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Nennt sich Homeschooling: Mathematik im Klassenzimmer.

Kürzere Sommerferien?

Wie es nach dem langen Unterrichtsausfall weitergehen könnte

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Die Lehrergewerkschaft erwartet, dass der Unterricht über Ostern hinaus ausfällt - mit gravierenden Folgen. Und sie hat einen Vorschlag, um diese abzumildern.

Lehrergewerkschafter Udo Beckmann über geschlossene Schulen, Kinder, die beim Lernen zu Hause nicht unterstützt werden, und verkürzte Sommerferien.

Herr Beckmann, Sie mahnen, die Schließung der Schulen könne zu mehr Bildungsungerechtigkeit führen. Was treibt Sie da um?

Wir wissen, dass die Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler zu Hause sehr unterschiedlich sind. Meine Sorge ist, dass beim Bildungserfolg die Schere in Abhängigkeit vom Elternhaus noch weiter auseinandergeht.

Was heißt das konkret?

Kinder, die in einem Elternhaus leben, wo es wichtig ist, dass der Schulabschluss gut wird, das Abitur mit einer möglichst guten Note abgeschlossen wird, diese Kinder werden nun vielleicht von ihren Eltern selbst angeleitet und gefördert oder erhalten, wenn die Eltern sich das leisten können, privaten Nachhilfeunterricht. Auf der anderen Seite gibt es Kinder, bei denen die Eltern finanziell, psychisch oder auch aufgrund ihrer eigenen Bildung nicht in der Lage oder willens sind, ihre Kinder zu unterstützen. Das vergrößert in der aktuellen Lage die Lücke, die ohnehin da ist.

Welche Gruppen sind besonders gefährdet, abgehängt zu werden?

Wir haben mehr als eine halbe Million Kinder mit besonderem Förderbedarf in Deutschland, die brauchen ganz besonders die Unterstützung von ausgebildeten Pädagogen. Das können Eltern sicher kaum leisten. Darunter sind 100 000 Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsstörungen, die auch in der Schule eine besondere Herausforderung sind. Auch Kinder mit geistigen Einschränkungen brauchen diese besondere Unterstützung. Den Anschluss nicht so gut halten können wahrscheinlich auch Schülerinnen und Schüler aus Familien, in denen Deutsch nicht die Muttersprache ist. Hinzu kommt die ökonomische Situation in den Elternhäusern.

Wo wird die besonders bedeutsam?

Beckmann befürchtet, „dass beim Bildungserfolg die Schere in Abhängigkeit vom Elternhaus noch weiter auseinandergeht."

Viele Schulen und Lehrkräfte versuchen ja, die Schülerinnen und Schüler auf digitalem Weg mit Aufgaben zu versorgen. Aber längst nicht überall gibt es die dafür nötigen Geräte wie einen PC oder Laptop, Smartphones sind möglicherweise veraltet und wegen des kleinen Monitors nicht unbedingt tauglich. Manchmal fehlt in der Wohnung die WLAN-Ausstattung oder ein eigener, halbwegs ruhiger Arbeitsplatz. 2,4 Millionen Kinder leben in Verhältnissen, in denen sie von Armut bedroht sind.

Es gibt ja durchaus Eltern, die nicht in die von Ihnen beschriebenen Risikogruppen fallen, die aber zur Arbeit müssen oder zwar im Homeoffice sind, es aber kaum schaffen, neben Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung auch noch einen Ersatzunterricht auf die Beine zu stellen.

Auch dadurch können große Ungleichheiten entstehen, weil die einen vielleicht die Zeit für ihre Kinder aufbringen können, andere aber nicht. Es ist aber auch gar nicht Aufgabe der Eltern, Unterricht zu ersetzen. Es ist Aufgabe der Lehrkräfte, Kinder mit Aufgaben zu versorgen, die diese möglichst selbstständig lösen können.

Zur Person

Udo Beckmann (67) ist seit 2009 Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Er ist Lehrer für Grund- und Hauptschulen in den Fächern Physik, Mathematik und Biologie. Sein Referendariat absolvierte er an einer Kölner Hauptschule. Später leitete er in Dortmund eine Hauptschule in einem sozialen Brennpunkt.

Der VBE  hat 164.000 Mitglieder, vor allem Erzieherinnen und Lehrkräfte an Grund-, Haupt-, Real-, Förder- und Gesamtschulen. pgh

Und was ist die Aufgabe der Eltern?

Sie sollen die Kinder begleiten, ihnen eine Struktur geben, nicht gerade einen vollen Stundenplan, aber doch einen möglichst regelmäßigen Rhythmus über den Tag hin.

Wenn man Familien fragt, sind die Erfahrungen sehr unterschiedlich. Manche berichten von täglich neuen Aufgaben, der Möglichkeit, beim Lehrer Rückfragen zu stellen, manche nutzen Videochats oder gemeinsame Lernplattformen, um dem normalen Unterricht möglichst nahezukommen. Bei anderen gibt es ein liebloses DIN-A4-Blatt mit drei Aufgaben, die bis Ende der Osterferien erledigt werden sollen, das war es dann. Wie sollen Lehrer jetzt agieren, gerade mit Blick auf die gefährdeten Gruppen?

Die Voraussetzungen an den Schulen sind sehr verschieden. Die große Mehrheit der Lehrkräfte ist bemüht, Aufgaben zu stellen, die gut erledigt werden können. Rückmeldungen sollten möglich sein, wenn nicht per Video oder Mail dann eben via Telefon. Gerade jenen muss jetzt eine Unterstützung zukommen, die auch in der Schule diese Aufmerksamkeit benötigen.

Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller hat gesagt, drei Wochen ohne Schule plus Osterferien, das sei nicht so schlimm, man müsse sich deshalb noch keine Sorgen machen. Sehen Sie das auch so?

Diese drei Wochen führen nicht zur Bildungskatastrophe. Aber ich gehe nicht davon aus, dass es nach Ostern flächendeckende Schulöffnungen geben wird. Bestenfalls wird es möglich sein, den Unterricht für jene zu organisieren, die vor Prüfungen stehen. Wenn nun aber die Zeit der geschlossenen Schulen weitergeht, muss die Öffentlichkeit möglichst früh informiert werden. Die Kultusministerkonferenz der Länder muss deshalb bereits vor Beginn der Osterferien in einem Szenario darstellen, was geschieht, wenn wir diese Schulschließungen weiterführen müssen, und wie wir auffangen können, was dann versäumt wird.

Kann man das überhaupt auffangen? Ist es nicht schon die Bildungskatastrophe, wenn wir über Monate hinweg keinen geregelten Unterricht bieten?

Man muss beispielsweise darüber nachdenken, ob man die Sommerferien verkürzt, als eine Möglichkeit, Stoff aufzuholen. Für die Lehrkräfte wird es ohnehin eine Riesenherausforderung werden, die Unterschiedlichkeit der Entwicklungen durch die familiäre Situation oder die technische Ausstattung wieder einzufangen.

Kann man denn wenigstens nachrüsten, um die Zeit besser zu überbrücken, etwa durch die Ausstattung der Familien mit Geräten oder den Einsatz von gemeinsamen Lernplattformen, die mehr Kontakt und Austausch der Schüler untereinander und auch mit der Lehrkraft ermöglichen? Gerade auch, um die benachteiligten Familien nicht ganz abrutschen zu lassen.

Wir sind alle gefordert, dazu Lösungen zu finden. Wir müssen die nächsten Wochen für diese Nachrüsten nutzen, was die Lernplattformen angeht. Durch das Gerangel um den Digitalpakt haben wir zwei Jahre verloren, was uns jetzt besonders schmerzt. Ich bezweifle aber, dass es uns gelingt, alle Schülerinnen und Schüler auf den gleichen technischen Stand zu bringen. Wichtig ist, dass alle Angebote, die wir jetzt auf den Weg bringen, kostenlos sind, um die Lücke zwischen denen, die sich das leisten können, und denen, die das nicht können, nicht noch zu vergrößern.

Interview: Peter Hanack

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