhindern. Er war einer der eloquentesten Gegner einer raschen Wiedervereinigung. Nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus politischen Gründen. Er warnte vor einem Wiedererstarken der Nationalstaatsidee. Die Protestkultur der DDR wischte – unterstützt von Gorbatschow – ihn und mit ihm die SPD für fast ein ganzes weiteres Jahrzehnt beiseite.

Zur deutschen Protestkultur gehört seit dem „Wir sind ein Volk“ das Nationale wieder dazu. Das ist natürlich nicht richtig. Die Proteste von rechts haben die Geschichte der Bundesrepublik von Anfang an begleitet. Sie waren auch fast immer erfolgreicher als die von links. Die erst 1964 gegründete NPD zog schon 1966 in die Landesparlamente von Hessen und Bayern ein, 1967 in die von Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Vor fast genau fünfzig Jahren, am 28. April 1968, erhielt die NPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg 381.569 Stimmen. Das waren 9,82 Prozent. Undenkbar, dass damals die linke außerparlamentarische Opposition (APO) irgendwo auch nur annähernd ähnlich viele Anhänger hatte.

Die Behauptung, früher sei der Protest links gewesen und heute sei er rechts, ist wohl falsch. Man hat allerdings lange nur den linken Protest auch Protest genannt. 

Das war allerdings schon immer falsch. So übersah man gerne, wie nahe die beiden Protestbewegungen an den Extremen sich manchmal kamen. 1970 war die KPD-AO (Aufbauorganisation) gegründet worden, 1972 in den USA die NSDAP-AO. Einer der bekanntesten Neo-Nazis der Bundesrepublik, Michael Kühnen (1955-1991), war zuvor bei der maoistischen KPD gewesen – eben der, die ihre Karriere als KPD-AO begonnen hatte. 

Der 1. Mai gehört mal zur Protestkultur und mal ist er Demonstration der Macht der Mächtigen. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Institutionen, die mehr als einhundert Jahre hinter sich und sich über den ganzen Erdball verbreitet haben. Und wie andere auch generiert er Parodisten und Trittbrettfahrer. 

Der Wutbürger entlädt sich

Während ich diesen Artikel schreibe, bewegt sich in Berlin vom Karl-Marx-Platz zum Hermannplatz die linksradikale Demonstration des „Jugendwiderstands“. In der Einleitung zur Demonstration heißt es: „Der heroische und gerechte Kampf des palästinensischen Volkes arabischer Nation gegen den Zionismus ist ein fester Bestandteil des internationalistischen Kampfs um Befreiung und immer präsent in den Herzen all jener, die wirklich gegen den Imperialismus und Unterdrückung sind.“ Im Bleichröderpark in Pankow hält die AfD ein 1.Mai-Fest ab, um das herum drei Gegendemonstrationen sich gebildet haben. Die DGB-Kundgebung am Brandenburger Tor geht ihrem Ende entgegen. Das Kreuzberger Myfest, das 2003 als pazifizierende Maßnahme gegen die alljährliche 1.Mai-Randale eingerichtet wurde, hat gerade begonnen. 5300 Polizeibeamte haben sich für die wohl dennoch heute Nacht stattfindende gewalttätige Auseinandersetzungen gerüstet. 

Was ist eine Revolte? „Ein mit gewaltsamen Handlungen verbundener Aufstand einer Gruppe von Personen gegen ihre Beherrscher“. Gewaltsam – das hätten wir 1968 gut gefunden. Inzwischen haben wir verstanden, dass die Gewalt eine Droge ist. Es ist wahrscheinlicher, dass sie einen im Griff hat als dass man sie im Griff hätte. 

So wie es Quartalssäufer gibt, so scheint es – neben den Krawalltouristen – auch Menschen zu geben, die den 1. Mai abwarten, um wieder einmal kräftig einzuschlagen: auf Supermärkte, Autos, Fensterscheiben, Polizisten und Passanten. In diesem Protest spielen rechts und links keine Rolle mehr. Hier entlädt sich der Wutbürger.

Ohne Protest keine Demokratie, aber er ist keine Heilige Kuh. Er muss kritisiert werden. So verführerisch die Naipaul’sche Idee ist, Millionen kleine Aufstände verhindern das Blutbad des einen großen, so sehen wir doch heute, dass das Indien, das Naipaul beschrieb, sich verwandelt hat und auf dem besten Wege ist, den schlechtesten zu gehen, nämlich ein Hindustaat zu werden. Es ist wieder mal höchste Zeit, die Gewalt, von Karl Marx „Kritik der Waffen“ genannt, der Waffe der Kritik zu unterwerfen. 

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