+
Kehraus in Großbritannien: Downing Street No. 10 in London. 

Brexit-Satire

Die Küchenschabe als Premier

  • schließen

Autor Ian McEwan nimmt mit „The Cockroach“ Anleihen bei Franz Kafka: Eine Küchenschabe verwandelt sich in der Downing Street in den Regierungschef.

Von Kriegserklärung und Putsch, gar vom Bürgerkrieg und dem Tod der Demokratie redet die Opposition. Der so attackierte Premier Boris Johnson bezichtigt die Gegenseite prompt der Kapitulation vor der EU und des Verrats an der Brexit-Entscheidung, bezeichnet Morddrohungen gegen weibliche Unterhaus-Abgeordnete als Humbug. Der Generalstaatsanwalt im Kabinettsrang spricht dem „toten“ Parlament die moralische Existenzberechtigung ab – und das einen Tag, nachdem der Supreme Court das Regierungshandeln für ungesetzlich erklärt hat.

„Wir sollten mit unseren Äußerungen Maß halten, um die Spannungen nicht zu erhöhen“, argumentierte bereits im Frühjahr der Leiter der Koordinatorengruppe sämtlicher Polizeiführer im Land, Martin Hewitt. Doch Großbritanniens politische Debatte wird täglich giftiger, und wohlmeinende Appelle ändern nichts. Diese Woche war die Reihe an sämtlichen 118 anglikanischen Bischöfen: „Die Rhetorik ist unseres Landes unwürdig.“

Nun versucht es einer der prominentesten Autoren des Landes mit Satire. „Cockroach“, also Kakerlake, heißt die kleine Novelle von Ian McEwan, der mit Romanen wie „Abbitte“, „Saturday“ und „Kindeswohl“ Millionenauflagen erreicht hat. In Anlehnung an Franz Kafkas „Die Verwandlung“ sieht sich der Protagonist Jim Sams eines Tages in einen Menschen, genauer: in den Premierminister verwandelt. Lebte er als Küchenschabe zuvor stillvergnügt im Parlament, dem baufälligen, Asbestverseuchten Palast von Westminster, muss er nun mit dem „feuchten Fleischlappen in seinem Mund“ Worte formen und Entscheidungen treffen.

Statt um den EU-Austritt geht es bei Sams’ Regierungshandeln um die absurde ökonomische Lehre vom Reversalismus, der die zentrale Prämisse des Kapitalismus umkehrt: Arbeitnehmer bezahlen Arbeitnehmern, Läden geben Kunden zusätzlich zu ihrer Ware auch noch Geld. Dies alles haben die Küchenschaben erdacht, um im Chaos und Unrat der früher oder später zusammenbrechenden Gesellschaft besser leben zu können.

Das Büchlein kommt bei Literaturkritikern wie Politikbeobachtern gleichermaßen schlecht an. „Ein überlanger Witz“, mault „The Telegraph“, dem ein Hauch von Selbstgefälligkeit anhafte. „Viele offene Fragen“ hat der „Guardian“ entdeckt, und die „Financial Times“ sieht den Autoren als Vertreter der arroganten Verachtung und der Unfähigkeit zum Verständnis gegenüber jener Hälfte der Bevölkerung, „denen die Vernunft fehlt, mit McEwan übereinzustimmen“. Ob der 71-Jährige nicht Teil der vergifteten politischen Debatte sei, muss sich McEwan von der BBC fragen lassen. Schließlich habe er über die „1,5 Millionen Oldies“ gejauchzt, die seit der Volksabstimmung im Juni 2016 ins Grab gesunken sind.

Der Kritisierte verteidigt sich mit Jonathan Swift (1667-1745), dem Vorbild aller Englischsprachigen Satiriker, dessen „bescheidener Vorschlag“ (Im Original: A modest proposal), arme irische Kinder den Reichen zum Fraß vorzuwerfen, in die Literaturgeschichte eingegangen ist: Auch Swift habe „nicht ausgewogen“ geschrieben.

Tatsächlich gehört McEwan zu den wenigen Künstlern, die vor dem Referendum vergeblich vor dem Brexit warnten. Seither attestierte er dem Land beängstigende Orientierungslosigkeit und veröffentlichte Essays mit Titeln wie „Beichte eines engagierten Remainers“. Das Märchen von den Küchenschaben hat er nach eigener Aussage binnen weniger Wochen in diesem Sommer geschrieben. Vielleicht hätte dem Buch ein wenig mehr von der Zeit gutgetan, die dem Land vor dem angestrebten Brexit-Termin Ende Oktober auszugehen droht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion